Istanbul Apartmanı

fachbereichsübergreifendes Stipendienprogramm der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

2010 bis 2017, Istanbul-Kadıköy

Sieben Jahre lang verfolgte die BURG ein Stipendienprogramm mit einem Studio in Istanbul. In diesem Zeitraum konnten 47 Stipendiatinnen und Stipendiaten die Wohnung in Istanbul-Kadıköy nutzen. Das Besondere an dieser Stadt auf zwei Kontinenten, dieser vielzitierten Brücke zwischen Orient und Okzident, zwischen Europa und Asien: Istanbul affiziert einen sofort, wird für die Zeit des Stipendiums zu einer temporären Heimat. Es ist eine fordernde Stadt, zugleich einnehmend und befremdlich, stimulierend und erschöpfend, eine Stadt, die auch abstößt. Sie evoziert bisweilen eine Hassliebe, da der Lärm, das Verkehrschaos, die politischen Spannungen aufregen, die sinnlichen Eindrücke betören, da die Kultur- und Geschlechterdifferenzen zu Spannungen, gar offenen Konflikten führen können, die freundliche Offenheit der Istanbuler gegenüber den Fremden aber auch immer wieder beglückt.

Mit Wehmut haben wir das Programm im April 2017 aufgegeben – es hatten sich unterschiedliche Schwierigkeiten, auch neben der sich zuspitzenden politischen Situation zwischen Deutschland und der Türkei, entwickelt. Doch ist unser Austausch mit der Türkei nicht aufgegeben: Im August/September 2017 konnten Alumni der BURG ihre Werke bei der Sinopale 6, der Internationalen Biennale am Schwarzen Meer, präsentieren; über die Jahre geschlossene Freundschaften bleiben bestehen; es gibt Orte, denen wir verbunden bleiben, Möglichkeiten, weiter miteinander Projekte zu entwickeln.

Warum haben wir das Programm über sieben Jahre betrieben? Während des Studiums Auslandserfahrung sammeln zu können – nicht nur durch curricular eingetaktete Programme wie den Erasmus-Austausch – halten wir für äußerst wichtig. Istanbul ist für die BURG der Meltingpot einer besonderen, intensiven Partnerschaft. Die Stipendiaten wurden vor Ort individuell betreut und je nach ihren Interessens- und Arbeitsschwerpunkten konnten Kontakte vermittelt und spezielle, dem touristischen Blick verborgene Sehens- und Denkwürdigkeiten aufgesucht werden. So hatte sich in Kadıköy auch ein Netzwerk herausgebildet, welches den Stipendiatinnen und Stipendiaten ermöglichte, bereits während ihres Aufenthalts Ergebnisse und Erlebnisse in Galerien und Offspaces zu zeigen.

Neben dem Stipendienprogramm führten wir zudem unterschiedliche Projekte mit Partnern an der Mimar Sinan Güzel Üniversitesi und der Marmara University durch, bestehend aus gemeinsamen Workshops und Ausstellungen in Istanbul und Halle. Wir vernetzten Dozenten ebenso wie Studierende, arbeiteten langfristig gemeinsam an Themen und standen kontinuierlich miteinander in Kontakt. Das Wachsen und der Erfolg des Stipendienprogramms zeigten sich auch daran, dass viele Stipendiat*innen immer wieder nach Istanbul zurückkehrten und ihre Erfahrungen an ihre Kommiliton*innen weitergaben. für viele Stipendiat*innen war der Aufenthalt in Istanbul eine entscheidende, aufrüttelnde und weiterbringende Erfahrung. Es entstanden nicht nur vor Ort äußerst interessante, neue Wege für die Arbeitsweise der Stipendiat*innen. Sondern manche Potentialitäten des Istanbulaufenthalts wurden erst verzögert wirksam. Dabei schälten sich fluktuierende, einander überkreuzende Themen der künstlerischen Auseinandersetzung heraus. Ein Fokus war sicherlich die eindrückliche Stadtarchitektur, bestehend aus antiken, byzantinischen und osmanischen Bauten, dem italienisch geprägten Jugendstil, den glänzenden Skyscrapers, den zerfallenden oder hochglanzmagazintauglich rennovierten Holzbauten – und den leider nur noch marginal aufzufindenden Geccekondular, den über Nacht gebauten Einfachhäusern, die sich einst auch in den Senken der Innenstadt einnisteten. Vielen drängte sich der Sound der Stadt auf – ohrenbetäubend oder plätschernd – die Rufe der Verkäufer und Muezzin, der Katzen und streunenden Hunde, das Grundrumoren des Auto- und Schiffsverkehrs, die Musik, die Sprache, das Getöse des Lebens.

Für fast alle war das Sammeln und Ordnen der verschiedenen Sinneseindrücke und vorgefundenen Materialien ein Thema. Damit verbunden war die Nutzung und Beobachtung von speziellen Handwerkstraditionen und kulturellen Praktiken. Dabei drängte sich einerseits die Frage nach dem Umgang mit der enormen Vielfalt, mit der Überforderung auf; andererseits erschien es wichtig, eine Position zu gewinnen, gerade auch hinsichtlich der drohenden oder bereits umgesetzten Homogenisierungen, die aufgrund verschiedener Orientierungen in der Gesellschaft an Boden gewinnen: Da wäre zum einen die Westorientierung mit den global anzutreffenden Marken – oder als Gegenbewegung dazu die Islamisierung und Osmanisierung, mit der Identität behauptet wird.

Istanbul ermöglicht außerordentliche zwischenmenschliche Begegnungen, äußerst herzliche – aber auch feindselige – und damit verbunden die Erfahrung der eigenen Fremdheit. Deutlich wird die in der Türkei andersartig ausgeprägte Kontrolle durch Staat, Familie oder Gesellschaft. So werden die Grenzen der eigenen Wirkungsmöglichkeiten erfahren, diskutiert, überschritten. Ständig muss überprüft werden, wie man sich im öffentlichen Raum begenen kann. Aber auch wie sich der private Raum gestalten lässt, als Rückzugsort, als Varianten uneinsehbarer Nischen, auf die der türkische Staat Eingriffsrechte anmeldet, indem er z.B. das Zusammenleben von Nicht-Verheirateten unterbinden will, was eine biographische Legendenbildung seitens unserer Stipendiat*innen provozierte. Schließlich war ein drängendes Themenfeld der Umgang mit politischen Ereignissen. Die Erfahrung der Intensität der Auseinandersetzungen ist in Istanbul anders virulent als in Halle. Es bleibt nicht nur der vergleichende Blick zwischen Istanbul und Halle. Die besondere Intensität der Stadt am Bosporus wirkte und wirkt nach – und die dort gemachten Erfahrungen prägen unser Verständnis von den Möglichkeiten und Dringlichkeiten eines interkulturellen Austauschs.
(NB)

Projektverantwortliche:

Prof. Dr. Nike Bätzner
Prof. Bettina Göttke-Krogmann
Prof. Andrea Zaumseil

Betreuung in Istanbul: Silvia Bener

Kooperationspartner vor Ort, denen wir zu besonderem Dank verpflichtet sind:

Prof. Zeki Alpan, Prof. Dilek Alpan, Mimar Sinan Güzel Üniversitesi; Prof. Melih Görgün, Kurator und Prefessor u.a. an der Mimar Sinan Güzel Üniversitesi; Prof. Erkan Özdilek, Prof. Serife Atlihan, Prof. Nevin Enez, Marmara University; Silvia Bener, welche die Stipendiat*innen in Istanbul betreut hat.