Call for Papers

Call for Papers / Deadline: 17. Dezember 2012
Gemeinsame Tagung „Kitsch. Vom Nutzen der Nicht-Kunst“ der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg am 25./26. Juni 2013 an der Burg.

 

Kitsch. Vom Nutzen der Nicht-Kunst
Tagung
Halle (Saale), 25./26. Juni 2013
Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

Gemeinsame Tagung der Fachgebiete Kunst- und Designgeschichte (Prof. Dr. Nike Bätzner, Prof. Dr. Matthias Noell), Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und der Professur für Neuere und neueste deutsche Literaturwissenschaft, Forschungsstelle Massenphänomene, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Prof. Dr. Andrea Jäger)

Call for Papers
Deadline: 17. Dezember 2012

Wir bitten um Abstracts (max. einer A4 Seite) für einen etwa 30-minütigen Beitrag im thematischen Rahmen der drei Sektionen sowie eine Kurzvita inklusive Kontaktdaten bis 17. Dezember 2012 per E-Mail bitte an untenstehende Adressen.

Eine Publikation der Beiträge ist geplant.

Kontakt
Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
Kunstgeschichte
Prof. Dr. Nike Bätzner
baetzner(at)burg-halle.de
Design- und Architekturgeschichte
Prof. Dr. Matthias Noell
noell(at)burg-halle.de

Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Germanistisches Institut
Forschungsstelle Massenphänomene
Prof. Dr. Andrea Jäger
andrea.jaeger(at)germanistik.uni-halle.de

Kitsch. Vom Nutzen der Nicht-Kunst
Kitsch ist Kult. Das gilt gerade auch für die bildende Kunst. Was einst als Trash, Salonkunst oder geschmackloser Plunder im Sinne einer minderwertigen Populärkultur verworfen wurde, findet zunehmend Eingang in Privatsammlungen und die das kulturelle Erbe verwaltenden Institutionen. Ohnehin machte Kitsch schon immer „Kasse“ und ist aus der industriellen Formproduktion nicht wegzudenken. Künstler und Gestalter aller Sparten vereinnahmen den Kitsch und lassen ästhetische Kategorisierungen unwirksam werden. Im Pluralismus der Ausdrucksformen scheint alles akzeptabel. Doch haben wir es hier womöglich mit einer Scheinliberalität (Hanno Rauterberg, Die Zeit, 18.10.2012) zu tun, welche die elitäre Aufteilung des Kunstmarktes nur dürftig überdeckt? Und wie steht es mit den anderen Künsten, der Literatur und dem Film? Sind dort ähnliche Umwertungen erkennbar? Ist das Geschmacksurteil auch über die Deutungsmacht der „Kulturwirtschaft“ hinaus wirklich ad acta gelegt? Oder wird das Kitschargument nicht immer noch genutzt, um Abgrenzungen zu schaffen zwischen ernstzunehmender künstlerischer Äußerung und einem massenkonformen Produkt, das trivialer Unterhaltung oder gefühliger Ruhigstellung dienen soll, zwischen „wahrer“ und „falscher“ Kunst?

Die Tagung zielt weniger auf klassifizierende Einteilungen und neue Etikettierungen. Vielmehr gilt das Augenmerk den ästhetischen, kulturellen und politischen Funktionsbestimmungen des Kitsches: dem Diskurs der Vermittlung ästhetischer Normen, dem ästhetischen Wahrnehmungsverfahren in Krisenzeiten, dem Schauplatz im Kampf um gesellschaftliche und kulturelle Wertungen.

Erwünscht sind Beiträge zu den drei Sektionen aus den Bereichen der Kunst-, Design-, und Architekturgeschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft, Medienwissenschaft, Sozial- und Wahrnehmungspsychologie, Politikwissenschaft, Soziologie und Ethnologie.

Sektionen

  • 1. Gute Dinge Schlechte Dinge. Geschmackserziehung durch Kontrastmittel
  • 2. Kitsch und Krise. Zur Wahrnehmungsform des Blicks durch die Rosa Brille auf die Welt der harten Fakten
  • 3. Kitsch als Kampfbegriff. Praktiken der Aneignung und Umwertung

 

1. Gute Dinge Schlechte Dinge. Geschmackserziehung durch Kontrastmittel

Im 18. Jahrhundert wird im Medium des Kupferstichs die Bildstrategie des guten und des schlechten Vorbilds allgemein etabliert. William Hogarths oder Daniel Chodowieckis Bildpaare zielen über den Vergleich auf eine Vermittlung einer vermeintlich moralisch „richtigen“ Haltung, deren Überlegenheit jedoch erst durch das negative Gegenbild sichtbar wird. Politisch-religiös überhöht bediente sich auch Augustus Welby Northmore Pugin dieses didaktischen Kunstgriffs, der ihm nun sogar erstmals für eine ganze Buchkonzeption genügte.

Ab 1900 gelangte diese Vermittlungsstrategie in den Diskurs der Reformkräfte im Bund Heimatschutz, im Dürerbund, in der Denkmalpflege sowie auch im Deutschen Werkbund. Gute und schlechte Gestaltung wurden nun in einem Atemzug genannt und bildlich als Beispiel und Gegenbeispiel gegenübergestellt, bis schließlich die sogenannte „gute Form“ vor der Folie des nun nicht mehr offen gezeigten Kitsches zum Abstecken der Positionen zu genügen schien. Immer aber war damit eine moralisch-pädagogische Stoßrichtung verbunden, eine „Geschmackserziehung“ (Hermann Muthesius) im Sinne der Autoren intendiert. Dabei gingen diese von der Überlegung aus, dass die häusliche und städtische Umgebung des Menschen, dass der gestaltete Gegenstand selbst einen direkten Einfluss auf sein moralisches Verhalten ausüben könne. Der schlecht gestaltete Gegenstand war in dieser Logik gleichermaßen Ursache wie Ausdruck gesellschaftlicher wie ästhetischer Verfehlungen, und musste mit den zur Verfügung stehenden didaktischen Mitteln bekämpft werden.

In der Sektion werden Positionen, Argumente, Medien und Strategien zur Abgrenzung der verwendeten Feindbilder vom 19. Jahrhundert an bis heute mit einem Schwerpunkt auf der Geschichte des Kunstgewerbes und Designs, der Architektur und der Alltagskultur untersucht. Explizit eingeschlossen sind dabei jene Epochen, in denen auch von staatlicher Seite in die Entstehung oder Veränderung ästhetischer Normen durch die Propagierung guter und schlechter Beispiele eingegriffen wurde.

2. Kitsch und Krise. Zur Wahrnehmungsform des Blicks durch die Rosa Brille auf die Welt der harten Fakten
Wenn die Krise herrscht, dann boomt der Kitsch. „Mit Kitsch aus der Krise“, „Kitsch zur Krise“, „Kitsch statt Krise“, „Kitsch gegen die Krise“ – so lauten nur einige der Schlagzeilen aus den Krisenjahren 2008 bis 2012 zu Mode, Kunst und Kunsthandwerk, zu aktuellen Filmen, Romanen, Monarchenevents, Adventskalendern… Kaum eine gesellschaftliche Sphäre, in der die Logik nicht präsent ist, dass der Kitsch für Bürger wie Obrigkeiten eine Lösungsstrategie aus der Krise, genauer: aus der Krisenstimmung bereit halte. Das Phänomen erfährt gegensätzliche Bewertungen: Es wird bewundert als Heilmittel und bespöttelt als billiges Surrogat. Beiden liegt eine vergleichbare Vermutung über ein kulturelles Zusammenspiel zugrunde, deren Kern lautet: Der Kitsch überspiele das Krisengeschehen mit der Inszenierung/Vortäuschung einer schönen, heilen Welt. Entsprechend fliehe der krisengeschüttelte Mensch vor der harten Wirklichkeit in eine intakte Scheinwelt. Kitsch und Realitätsbewusstsein erscheinen als eine unüberbrückbare Opposition. An dieser Beschreibung des Kitsch als eine ästhetische Überbietungsgeste, die der Wirklichkeit performativ den Rücken kehrt und ohne das schlechte Gewissen des guten Geschmacks eine Welt der Idylle oder des Glamour fingiert, setzt die Sektion an. Sie geht der Frage nach, ob diese angenommene Opposition zutrifft oder ob nicht umgekehrt auch in den als Kitsch apostrophierten kulturellen Produkten ein realistisches Moment innewohnt, ohne das der „Betäubungseffekt“ nicht auskommt. Wieviel Wirklichkeit enthält das Surrogat? Wie realistisch ist die heile Welt? Wie interpretiert der Kitsch die Krise?

3. Kitsch als Kampfbegriff. Praktiken der Aneignung und Umwertung
In der zeitgenössischen Film- und Kunstkritik wird der Kitsch-Verdacht zum Teil zur Abwertung von künstlerischen Werken und Positionen genutzt, die von Kunstmarkt, Sammlern oder einer größeren „kunstinteressierten Öffentlichkeit“ durchaus anerkannt sind. Begriffe wie „Betroffenheitskitsch“, „Rührkunst“, „Öko-Kitsch“ sind schnell bei der Hand. Auffällig daran ist, dass häufig künstlerische Haltungen mit dem Kitsch-Attribut belegt werden, die politisch heikle Themen, historische Traumata, Schwellenerfahrungen, Schmerz und Tod, sexuelle Rollenzuschreibungen oder die Bezugnahme auf natürliche Ressourcen befragen – also gerade Situationen, die „betroffen“ im Sinne von „engagiert“ sind und denen entweder eine stereotypisierende Verharmlosung oder aber eine unpassende dramatische Aufladung unterstellt wird. Geht es also darum, engagierte Positionen als „Gesinnungskitsch“ zu diskreditieren? Und hat diese Zuschreibung wirklich etwas mit den künstlerischen Ausdrucksweisen zu tun oder eher mit ideologisch geprägten Diskursen der Dominanz, Ökonomie und kulturellen Hegemonie?

Um sich aus solchen Zuschreibungen zu befreien münzen aber auch KünstlerInnen das abwertende Kitsch-Urteil um in ein Spiel mit Plattitüden, Klischees und Dekor, mit Konsumismus ebenso wie mit Rollen und Geschmacksnormen. Beim Verwischen der Grenzen zwischen high and low greifen sie zu Parodie, Groteske und pornografischer Provokation, nutzen Übertreibungs-Praktiken des Camp (Susan Sontag) ebenso wie die formale Trivialisierung. Infolge des erweiterten Kunstbegriffs, des Duchampschen Nominalismus sowie der postmodernen Abkehr von den „großen Erzählungen“ (Jean-François Lyotard) werden Original und vermeintliche Authentizität abgelöst durch ein Sampling und Recyclen von massenkulturellen Phänomenen aus der Pop- und Alltagskultur. Mit einer solch horizontal egalitären Bewegung werden Geschmacks- und Werturteile ausgehebelt.

Die Inanspruchnahme des Kitschs geschieht also in zwei Richtungen. So fragt die Sektion nach den Bewegungen zwischen Kunst und Kitsch, den Zuschreibungsbehauptungen und der Durchlässigkeit von Wertsetzungen und will dabei alle Künste in den Blick nehmen.