Der Körper im Zentrum

Am Montag, dem 4. April 2011, lud der Fachbereich Kunst Studierende der Burg zu einem Gespräch mit Berlinde De Bruyckere in die Stiftung Moritzburg ein. Dort ist die Bildhauerin mit der Sonderausstellung „Mysterium Leib“ zu Gast.

 

Fünf Plastiken der belgischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere sind seit dem 2. April im großen Ausstellungsraum der Stiftung Moritzburg zu sehen. Drei von ihnen wurden extra für die Schau im Landesmuseum angefertigt. Dazu gehört neben dem aus Epoxid-Harz geformten Abbild eines toten Hirsches auch ein nacktes, kopfloses Paar aus gleichem Material. Um mehr über die Idee hinter den Skulpturen und deren Entstehungsgeschichte zu erfahren, organisierte Dr. Nike Bätzner, Professorin für Kunstgeschichte an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, ein Gespräch mit der Bildhauerin Berlinde De Bruyckere und Cornelia Wieg, der Kustodin der Ausstellung. Rund 70 Studentinnen und Studenten der Kunsthochschule Halle nahmen die Möglichkeit wahr.

Inmitten der Plastiken verdeutlichte Cornelia Wieg in einer Einführung deren Anliegen. Aus ihrer Sicht sollen die kopflosen Figuren den Blick des Betrachters auf den Körper lenken und so ein Bewusstsein für den menschlichen Leib schaffen. Dieser ist bei De Bruyckeres Werken deformiert, bleich und von roten und blauen Farben durchzogen, die Verletzung und Verwundung implizieren. „In den Medien werden Menschen mit glatten Oberflächen gezeigt. Doch so sind wir nun Mal nicht“ , fasste die Kustodin eine Kernaussage der Plastiken zusammen und verweist zudem explizit auf den Herstellungsprozess der Exponate. Die menschlichen Leiber werden nicht, wie eine Boulevardzeitung nach der Eröffnung der Ausstellung vermutete, nach Abbildern von Toten geformt. Berlinde De Bruyckere arbeite unter anderem mit Tänzerinnen und Tänzern zusammen und nehme deren Körper als Vorlage. Gerade dieser Realitätsbezug hebe die Plastiken von bekannten Darstellungen des menschlichen Körpers ab, bleibe dabei aber nicht im Realismus stecken, wie beispielsweise die populäre Ausstellung „Körperwelten“ .

Die Belgierin selber ging in ihren Ausführungen vor allem auf die Inspiration zu den ausgestellten Werken ein. Dabei spielte ein eher unbekanntes Schmerzensmann-Bild von Lucas Cranach dem Älteren, das als Postkarte bei Berlinde De Bruyckere im Atelier hängt, eine wichtige Rolle. Es zeigt den verwundeten Jesus Christus nach der Kreuzigung, wobei die Künstlerin vor allem der Ausdruck von Schmerz und Qual im Bild faszinierte. Diese Impression wollte sie auch auf die Skulpturen übertragen und die Verletzbarkeit des Körpers demonstrieren. Neben Lucas Cranach beeinflusste auch der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini die Plastiken. Ein Liebespaar aus seinem Film „Il Decameron“ bildet die Vorlage für Berlinde De Bruyckeres Epoxid-Harz-Pärchen, das umschlungen und auf Kissen gebettet am Boden liegt. Zudem kennzeichnete die Bildhauerin den toten Hirsch als Portrait Passolinis. Der geschundene und kopflose Tierkörper referiert auf den Tod des Regisseurs. Dieser wurde 1975 ermordet und dabei übel zugerichtet.

Die Kopflosigkeit der Plastiken war auch eines der zahlreichen Themen, die die Studentinnen und Studenten der Burg im Gespräch interessierten. Berlinde De Bruyckere und Cornelia Wieg erklärten, dass dadurch eine Individualisierung der Figuren vermieden und der Fokus auf den Körper gelenkt werden soll. Ergänzend fügte Prof. Dr. Nike Bätzner noch an, dass diese Fokussierung jedoch nicht in der Tradition der Torsobildhauerei steht, von der kopflose, jedoch sehr abstrakte Plastiken bekannt sind. Viel mehr sei Berlinde De Bruyckere ganz nah am Menschen dran.

Die Ausstellung „Mysterium Leib“ ist noch bis zum 3. Juli 2011 in der Stiftung Moritzburg – Landesmuseum des Landes Sachsen-Anhalt zu sehen. Begleitet wird sie von Führungen, pädagogischen Angeboten und einer Filmreihe zum Werk von Pier Paolo Pasolini.

Julius Lukas, 5. April 2011

Website der Stiftung Moritzburg, Halle

www.stiftung-moritzburg.de