Lesung 18.5. "Keks, drugs and rock'n'roll" Laszlo Virag, in Ungarn geboren, einige Zeit in Ostberlin gelebt, reist Mitte der 80er Jahre als "Ossi" in die USA. Mit $2,50 am Tag trampt er durchs Land. Er wohnt bei Indianern, wandert nachts durch Harlem und lernt allerlei kulinarische Highlights kennen. In der Lesung stellte er u.a. die Küchenstorys seiner Reise vor. Dazu gab es passend Popcorn und Cola. Anschließend wurde zur Lesesession eingeladen. Auf einem Regal stand eine Auswahl von Büchern mit rot markierten Küchenszenen, so dass jeder daraus vorlesen konnte. |
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Textauszug New York City im Central Park … …Das muss ich erstmal verdauen mit einem Luxuslunch. In der nächsten „Salat Bar“ kaufe ich mir einen Kiwi- Bohnen- Reis- Ei- Grünsalat- Karotten- und noch was das Zeug hält Vitaminbomber. Drei neunzig! Aber Schwamm drüber, man muss den Vitaminmangel ausgleichen, nichtwahr. Also Salat in Plasteschüssel, die Sonne strahlt fröhliche Wärme. Ab in den „Central Park“! Ich setze mich ins Gras und falle sogleich über die Schüssel her. Mein Magen kann sich kaum mehr halten und übernimmt die Regie. Ein Riesenfraß mit dermaßen Wonne! Magenorgie! Aber inmitten des Tobens meiner Eingeweiden ruft eine leise Stimme irgendwo in meinem Kopf: „Pass auf!“ Ich blicke auf und: Der „Frankenstein-Typ“ von vorgestern steht wie ein gebücktes Tier neben einem Baum und stiert. Aber nicht auf mich sondern auf das Essen. Er kommt näher und glotzt auf meine Salatschüssel, als ob es mich gar nicht gäbe. Ich muss ihn intensiv böse anschauen, damit er so zehn Schritte entfernt stehen bleibt. Jetzt, wo die Sonne scheint, ist seine Figur noch erschreckender als damals bei Abendgrau. Seine Augen sind aufgerissen, dass sie fast herausspringen, aber sein wachsgraues, in farblosen Kopfhaar- und Bartfilz-Batzen verpacktes Gesicht ist völlig ausdruckslos. Er beginnt, langsam um mich herumzulaufen. Manchmal bleibt er stehen und starrt auf mein Futter, sogar dann, wenn er hinter mir ist und mein Rücken es verdeckt, beobachtet er es haargenau. Aber ich behalte ihn auch im Auge und esse. ‘Esse wie ein Doppelwesen: Ein Tier, das zähneknirschend seinen Fraß verteidigt, und ein Mensch, der trotzdem den Geschmack genießen will. Irgendetwas flüstert in mir, ich müsste es mit ihm teilen. Aber mein momentaner Instinkt brüllt in mein Ohr: Hier ist jeder nur für sich selber verantwortlich. Hier werden Opfer gesucht und nicht mitleidvolle Vagabunden, denen man dann als Dankeschön die Kehle durchschneiden würde. Aber trotzdem...!
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