Störfaktoren
Projekt im Museum Abtei Liesborn vom 3. – 6. Mai 2007
Projektkonzept und Betreuung: Prof. Una Moehrke und Prof. Magdalena Drebber
Die Studierenden des Fachgebietes Kunsterziehung und Kunstpädagogik waren von Dr. Benny Priddy, Direktor des Kunst- und Kulturgeschichtlichen Museums des Kreises Warendorf in Westfalen ins Museum Abtei Liesborn zu dem Projekt ‚museum activa’ –‚Störfaktoren’ eingeladen worden. In dem dreitägigen Projekt waren die Studierenden aufgefordert, das Beziehungsgeflecht von Besuchern, Präsentation, Artefakten und Ort durch künstlerische Interventionen zu durchleuchten. Sie waren konfrontiert mit einer sehr umfangreichen Sammlung mit Objekten der Kunst- und Kulturgeschichte der Region, die in den weitläufigen Sälen, Fluren und Flügeln einer ehemaligen Benediktinerabtei des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts untergebracht ist.
Stein- und Holplastiken, liturgische Gewänder, Goldschmiedearbeiten und vor allem Arbeiten des Meisters von Liesborn aus dem 15. Jahrhundert, einem Hauptvertreter der westfälischen mittelalterlichen Tafelmalerei, sowie Gemälde des niederländischen 17. Jahrhunderts, Gemälde, Plastiken und Druckgrafiken des 19. und 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart präsentieren sich nicht nur in den Räumlichkeiten des ehemaligen Klosters, vielmehr auch in einem 2004 fertig gestellten Neubauflügels des Architekten Prof. Dieter Baumewerd. Möbel und kunstgewerbliche Artefakte vom Mittelalter bis heute ergänzen die Kunstsammlung und stellen in der Präsentation die Kunstwerke in Verbindung mit dem Lebensumfeld der jeweiligen Epoche. Als einmalig ist die Spezialsammlung von über 500 Kruzifixen, Kreuzen und Kreuzigungsdarstellungen, im Dachgeschoss des ehemaligen Klosters untergebracht, zu werten, die sich der Entwicklung der künstlerischen Behandlung der Gekreuzigten von der Spätantike bis zur Gegenwart widmet. Diese weiträumige Präsentation verwandelte sich in den drei Tagen zum Ort und Gegenstand künstlerischer Forschungsarbeit. Die Studierenden zogen und tauchten ein in Räume von Tönungen, Stimmungen, Schwingungen, von Artefakten und Sammlungen, sie betrieben Atmosphärenforschung. Es bedeutete auch, dass sie auf Campingmatten im Museum übernachteten und die Besuchertoilette für die tägliche Wäsche nutzten.
Die Arbeiten der Studierenden zeigten eine große Bandbreite, begonnen mit sehr feinen, kaum wahrnehmbaren, beinah beiläufigen Eingriffen wie von Janina Schmid, dem Anbringen eines Vergrößerungsspiegels hinter dem Schlüsselloch einer mittelalterlichen Klostertür bis hin zu skulpturalen und installativen Arbeiten, die sich mit dem Ort und der Ausstellung temporär verbanden, wie beispielsweise die Sitzmöbelskulptur von Elisa Daubner, der Soundinstallation von Frederick Kochbeck oder dem Strickkreuz von Anne Holderied. Das Spektrum umfasste auch projekthafte, aktionistische und performative Interventionen, wie die Performance von Lysann Vahrenhold und Sabine Töpper. Die Arbeiten waren nicht nur auf die Innenräume des Museums bezogen, Bernd Neumann hisste das vergrößerte Repro eines Spruchtuches scheinbar unscheinbar auf den Fahnenmast im Außenbereich der Museumsanlage.
Die vielfältigen Arbeiten sind als künstlerischen Interventionen als Störfaktoren und Irritationsmomente einer Kunst- und Kulturgeschichtlichen Museumspräsentation und zugleich als eigenständige künstlerische Arbeiten zu lesen. Die Studenten begriffen das Museum nicht als primär didaktische Einrichtung, die anhand von Kunst- und Trivialobjekten die Geschichte menschlicher Ausdrucks- und Lebensformen illustriert. Mit spielerischer, beinah artistischer Kompetenz beunruhigten und forderten sie den Museumsbesucher in seiner Wahrnehmung, bereicherten den Bestand und die Sammlung des Hauses um vielfache Deutungen und Inhalte und traten als neue Sinngeber auf. Sie verwandelten sich zu Intendanten der Sammlung und des Hauses und führten unerwartete Themen auf, die tiefer liegende Energien, Momente, Sinnzusammenhänge zum Klingen brachten. Das Museum Abtei Liesborn wurde zu einem neuen Erlebnisraum, den die routinierten Besucher mit einer veränderten Wahrnehmung oder zumindest einer Portion Skepsis wieder verließen. Dem Gedanken von Peter Sloterdijk folgend, wurde der Institution Museum eine wesentliche Funktion, die xenologische, sehr deutlich zugewiesen.















