Gegenbilder. Filmische Subversion in der DDR 1976 - 1989.

Am 14. 11.2012 spricht Claus Löser als Gast des Fachgebiets Zeitbasierte Künste über Filmische Subversion und Wege unabhängiger Ausstellungskultur in der DDR.

 

Gegenbilder. Filmische Subversion in der DDR 1976 - 1989.

 Dass es in der Spätphase der DDR neben den offiziellen Bilderfabriken von Babelsberg (DEFA) und Adlershof (Fernsehen) auch eine lebendige filmische Subkultur gegeben hat, ist noch immer weithin unbekannt. Dabei werden gerade in Zeiten unseliger „Ostalgie“ und Restauration Zeugnisse einer von der Staatsdoktrin abweichenden Perspektive immer wichtiger.

 Erst nach 1976, nach dem so genannten „Biermann-Schock“, der endlich zu einer Zäsur unter den linken Intellektuellen der DDR geführt hat, konnte es zur Bildung einer authentischen Gegenkultur kommen. Es trat eine völlig neue Künstlergeneration in die (beschränkte) Öffentlichkeit; eine Generation, die sich befreien konnte von den Verklärungen der Aufbaujahre. Man gab sich nicht länger der Illusion hin, von innen heraus die vorgefundene Gesellschaft ändern zu können, quasi auf die Potenzen eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu setzen. Stattdessen schuf man sich eine eigene Wirklichkeit, produzierte "Gegenbilder". Nicht zufällig entstanden zu Beginn der 80er überall im halben Land Selbsthilfe-Galerien, wurden im Siebdruckverfahren Zeitschriften hergestellt, scherten sich Punkbands nicht länger um ein „staatliches Spielerlaubnis“. Und es wurden viele Meter Schmalfilm belichtet, die u.a. in privaten Räumen, im Rahmen der offenen Kirchenarbeit, in Galerien und Konzertsälen zur Aufführung gelangten. In Rosenwinkel, Berlin, Dresden, Greifswald und Karl-Marx-Stadt gab es sogar improvisierte Festivals.

 Es waren zunächst Maler, die Ende der 70er Jahre das brachliegende Medium des Super-8-Films für sich entdeckten. Mittels der eigentlich für Urlaubsaufnahmen vorgesehenen sowjetischen „Quarz“-Kamera machten sie sich daran, ihre Ausdrucksskalen zu erweitern, das Dogma des klassischen Tafelbilds aufzubrechen. Später, als sich der Schwerpunkt der subkulturellen Szene mehr und mehr von Sachsen aus nach Ost-Berlin verlagerte, änderte sich auch die Filmsprache, wurde erzählerischer. Heute verblüfft vor allem der über große Strecken apolitische Gestus der Filme. Konkrete Angriffe auf Umweltprobleme oder die Militarisierung des Alltags wird man z.B. vergeblich suchen. Vielmehr scheint es, als hätte eine regelrechte Verweigerung gegenüber der DDR-Banalität vorgeherrscht. Womit man täglich unfreiwillig konfrontiert war, sollte nicht auch noch Eingang in die Gefilde der Kunst finden. Dennoch fungieren die vorliegenden Filme, vielleicht sogar unfreiwillig, als wertvolle Zeitkapseln von hohem dokumentarischem Wert.  (Claus Löser)

14 Uhr alter Seminarraum / Campus Kunst. 

Dr. Claus Löser: Geboren 1962 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). Seit 1980 entstehen Texte, Musik und Filme. 1990 bis 1995 Filmstudium in Potsdam-Babelsberg (Diplom). Seit 1990 Programmgestalter für das „BrotfabrikKino“ in Berlin. Seit 1992 freier Filmkritiker (u.a. für taz, Berliner Zeitung, film-dienst). 1996 Gründung der Sammlung „ex.oriente.lux – Experimentalfilmarchiv Ost 1976 – 1989“ und Herausgabe des Buchs „Gegenbilder – Filmischer Subversion in der DDR“. 2009: Dokumentarfilm „Behauptung des Raums - Wege unabhängiger Ausstellungskultur in der DDR“. 2011: Promotion. Arbeitet als Autor, Filmemacher, Kurator und Lehrbeauftragter in Berlin.