Die Wahrheit im postfaktischen Zeitalter.
Glanz und Elend

Prof. Dr. Mirjam Schaub
SEMINAR
Wahrheit im postfaktischen Zeitalter.
Glanz und Elend
Dienstag, 16:15–17:45 Uhr
Ort: Seminarraum Mediathek, Neuwerk 7
Beginn: 10. Oktober 2017

Bernd Moelck-Tassel und Dieter Böge @ vor 2015

Wahrheit ist in der Philosophie schon immer ein Konzept leidenschaftlichen Streits gewesen. Die Übereinstimmung (adaequatio) einer Sache mit dem Sprechen und Denken über sie, ist lediglich eine scholastische Minimaldefinition. Geht es um Entsprechung, Korrespondenz oder um Widerspiegelung, Identität? Ist Wahrheit nicht selbst ein identitäres, dogmatisches oder bestenfalls tautologisches Konzept, das es verdiente, historisch – u.a. durch den Poststrukturalismus – korrigiert zu werden, indem man auf die Konstruierbarkeit von Wahrheiten durch mediale Prozesse und soziale Dynamiken verwies?

Warum verliert die gewissenhafte Prüfung von Gründen, die Ermittlung von Sachverhalten, die Feststellung von Kohärenz und Stimmigkeit an Popularität? Warum gewinnt die Aura des Vertrauens, des Vertrauten und des Glaubenwollens die Überhand? Warum wird das, was man an den Poststrukturalisten als Beliebigkeit kritisierte, nun zum machtvollen Instrument der Neuen Rechten?

Was ist angesichts dieses Szenarios von den überlieferten Kriterien der Philosophiegeschichte zu halten, um Aussagen für „wahr“ anzuerkennen: Widerspruchsfreiheit, Minimalkonsens, sinnliche, diskursive oder performative Beglaubigungen, transpersonale und überindividuelle Geltung im Dialog u.v.m.? Reicht dieses Instrumentarium aus – oder ist es stumpf geworden, und wenn ja, warum?

Das Seminar wird sich vor dem Hintergrund dieser Tradition mit den sog. „alternativen Fakten“, der „Lügenpresse“ und den „fake news“ auseinandersetzen. Mit der Dreistigkeit ihrer Behauptungen, mit ihren medialen Beglaubigungsstrategien, mit Technologien, die – wie facebook-Algorithmen – den „usern“ nur ähnliche, nicht aber differente Positionen zuspielen und so eine Aura der geteilten Ähnlichkeiten verbreiten, samt dem wohligen Gefühl, „viele“ zu sein.

Zuletzt – und wie zur Kur – soll ein Seitenblick auf die lange Kulturgeschichte der Avatare, Dummies und Zombies geworfen werden, also auf „kontrafaktische“ Materialisierungen unserer selbst bzw. unserer Kultur unter dem Aspekt der Ähnlichkeit, die durch eine minimale Differenz (wie dem Fehlen von Bewusstsein) zugleich radikal entstellt wirkt.

Diese künstlerischen, genuin fiktionalen, dabei immer im Sinnlich-Konkreten operierenden Entstellungen sollen dabei helfen, Glanz und Elend der philosophischen Idee(n) von Wahrheit selbst besser zu verstehen.

Der Besuch von Katharina Jungen (Meisterschülerin aus Weißensee und Doktorandin an der HCU Hamburg) mit einer Arbeit über das von ihr gegründete Institut für Falsifikate im Seminar ist angedacht. Ob ihre praktischen wie theoretischen Arbeiten „experimentelle Diskursanalysen“ (Sibylle Peters) liefern oder eher als prophetische Interventionen zu deuten sind, wird sich zeigen.

Zu Semesterbeginn wird auf den Seiten der Bibliothek ein digitaler Semesterapparat bereitgestellt, der ausgewählte Primärtexte von Freud, Adorno, Heidegger, Gadamer, Anders, Derrida, Foucault, Simon Critchley, Martin Doll u.v.m. enthält, welche die wöchentliche Pflichtlektüre, das „Rückgrat“ der Seminardiskussion bilden. Außerdem werden in der ersten Sitzung Referatstexte zu speziellen Autoren bzw. Texten vergeben.

Scheinanforderung:

  • Regelmäßige Teilnahme, max. 2 entschuldigte Fehltermine (nachrichtlich an: gloeckler@burg-halle.de)
  • Leidenschaftliches Quellenstudium
  • Diskussions- und Analysefreudigkeit
  • die anschließende, schriftliche Ausarbeitung einer selbstgewählten Frage aus dem Umfeld als Hausarbeit während der Semesterferien (Abgabe: 15. März 2018).

Zur Einstimmung: http://blogs.faz.net/10vor8/2015/01/16/der-mut-zur-wahrheit-ist-der-neue-ernst-des-lebens-3547/ "Der Mut zur Wahrheit ist der neue Ernst des Lebens. Über die Radikalität von Charlie Hebdo, die Unausweichlichkeit blasphemischer Äußerungen und die Zumutungen der freimütigen Rede." F.A.Z. blog vom 16. Januar 2015

Lehrende(r)

  • Prof. Dr. Mirjam Schaub

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