Venedig. Von Menschen, Masken und Mäusen

Prof. Dr. Mirjam Schaub
BLOCK-SEMINAR in der Einführungswoche
Zeit: 2. Oktober bis 6. Oktober 2017, jeweils 10.30-12 und 14–15.30
Ort: Seminarraum Mediathek, Neuwerk 7
Beginn: 2. Oktober 2017

ACHTUNG: Um Anmeldung bis zum 17. September per mail an schaub@burg-halle.de wird gebeten. Referatsvergabe per Mail vorab.

Pietro Longhi: Exhibition of a Rhinoceros in Venice (1751)

Ausgehend von einem skeptischen Menschbild, verbanden die Venezianer auf einzigartige Weise Händlerschläue mit dem Glauben an Institutionen und Prozeduren, welche die prinzipielle Korrumpierbarkeit jedes Menschen untergraben sollte. Jedes Amt wurde deshalb zeitlich eng begrenzt, Wahlpausen waren Pflicht, Wissen rotierte, damit keine Familie über eine andere Macht gewann. Sieben Wahlgänge, in denen sich Lotterie mit Beratung abwechselte, machten die Dogenwahl (einzig sie auf Lebenszeit) zum fälschungssichersten Verfahren der Welt.

Im Dogen-Palast werden bereits im 14. Jahrhundert Partizipation und Exklusion in ihrer skandalösen Wechselseitigkeit architektonisch sichtbar: Der politische Einschluss vieler (bis zu 2.700 wahlberechtigter Patrizier) in einem 55 mal 25 großen Saal (ohne Säulen) und der gleichzeitige Ausschluss fast aller in den angrenzenden Kabinetten des geheim tagenden ‘Rats der Zehn’, existieren in Venedig wie zwei gleich willkommen geheißene Mächte in friedlicher Eintracht und großer räumlicher Nähe nebeneinander.

Erträglich wurde das Leben in der bald viel zu engen Stadt jedoch nur durch die Erfindung einer sehr speziellen Maske, die weder etwas mit Karneval noch mit comedia dell’arte, also Straßentheater, zu tun hat: die bautà verbindet die namensgebende schwarze Kapuze, ein Cape, einen Umhang (tabarro) und einen Dreispitzhut mit einer weißen Maske (larva oder volto), die keine individuellen Züge trägt, Männern wie Frauen offensteht.

Als Gesellschaftsmaske erfreute sie sich zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert wachsender Beliebtheit. Auf unzähligen Canaletto, Longhi und Guardi-Gemälden ist sie bei bald jedem öffentlichen Anlass zu sehen; vor allem aber revolutionierte sie das gesellschaftliche Leben, indem sie eine einfache Form der Anonymisierung ermöglichte. Sie erlaubte der Republik und ihren Bürgern beiderlei Geschlechts libertinäre Praktiken unter Wahrung der Etikette. Auch war sie bald nicht mehr dem Adel vorbehalten.

Der Komikzeichner Lloyd, der in den 1980er Jahren die irreführend nach Guy Fawkes benannte Grinse-Maske ersann, die sich später Bewegungen wie ‘Anonymous’ zunutze machte, ließ sich von der venezianischen bautà inspirieren.

Das Blockseminar führt in die komplexe Struktur der venezianischen Gesellschaft ein. Es wird anschließend mit dem Konzept eines „widerständigen Humanismuss“ der diesjährigen Kuratorin der Biennale di Venezia, Christine Macel, ins Benehmen gesetzt.

Jede/r Exkursions-Teilnehmer/in hat zwei Kurz-Referate vorzubereiten, eines für das Seminar, eines für die Exkursion; doch genügt es in den Semesterferien nur eines zu verschriftlichen. Für Teilnehmer¬_innen ohne Exkursion genügt ein etwas längeres Referat und seine anschließende Verschriftlichung.

Mögliche Themen:

Auswahl eines Länderpavillons, einer bestimmten künstlerischen Position

Peggy Guggenheim in Venedig und der Beginn der Biennale

Kurze Skandalgeschichte der Biennale

Casanovas Flucht aus den Bleikammern

Die Architektur des Dogenpalasts

Die venezianische Gesellschaft

Venezianische Masken

Geschichte der Arsenale

Academia

Ca’Rezzonico

Das jüdische Ghetto und seine Synagogen

Das Museo Correr

Die scuole …

Scheinanforderungen:

  • Regelmäßige Teilnahme (max. 1 entschuldigter Fehltermin, an: gloeckler(at)  burg-halle.  de)
  • Leidenschaftliches Quellenstudium
  • Diskussions- und Analysefreudigkeit
  • Zwei Kurz- oder ein Langreferat, sowie deren anschließende Verschriftlichung (Abgabe: 15. März 2018). 

Lehrende(r)

  • Prof. Dr. Mirjam Schaub

Lehrende(r)

  • Prof. Dr. Mirjam Schaub