Ästhetik (nicht erst seit 1750)

Professur für Philosophie, Prof. Dr. phil. Mirjam Schaub
Telefon +49(0)345 7751 691, schaub(at)  burg-halle.  de

Ästhetik (nicht erst seit 1750)

Warum gibt es Kunst – und ist das Ästhetische, das in ihr einsenkt ist, womöglich noch älter als diese? Nimmt das künstlerische Artefakt und seine spätere Überhöhung zu einem Kultgegenstand in allen Kulturen seinen Ausgang aus religiösen Praktiken? Oder entspringt das Ästhetische, – verstanden als Entwurfslust bis hin zum Gestaltungswillen, die sich in enger Rückkoppelung mit der eigenen Wahrnehmung und Geschmacksbildung, d.h. mit deren Schärfung entfalten –, schlicht der Tatsache, dass durch ein beschränktes Angebot an Licht sich Menschen für rund die Hälfte des Tages etwas Sinnvolles für ihren Zeitvertreib einfallen lassen mussten?

Zwei Anfänge zu haben, kann für eine kontroverse Entwicklung nur von Vorteil sein: Indem das wissenschaftliche Nachdenken über Ästhetik in Deutschland mit Baumgartens zwei lateinischen Aesthetica-Bänden (1750 und 1758) anhebt, die sprachlich weiterhin so stark der rhetorischen Tradition verhaftet sind, dass das Unerhörte darin durch die Patina das Altvertrauten verdeckt wird, bleibt Raum für einen zweiten Anlauf. Kaum mehr als 70 Jahre später, wird Hegel Baumgartens stilbildende Wahrnehmungslehre ebenso wie Kants formidable Rezeptionsästhetik, – welche das Schöne wie das Hässliche zum physiologisch-psychologischen Produkt eines eigenen, reflektierenden Urteilstyps erklärt –, prominent ignorieren, um stattdessen die so harmonische wie klaglose Durchdringung von Idee und Materie in Gestalt von Kunstwerken zu behaupten und zu einer Ausdrucksform des menschlichen Geistes zu (ver)klären.

Obgleich er die Pracht und den Rätselcharakter (Adorno) menschengemachter Artefakte mitstiftet, die sich von den Intentionen ihrer Schöpfers zu lösen beginnen, kassiert Hegel durch das Primat auch noch dieser Idee neuerlich, was Baumgarten auf eine performativ zugegeben kontraproduktive Weise zu sagen suchte: Dass die neuentdeckte Wissensform einer ‘scientia cognitiones sensitivae’ ihre selbständige Wahrheitsbehauptung eben nicht auf Allgemeingültiges und begrifflich Fixierbares bezieht, sondern auf passageren Wahrnehmungen gründet. Welch Skandal, deren prinzipielle Wahrheitsfähigkeit zu behaupten!

Aristoteles erblickt in den verschiedenen Wahrnehmungsformen der fünf Organsinne immerhin schon die minutiöse, dabei nicht-sprachliche „Fähigkeit zur Unterscheidung“ (tò gar méson kritikón), bedroht allein durch hyper- oder anästhetische Vorkommnisse, wie Blendung/Dunkelheit oder Stille/Lärm. Die empirische Entdeckung eines spezifisch sinnlichen Unterscheidungsvermögens, die in De Anima über die menschliche phantasía als koiné aisthesis mit dem logos verbunden blieb, bildet historisch den wichtigsten Schritt hin zu der – sehr zögerlich einsetzender – Epistemologisierung des Sinnlichen.

Sinnliches, Einzelnes (singularia) und Flüchtiges werden in der Nachfolge Baumgartens gerne – zwecks ihrer philosophischen Nobilitierung – in den Rang von etwas Modellhaften und Exemplarischen für Erfahrung und Erkenntnis überhaupt erhoben. Skandalös bleibt auch dieses Rettungsmanöver, weil es versucht, vergessen zu machen, dass Wahrnehmung dem Präsentischen, Zufälligen, Akzidentellen und Veränderlichen verpflichtet bleibt.

Die selbstgesteckte Aufgabe des Baumgart’schen Ästhetikers liegt übrigens nicht in einer Zerstreuung dieses Makels, sondern im Gegenteil in einer Ausweitung und Kultivierung des Feldes des Wahrnehmbaren selbst. Ziel ist die tätige Vervollkommnung (perfectio) dieser bis dato unerhörten „sinnlichen Erkenntnis“ selbst. Dazu braucht es zu allererst Selbsterziehung, nämlich das schrittweise Entwickeln eines Sensoriums für die bereits von Leibniz favorisierten „petites perceptions“, die sich – wie im Fall von Ablenkung, Müdigkeit oder Tagträumerei – noch knapp unterhalb der eigenen Aufmerksamkeit vollziehen. Somit wird ästhetische Bildung als Aufmerksamkeits- und Achtsamkeitsschulung für Differenzbildung im Sinnlichen – dabei affirmativ, integrativ, komparativ und analogisch verfahrend – zu einer kulturphilosophischen Aufgabe ersten Ranges, der eine schwierige Übung vorausgeht.

Hans-Georg Gadamer etwa lässt in einem Festvortrag von 1974 (Die Aktualität des Schönen. Kunst als Spiel, Symbol und Fest, Stuttgart 2003, S. 21) keinen Zweifel daran, warum „sinnliche Erkenntnis“ in der „großen Tradition von Erkenntnis, die wir seit den Griechen pflegen, […] ein Paradox“ ist. Denn Erkenntnis „ist etwas immer erst, wenn es die subjektive sinnliche Bedingtheit hinter sich gelassen hat und die Vernunft das Allgemeine und Gesetzhafte in den Dingen begreift“. Am Beispiel eines banalen Sonnenuntergangs, der „uns“ wider besseren Wissens „bezaubert“, zeigt Gadamer auf, dass nicht einmal der zunächst so verlockende Umschlag ins Stellvertreterhafte und Exemplarische hier der Weisheit letzter Schluss ein kann. Vielmehr geht es offenbar um Intensität und Lebenslust – und nähert sich damit wieder der psychologisch versierten Position Kants an. Gadamer schreibt:

„Seine ‘Wahrheit’, die (…) [der Sonnenuntergang, M.S.] für uns hat, besteht nicht in einer an ihm zur Darstellung kommenden allgemeinen Gesetzlichkeit. Vielmehr meint cognitio sensitiva, daß auch in dem, was scheinbar nur das Partikulare der sinnlichen Erfahrung ist und das wir immer auf ein Allgemeines hin zu beziehen pflegen, plötzlich angesichts des Schönen uns etwas festhält und nötigt, bei dem individuell Erscheinenden zu verweilen. – Was geht uns darin an? Was ist es, das darin erkannt wird? Was ist wichtig und bedeutsam an diesem Vereinzelten, daß es den Gegenanspruch erheben kann, auch Wahrheit zu sein, und daß nicht nur das ‘Allgemeine’, wie die mathematisch-formulierten Naturgesetze, wahr ist? Auf diese Frage eine Antwort zu finden ist die Aufgabe der philosophischen Ästhetik.“

(Auszug aus: Mirjam Schaub: 1 + 1 = 3. Die Konjunktion zählt mit. Zeitgenössische Theorien des Ästhetischen, Sammelrezension in: Phänomenologische Rundschau (PhR), Nr. 63, hg. von Martin Gessmann u.a., Stuttgart: Mohr Siebeck, 2017, 38 Seiten im Erscheinen.) [Link zur PDF „Sammelrezension“]

Mirjam Schaub

Standort

Schleifweg 6, 06114 Halle
Zimmer 014, Tür links im Großen Seminarraum