Philosophische Kunstraumforschung

Professur für Philosophie, Prof. Dr. phil. Mirjam Schaub
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Philosophische Kunstraumforschung oder: Kunst als Heuristik der Philosophie

Die Rede vom Kunstraum führt die sich beständig wandelnde Gesamtheit der aktuell verfolgten Werkverständnisse, Ausstellungsformen, Kunstbegriffe wie ihre Kritik zusammen. Es ist ein holistischer Begriff mit ‘unscharfen Rändern’ (Wittgenstein), der gleichzeitig konkret (nämlich klassische Kunsträume sprengend) und konzeptuell (d.h. neue Kunstwerke zulassend) zu denken ist.

Gemeint ist eine auf prototypische Weise offene Ereignisform. Dieser Kunstraum – mit bestimmtem, statt unbestimmtem Artikel – ist somit kein räumlich auf ein Museum eingrenzbares, sondern ein generatives Konzept, das sich gegen bereits institutionalisierte Rahmungskonzepte wendet. In Anlehnung an Aby Warburgs Rede vom Denkraum geht es stattdessen um den Einsatz kritischer Reflexion wie um die beständige Ermöglichung neuer Kunstformen und Werke. Der schwankende Raum des Zeitgenössischen ist daher konkret räumlich und abstrakt logisch, konzeptuell und kritisch aufzufassen. Er bildet die zeitgemäße Zone des Austausches und des Widerstreits, in der Kunstwerke wie ihre Begriffe, unter Druck geraten. Aufgrund seines Experimentalcharakters, seiner intellektuellen Großzügigkeit und gleichzeitigen Anschaulichkeit ist der zeitgenössische Kunstraum hervorragend geeignet, einander widerstreitende Theorien gewinnbringend in Beziehung zueinander zu setzen.

Genau das will ich für die Philosophie fruchtbar machen: Weil sich der Kunstraum als wissenschaftlich noch unausgelotetes Experimentierfeld für immer neue Gebrauchsformen mit immer neuen Medien präsentiert, in dem potentiell alles – sogar Theorien – zum Material für künstlerische Praxis, ja zu einem Fall von appropriation art werden kann, soll es in einer strategischen Blickumkehr darum gehen, mithilfe dieser künstlerischen Druckkammer philosophische Begriffs- und Theorieschicksale anders und neu zu beschreiben.

Ins Zentrum rücken dann vielmehr Theorien, die überhaupt nicht für den Kunstraum gedacht waren, wie etwa der Utilitarismus Jeremy Benthams, der durch das „Auto-Icon“ (1832) im University College London (UCL) nicht nur sinnliche Gestalt, sondern auch theoretische Virulenz (zurück)gewinnt. Ein gar nicht als Kunstwerk intendiertes Artefakt erscheint so als unfreiwilliges Theorievehikel, gerade weil es nicht im Museum, sondern als Teil eines sozialen Experiments im öffentlichen Raum auftaucht. Gleichzeitig wird so die Ausweitung weniger der Nutzen-, als der Gebrauchs-Kategorie als Insignum der Popkultur deutlich. (Vgl. Mirjam Schaub: Radikaler Dinggebrauch oder ästhetische Wiederverwertung? Vom Fehlen eines Gebrauchsbegriffs in der ästhetischen Theoriebildung am Beispiel von Doreen Uhligs Gelamon 22/2 und Simon Starlings Expedition“, in: Ausstellen. Zur Kritik der Wirksamkeit in den Künsten, hg. von Kathrin Busch, Zürich/Berlin: diaphanes 2016, S. 57–92.)

Philosophische Forschung in diesem Sinne zu betreiben, bedeutet, Kunst als zeitabhängige, epistemische Praxis eigenen Rechts zu entdecken. Gegen den Vorwurf der Beliebigkeit gilt es, die zu Unrecht übersehene oder abgelehnte Entschiedenheit der künstlerischen Ideenumsetzung stark zu machen. Setzt man auf sein Überraschungspotential, lässt sich der Kunstraum als eine Heuristik, als eine Finde- und Findungskunst zur Lösung uralter, philosophischer Probleme entdecken:

Kunstwerke werden so erstens diagnostisch lesbar als Trajekte für Ideen, die unzeitgemäß sein können, und für die sich überraschend neue und andere Gebrauchsformen auftun. Zweitens wirkt die mit der Aisthetisierung augenfällig werdende Radikalisierung von Theoriebildung zurück auf die Herkunft (Philosophie, Kulturtheorie, Politische Ökonomie) dieser Ideen. Drittens rühren die Phänomene der Theorie-Migration wie die Möglichkeiten des dabei eintretenden Medienwechsels am – alten und nicht ganz ungefährlichen – Traum von der Schließung der Theorie/Praxis-Lücke.

(Vgl. weiterführend: Mirjam Schaub: Larger than life?! Zwei berühmte Unterscheidungen – Kunst/Nicht-Kunst und Kunst/Leben – geraten ins Wanken. Lässt sich der Rahmen unserer Kunsterfahrung überhaupt noch sprengen in Zeiten eines ubiquitär gewordenen Kunstraums wie -begriffs? In: Uwe Wirth (Hg.), Rahmenbruch – Rahmenwechsel, Berlin: Kadmos 2013, S. 181–199)

Mirjam Schaub

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