Projekte
Positionen zeitgenössischer Zeichnung 3
W + Z
28.2. – 14.3.09
Delikatessenhaus Leipzig
Anne Bennewitz, Bärbel Burck, Sarah Kaiser, Una H. Moehrke, Juliane
Pietsch, Christin Rinke, Franziska Wolber
PRESSETEXT
Die traditionelle Wertschätzung des Mediums Zeichnung im Fachgebiet
Kunsterziehung/ Kunstpädagogik wurde im Wintersemester 08/09 von einer
Studentinnengruppe unter Leitung von Prof. Una H.Moehrke unter dem Aspekt
der Wand- und Raumzeichnung erforscht. Der Kunstraum Delikatessenhaus
unter Leitung des ehemaligen Burg-Studenten Jan Apitz bietet der Gruppe
jetzt die Möglichkeit mit einer raumgreifenden Zeichnungsarbeit an die
Öffentlichkeit zu treten.
W und Z
…bedeutet Wand und Zeichnung. Wir sprechen beide Worte nicht aus. Wir
trennen beide, um sie dann mit einem "und" zu verbinden. Auch wollen
wir nicht mit "Wandzeichnung" unsere Arbeitsform benennen.
Es stimmt: wir zeichnen auf Wände; wir bezeichnen, überzeichnen, verzeichnen,
unterzeichnen sie. Auch den Boden, die Decke beziehen wir in unsere
Arbeit mit ein. Wir befinden uns in einem Raum, einem mehrdimensionalen
Ort. Wir selbst sind Körper und somit Raum. Der Raum ist Körper. Unsere
Körper sind Raum.
Was wissen wir über Räume? Was wollen wir über Räume wissen?
Die Flächen der raumbildenden Komponenten Wände, Decken, Böden werden
zu unseren Bildträgern. Ästhetisch betrachtet, führt der "Mangel" der
Wände, nämlich ihre Kahlheit dazu, Träger für Kreativität zu werden.
Wir zeichnen auf durch Architektur bedingte Flächen, die zudem uns selbst
als menschliche Wesen bedingen. Unsere Mittel sind ebenso zweidimensionaler,
denn graphischer Natur. Gleichsam arbeiten wir unmittelbar in und durch
Raum und Zeit.
Mir scheint, wir arbeiten gegen eine Abwesenheit und erschaffen eine
vorübergehende "Beseelung" des Raumes. Wir sind hier, wo unsere Herzen
sich verbergen. Wir wechseln unsere Anschriften mit leichtem Gepäck.
Bärbel Burck
ERÖFFNUNGSREDE
Adäquate Erfassung der Wirklichkeit setzt Rezeption und ungetrübtes
Sehvermögen voraus - Galileo Galilei hat in seinem Studium an der Florentiner
Kunstakademie gelernt, Oberflächen perspektivisch- zeichnerisch zu erfassen.
Dies Vermögen lässt ihn beim Blick durchs Fernrohr 1609 erkennen, dass
der Mond keine ebene, sondern gegen die damalige kosmologische Vorstellung
eine zerklüftete Oberfläche besitzt. So ist seine Entdeckung von zeichnerischer
Schulung mit geprägt worden.
Zurück vom Mond zur Erde oder hier und heute Abend in den Raum der Zeichnung
lässt es uns den Zusammenhang von Sehen - Zeichnen- und Erkennen nachvollziehen.
Der zeichnerischen Hand wohnt im Sinne der erkennenden Linie- (Disegno,
nannte es die Renaissance) Rationalität, Konzeption und Emotionalität
inne. Sie verweist vom Auge auf den Körper, den eigenen sowohl wie auf
den ihn umgebenen Raumkörper. Die Linie der Zeichnung, sei sie Line
of Grace,- so nannte Hogarth die vollendete Harmonie der S –Kurve oder
Doppelhelix, sei sie physisch-psychische Spur, organisch, geometrisch-konstruktiv,
rational oder emotional funktioniert weniger als Weg denn als Faden
wenn sie befreit wird ist sie gewebe- und flächenschaffend, kann trennen
und aufgetrennt werden und transformierend wirken.
Linien und Zeichenelemente konstruieren auf Zeit in der Zeit des Zeichnens,
schaffen neue Räume und schließen uns ein oder aus. Abhängig ist das
auch vom Format: hier ist aus Hand- Wandzeichnung erwachsen und die
schafft Distanz und eine neue Perspektive für die Betrachter und Zeichnerinnen.
Die Wand als Zeichengrund (und das ist durchaus zweidimensional zu verstehen:
die Wand ist unser Grund, neu und anders zu arbeiten und sie ist eine
andere Materialität und ein anderes Format als das Zeichenblatt) die
Wand gewinnt eine neue physische Dimension für uns als Gegenüber- sie
zwingt uns in die Abstandnahme: wir sehen räumlich, wir sehen kontextiert,
wir sehen mit mehr als zwei Augen, wir gewinnen im Distanzraum dialogische
Struktur - eine sieht, die andere zeichnet, eine steht auf der Leiter,
die andere dirigiert, dabei sehen wir die uns umgebenden Zeichenfelder
der anderen.
Wir folgen dem Impuls, der gesteuerten Spontaneität und wissen weniger
als wir zeichnerisch tun. Weder Modell noch Konzeption liegen vor der
Erfahrung – um die geht es uns a priori. Wahrnehmung und Bewegung beim
Zeichenvorgang zeitigen konstruktive Dekonstruktion- in und außerhalb
linearen Sehens und Verstehens.
So erlernen wir Übersetzungsmöglichkeiten – vom Sehen ins Zeichnen,
vom Wahrnehmen unserer Umgebung in unsere Lebenszusammenhänge, vom Einfluss
unserer kulturellen Prägung, die nicht linear funktioniert sondern als
Verständigungsmuster ungefragt mitläuft in all unseren Linien, in unsere
künstlerischen Vergegenständlichungen, - seien sie gezeichnet oder bezeichnend.
Una Moehrke