BACK

 

Im Normalfall denkt der Mensch nicht

 

 Manuskript vom 11. November 1996

Autorenreferat

J. Müller hat in der unter (03) zitierten Arbeit die These aufgestellt: 'Es ist nicht des Menschen Natur, (vorzugsweise rational dominiert) geistig zu arbeiten.' Diese These wird erläutert und an einem Gedankenexperiment verifiziert. Es werden Konsequenzen beschrieben, die sich aus dieser These für Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Methodik ergeben.

 

Vorbemerkung

Eine provozierende Überschrift? Nur auf den ersten Blick. Tatsächlich denken wir intelligenten Menschen wesentlich weniger, als wir glauben. Unser ‘Betriebssystem’ (J. Müller) ist so gut, daß der Normalfall durch bewährte und gespeicherte Verhaltensweisen beherrscht wird, ohne daß wir zu bewußtem Nachdenken gezwungen sind. Die Forschungsergebnisse der letzten 10 Jahre aus den Bereichen Psychologie, Neurologie und Verhaltensforschung belegen, daß wir nur in 5 bis 10% unserer aktiv tätigen Zeit, wirklich auch bewußt handeln, die meisten unserer Aktivitäten laufen durch unbewußte Steuerung ab.

Betrachtet man unsere Bemühungen zur Institutionalisierung einer Technologie der geistigen Arbeit im Licht aktueller Erkenntnisse der Wissenschaften, gewinnt man neue Einsichten und findet überraschende Erklärungen für bekannte Phänomene.

 

Wo liegt das Problem?

Mich fasziniert immer wieder, wie wenig gerade auch von wirklich erfolgreichen Ingenieuren und Designern im Entwurfsprozeß explizit methodisch gearbeitet wird. Es ist sehr schwer, bei Studenten und Designern Verständnis und Interesse an methodischen, arbeitsstrategischen Fragen zu wecken. Der Stellenwert der Arbeitsmethodik im realen Gestalterischen Entwurfsprozeß ist tatsächlich sehr gering. Erstaunlich ist auch, daß bei Designern und bereits auch bei Studenten der Wert und Notwendigkeit eines methodischen Vorgehens heute unbestritten ist. Viele kennen auch die auf diesem Gebiet umfangreich existierenden ‘Kreativitätstechniken’ und andere methodische Werkzeuge. Im Normalfall werden diese Techniken aber nicht angewendet. Warum nicht? Diese Konstellation ist nicht etwa typisch nur für das Design, sondern sie ist bei Konstrukteuren, Verfahrenstechnikern und anderen technischen Disziplinen genau so zu beobachten.

Warum haben Methoden der Systematischen Heuristik nicht funktioniert? Sie haben funktioniert, aber nur in einer Gruppensituation und nur bei 'von oben' verordneter Arbeitsweise. Sobald der Ingenieur oder der Wissenschaftler sich wieder selber überlassen ist, vermeidet er diese ‘kopflastige’ Arbeitsweise, er nimmt keine Programmbibliothek aus dem Schrank, sondern er verläßt sich bei der Arbeitsplanung und der Festlegung der Bearbeitungsstrategie auf seine eingefahrenen methodischen Stereotype.

Zugespitzt kann man heute feststellen, daß es methodische Verfahren und Techniken in gut aufbereiteter Form gibt. Alle Bearbeiter sind sich einig, daß die Nutzung solcher Methoden effektiv ist und zu einer Qualitätssteigerung führt. Trotzdem wendet man sie nur dann explizit an, wenn man durch ‘höhere Gewalt’ dazu gezwungen wird. Wie bereits in den 60-er Jahren festgestellt, gibt es auch heute noch für Verfahren zur methodischen Unterstützung der geistigen Arbeit eine sehr stabile Akzeptanzbarriere.

 

Eine These von J. Müller

Prof. Dr. Johannes Müller hat in mehreren Arbeiten in den Jahren 1964 bis 1967 die Möglichkeit beschrieben, bei menschlichen Problemlösungsprozessen 'Verfahren' (methodische Anleitungen) zu benutzen, mit denen die Lösungswahrscheinlichkeit des Problems zu verbessern ist. Im Zeitraum 1968 bis 1972 hat er mit einer Spezialgruppe (Abteilung Systematische Heuristik) solche Verfahren entwickelt und industriell erprobt. Dabei konnte bewiesen werden, daß dieses Prinzip wirklich funktioniert. Politische Borniertheit führte 1972 zur Zerschlagung dieser wissenschaftlichen Einrichtung durch leitende Funktionäre der damaligen 'Partei- und Staatsführung' (Honecker, Hager u.a.). Bei der Zusammenfassung seiner Lebensarbeit (02 und 03) hat J. Müller seine Erkenntnisse in einer These zusammengefaßt:

'Es ist nicht des Menschen Natur, (vorzugsweise rational dominiert) geistig zu arbeiten.'

Diese Erkenntnis ist das Fazit eines Wissenschaftlers, der sich 35 Jahre mit der Methodik der geistigen Arbeit von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren beschäftigt hat. Ein Mann, der versucht hat, eine Technologie der geistigen Arbeit zu begründen, ist davon überzeugt: Der Mensch benutzt seinen Kopf nur, wenn es überhaupt nicht mehr anders geht. Ansonsten verläßt er sich auf angeborene und angelernte stereotype Verhaltensmuster, die wie Reflexe funktionieren und auf seine Emotionen: Am effektivsten ist der Mensch, wenn er seine Probleme im Unterbewußtsein löst, ohne Kopf, animalisch. (meine Worte!)

In (03) hat J. Müller seine Auffassung ausführlich dargestellt und begründet. Er stützt sich dabei auf Erkenntnisse aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen, die er ausgiebig zitiert. Keiner aber hat bisher die alles entscheidende Erkenntnis so prägnant formuliert, wie J. Müller in seiner These. Das alles ist nachzulesen. Ich möchte deshalb hier nicht seine Feststellung verifizieren, sondern ich möchte sie an einigen Beispielen demonstrieren und auf wesentliche Konsequenzen aufmerksam machen.

 

Wann denken wir wirklich?

Jeder kann durch phänomenologische Beobachtung ganz normaler Lebenssituationen feststellen, daß zwei qualitativ unterschiedliche Fälle von geistiger Tätigkeit auftreten:

In der Realität ist allerdings festzustellen, daß es diese Fälle in ‘reiner’ Form nicht gibt. Jeder reale Bearbeitungsprozeß besteht aus einer Mischung dieser beiden Fälle.

An einem einfachen Gedankenexperiment kann diese Tatsache nachvollzogen werden: Alltägliche Tätigkeiten wie z.B. das Schreiben, können als Folge der beteiligten Umstände plötzlich vom Normalfall in den Problemfall umschlagen. Wenn man sich bei diesem Experiment auf den ersten, emotionalen Eindruck nach dem Lesen der Aufgabe konzentriert, ist ein signifikanter Unterschied zwischen beiden Tätigkeiten zu 'spüren'. An der emotionalen Reaktion auf die sehr einfachen Problemfälle kann man ganz deutlich die Handlungsbarriere wahrnehmen, die sich sofort beim Problemfall aufbaut. Diese Barriere ist aber auch bei wirklich existentiellen Problemen (gerade dann!) vorhanden:

 

Normalfall

Problemfall

Tragen Sie sich in die Anwesenheitsliste ein.

Füllen Sie dabei ein unbekanntes, vierseitiges Formblatt aus.

Schreiben Sie einen Brief an einen sympathischen Menschen.

Beginnen Sie (endlich !) mit dem Vortragsmanuskript für das Kolloquium.

Fahren Sie mit dem Auto zu Ihrer Arbeitsstelle.

Fahren Sie mit Ihrem Auto nach England. Beachten Sie, daß dort Linksverkehr herrscht.

Stellen Sie an Ihrem Fernsehgerät einen anderen Sender ein.

Programmieren Sie Ihr Fernsehgerät so, daß die ARD auf Kanal 12 zu sehen ist.

Holen Sie Bargeld vom Geldautomaten Ihrer Hausbank.

Stellen Sie exakt fest, wieviel Geld Sie im vergangenen Jahr für Elektroenergie bezahlt haben.

 

Alle Beispiele hinken. Aber es ist zu erkennen, daß es einen qualitativen Unterschied zwischen diesen beiden Klassen von Arbeiten gibt. Leicht und mühelos auf der einen, mental anstrengend auf der anderen Seite. Der Unterschied besteht darin, ob der Bearbeiter für die Lösung dieser Aufgabe ein eingeschliffenes Verfahren besitzt oder nicht. Ist kein Verfahren verfügbar, baut sich sofort eine emotionale Akzeptanzbarriere gegen diese Aufgabe auf.

Dieses Verhalten ist mit den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen gut zu erklären: Im Hintergrund des menschlichen Handelns läuft eine 'natürliche' Prozeßoptimierung ab, die sich in den letzten 50.000 Jahren eingespielt und bewährt hat. Durch ein Bewertungsverfahren wird aus dem vorhandenen Methodenvorrat unbewußt ein Handlungsverfahren ausgewählt. Dabei spielen die Kriterien: Geschwindigkeit, Aufwand und Sicherheit die entscheidende Rolle. Die Qualität des Endergebnisses ist dabei offensichtlich von untergeordneter Bedeutung, denn sie kann vor Beginn des Problemlösungsprozesses sowieso nur spekulativ abgeschätzt werden. In erster Linie entscheidend ist offensichtlich, daß das Problem möglichst schnell gelöst wird, d.h. eine möglichst kurze Bearbeitungszeit. Sie ist bei wirklicher Kopfarbeit um Größenordnungen länger als beim Einsatz von emotional gesteuerten Reflexen. Dieses archaische Auswahlverfahren ist ein deutlicher Hinweis darauf, daß unsere Evolution im Tierreich begonnen hat und noch nicht beendet ist.

Der Mensch gerät unter Streß, wenn für die aktuelle Situation kein Verfahren verfügbar ist. Die Akzeptanzbarriere ist als Versuch zu werten, dieser Situation auszuweichen. Gelingt das nicht, ist der Mensch gezwungen, durch rationale Anstrengung ein neuen Verfahren zu entwickeln. Die gleiche Situation erzeugt nie wieder Streß, wenn es gleichzeitig gelingt, das neue Verfahren in einen entsprechenden Reflex zu ‘verpacken’.

Eine sehr griffige und schlüssige Interpretation für dieses aus der menschlichen Evolution stammende Verhalten liefert J. Müller mit seiner These: 'Es ist nicht des Menschen Natur, ... geistig zu arbeiten.'

Sarkastisch könnte man sagen: Das Denken ist ein notwendiges Übel, denn anders sind neue Handlungsvorschriften kurzfristig nicht zu erzeugen. Wir denken, um uns weiteres Denken zu ersparen.

 

Konsequenzen

Welche Konsequenzen haben diese Erkenntnisse für weitere Forschungsarbeiten zur Entwicklung von Methoden und Werkzeugen zur Unterstützung des menschlichen Problemlösungsprozesses? Die Konsequenzen sind nur zum Teil wirklich neu. Schon 1972, nach der Liquidierung der Abteilung Systematische Heuristik, war bekannt:

 

Heute sehe ich folgende Gesichtspunkte als die entscheidenden Schwachstellen der gegenwärtigen Techniken zur Unterstützung des menschlichen Problemlösungsvermögens an:

 

Aus diesen Schwachstellen folgt als Konsequenz für die weitere Forschung auf dem Gebiet der Methodik:

  • (Beispiel: Teamarbeit)
  • (Beispiel: Intuitive Bedienung, Begabtenförderung)
  • (Beispiel: Ein neues 'Oberprogramm')
  •  

    Offene Fragen

    Auf viele Fragen kann hier nicht eingegangen werden. Sie sind hoch interessant, aber offen. Solche Fragen sind:

     

    Literatur

    (01) MÜLLER, Johannes

    Grundlagen der Systematischen Heuristik

    (1970) Dietz-Verlag Berlin

     

    (02) MÜLLER, Johannes

    Arbeitsmethoden der Technikwissenschaften

    Systematik, Heuristik, Kreativität

    (1988) Springer-Verlag, Berlin ..

     

    (03) MÜLLER, Johannes

    Akzeptanzprobleme in der Industrie, über Ursachen und Wege zu ihrer Überwindung

    in: Gerhard Pahl (Hrgb): Psychologische und pädagogische Fragen
    beim methodischen Konstruieren Seite 247 bis 266

    (1994) Verlag TÜV-Rheinland, Köln

     

    Autor

    Prof. Dr.-Ing. Jürgen Albrecht

    Leipziger Straße 47/16.03

    10117 Berlin

     

    Veröffentlicht in

    Objekt und Prozess

    17. Designwissenschaftliches Kolloquium

    (1996) Burg Giebichenstein, Halle/Saale

    BACK