Prof. Dr. phil. habil. Hanne Bergius

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Im Unterschied zur Lehre und Forschung an der Universität gibt es an der Hochschule für Kunst und Design wissenschaftliche Forschungsgebiete, die unmittelbar von der gegenwärtigen Praxis von Kunst und Design inspiriert sind und ein wechselseitiges produktives Verhältnis zwischen Theorie und Praxis anstreben. Insofern hat sich Forschung und Lehre von Kunst, Design- und Architekturgeschichte an ei-ner Hochschule der Künste den Anforderungen ge-genwärtiger Diskurse und Auseinandersetzungen di-rekt und problembezogen zu stellen und, aus der Gegenwart wahrgenommen, Deutungen der Ge-schichte des Fachgebietes eher zu bedenken. Die Geschichte der Künste (der freien, der nützlichen, der medialen, der architektonischen) wird daher nicht in abgeschlossenen Phänomenen und Epo-chen wahrgenommen, sondern in ihren Entste-hungs- und Handlungszusammenhängen, in ihren Bedeutungsgebungen und Projektionen, ihren Nutzungen und Wirkungen, denn es gilt den Weg vom historischen Bewußtsein zum Handeln kritisch zu bedenken.

Die Forschung in den Geschichtswissenschaften der Künste wendet sich jenen Gebieten zu, die von der etablierten Kunstgeschichte der Universität bisher weniger in Betracht gezogen wurden. Das betrifft vor allem die Geschichte des Design, des Kunsthandwerks, der Gestaltung der Alltagskul-turen und der Medien. Auch die Reflexion des Zu-sammenhangs zwischen den freien und nützlichen Künsten würde als Forschungsgebiet unmittelbar aus dem Kontext der Hochschule hervorgehen. Es wurden von einer künstlerischen Assistentin For-schungsschwerpunkte überdies angeregt, die sich mit der Hebung der ästhetischen Qualität des Kunsthandwerks aus der sog. Dritten Welt in einer Dissertation auseinandersetzen wollte. Auch könnte die eigene historische Reflexion und Aufarbeitung der Fachgebiete in den Forschungszusammenhang von Dissertationen treten. Hier ist ein großer Bedarf in den Fachgebieten des Design und des Kunst-handwerks da. Die Aufarbeitung des Fachgebietes z.B. der Klasse Buchkunst und der Klasse Textil ist bisher allein von den leitenden Professoren ausge-gangen, wäre aber durch Vergabe von Dissertatio-nen ein großer Anreiz für die StudentInnen.

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Schwerpunkte meiner Forschung und Lehre sind folgende Themen. Zu ihnen liegen Auf-sätze und Bücher vor und sind überdies For-schungsprojekte geplant
(s. Publikationsliste ):

- Differenzen und Interdependenzen zwischen Kunst, Design und Architektur

- Geschichte und Zukünfte des Körpers und seine medialen Konstruktionen seit der Re-naissance

- Urbanität und Moderne seit dem 19. Jahrhun-dert. Die Großstadt als Brennpunkt von Innova-tionen und Veränderungen , von Wider-sprüchen und Auseinandersetzungen als Her-ausforderung für die Künste, ihre Konzepte und Projekte.

- Industrialisierung seit dem 19. Jahrhundert und ihre Wirkung auf die Künste und ihre Ver-hältnis zur Alltagskultur. Ihre Reformprojekte zwischen Kulturpessimismus und Fortschritts-gläubigkeit. Gestaltungsprojekte der Industrie-kultur bis zur Ablösung durch die Computer-industrie.

- Das Verhältnis von High and Low Culture vom 19. Jahrhundert bis zur gegenwärtigen
Kunstproduktion. Zur unterschiedlichen Auf-wertung der Trivialkultur durch die Künste.

- Utopien der Avantgarden der Moderne vom sozialen Glück und individueller Freiheit und ihre Infragestellungen durch die Postmoderne.

- Ambivalenzen der Klassischen Moderne. Ihre Ästhetik und Artistik zwischen Polaritäten der Konstruktion und Destruktion, der Autonomie und des Engagements, der Ratio und der Irra-tionlität , der Ironie und Melancholie. Sprengung der Künste von innen und sozial-politisches Engagement nach außen. Die Än-derung dieser polaren Konstellationen in der Postmoderne zu einem offenen Prozess von Widersprüchen.

- Nietzsches Einfluß auf die Künste der zwan-ziger Jahre, insbesondere auf Dada.

- Das internationale Beziehungsgeflecht der Künste seit den zwanziger Jahren bis zur Ge-genwart:
1) Die Beziehungen zwischen europäischer und amerikanischer Kunst-, Design- und Architek-turgeschichte : "fictions of the west, fictions of Old Europe...", aber auch konkrete Einflußnahmen, von den zwanziger Jahren über die Nachkriegsmoderne bis in die Revisionen der Moderne und gegenwärtigen Diskussionen der sog. Reflexiven Moderne hinein.
2) Die Beziehungen zwischen der Kunst Ost-europas und Westeuropas seit den zwanziger
Jahren. Austausch künstlerischer und architek-tonischer Gestaltungsverfahren. Die Bedeu-tung des Konstruktivismus überdies für den Dekonstruktivismus.
3) Die Beziehungen zwischen asiatischer, im speziellen japanischer und europäischer bzw.
amerikanischer Kunst-, Design- und Architek-turgeschichte - insbesondere zenbuddhisti-scher Einflüsse auf die Ästhetik der Moderne. Da das Interesse der StudentInnen an diesem Themenkomplex besonders groß ist, sind hieraus zwei konkrete Forschungsarbeiten entstanden, die sich als Dissertationen profi-lieren könnten - in Architekturgeschichte über den Einfluß Japans auf europäische bzw. amerikanische Architektur (am Beispiel von Muthesius und Neutra u.a.) und im kunsthisto-rischen Bereich über Zusammenhänge zwi-schen kalligraphischen Zeichensetzungen und abstrakter Moderne im 2o. Jahrhundert.

- Entwicklung der Medien und hieraus resul-tierender neuer Gestaltungsverfahren:
Reflexion des "pictorial turn" schon seit den zwanziger Jahren des 2o. Jahrhunderts.

- Das Avantgardeprinzip der Montage und sei-ne vielschichtigen konzeptuellen Beziehungen zwischen Inventar und Widerspruch in den unterschiedlichen "Ismen".
Die Verschleifung des avantgardistischen Widerspruchs durch die Vereinnahmung des
Prinzips Montage durch die Kommunikations-medien bis zum Sampling gegenwärtiger
Computerverfahren.

- Entwurfskulturen der Künste - ihre medialen Entwicklungen und Veränderungen seit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. Insbesondere das Verhältnis des Entwurfes zu technischen und medialen Innovationen.

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