ostours

 

os'tour - urlaubsgestaltung der etwas anderen art bis zur - und manchmal über die verschleißgrenze hinaus

Kapitel 2 - Ostertour 2003 "Berge, Tunnel, Berge", Mailand, Italien (1400km)

Was will man zu Ostern in München anfangen, wenn man eine MZ TS250 mit winterüberholtem Motor rumstehen hat, die zwar schon meinen Umzug und die Strecken Halle, Würzburg und Würzburg München ohne zu murren bestritten hat, aber die immer noch so aussieht als ob sie eingefahren werden möchte? Na klar! Eine Tour über die Alpen nach Mailand wird uns beiden guttun.
Gesagt, getan, schnell eine Route im Netz besorgt, von den Lieben verabschiedet, den Esel gepackt und auf geht's.

 

 

Karfreitag:
Die erste Überaschung erlebe ich auf der A95 Richtung Garmisch: plötzlich klingt der Motor äußerst blechern und setzt dann ganz aus. Sollte meine Reise schon hier zu Ende sein? Nein, ich habe nur vergessen zu tanken, schalte auf Reserve und suche mir die nächste Tanke neben der Autobahn. Der Oberbayer-Tankwart ist schlecht zu verstehen, ich kaufe ihm trotzdem noch einen Tabak und einen Liter Öl ab. Schnell noch die Finanzen an der örtlichen Sparkasse abgecheckt und meiner Weiterfahrt steht nichts mehr im Wege.
Von Nord nach Süd geht's durch Österreich, die Gegend wird zunehmend kurviger und immer idyllischer. Andere Motorradfahrer sind zu Hauf unterwegs und mir schmerzt schon die linke Hand vom vielen Grüßen. An einer Tanke steht schön glänzend eine alte Puch, also Bremse und umgedreht. Eine Zigarette, einen kleinen Sonnenbrand und viele Informationen rund um die Puch später, verabschiede ich mich vom Aschacher Günther Senior und setze meine Reise fort.
Hoch auf den Reschenpaß (passo di resia) zum Dreiländerblick. Meine 12cm mal 14cm Karte sagt ich sollte nun in die Schweiz, doch da die Schweiz ein ziemlich kleines Land zu sein scheint, verfehle ich diese um Haaresbreite und lande doch gleich in Italien. Die Alpenausläfer in ewiger Schußfahrt nach unten ins Warme Richtung Merano wo mir doch die eine oder andere Träne die Wange herunterläuft (nicht nur vom Fahrtwind).
Von Merano nach Bolzano. Die Strecke geht immer geradeaus, zwischen den Alpen gibt es kein links oder rechts. Langsam sollte ich mich nach einer Übernachtungsmöglichkeit umblicken. Die blühenden Felder in den Tälern scheinen kein geeignetes Plätzchen zu bieten, da diese auch eine Menge kleines schwirrendes Viehzeug auf den Plan rufen. Ich habe es allmählich satt jede fünte Sekunde mit 90km/h im Gesicht getroffen zu werden. Der Gott der Wälder und Weiden hat ein Einsehen und schickt mir stattdessen gleich die Maikäferplage. Diese kleinen drolligen Käfer sind derart schwergewichtig, daß ich fortan gänzlich jede Kollission vermeide. Irgendwo vor Trento jage ich meine MZ auf Schotterwegen die Weinberge hoch und schlage mein Nachtlager unter freiem Himmel auf.

 

  rechenpass / passo di resciaan den hängen bei meranomaikäfer greifen an!!!

Samstag:
Gut ausgeruht geht es weiter nach Trento. Die Alpen verändern sich hier langsam zu rießigen hellen Felsbrocken. Das Wetter versucht ein ähnliches. Morgens schien zwar noch die Sonne, doch langsam zieht sich der Himmel zu. Plötzlich ein Schild: "riva di garda". Die einzige Möglichkeit mal rechts abzubiegen wird genutzt und die Straße schlängelt sich schier endlos nach oben und zwischen den Bergen durch. Anschließend lohnen herrliche Schußfahrten über Brücken und an bizarr in die Gegend gebauter Architektur vorbei die Mühen des Aufstiegs. Auch kleine Seeschlößer gibt's hier und jetzt kommen mir sogar im Stand die Tränen).
Generell ist das hier die Gegend wo man an allen möglichen (und auch unmöglichen) Stellen Burgen und kleine castillos in die Alpen gesetzt hat. Prädikat: äußerst sehenswert.
Meine vage Vermutung bei riva di garda müsse es sich irgendwie auch um den Gardasee handeln bestätigt sich. Auf meiner Karte ist dieser rießige See eine kaum ernstzunehmende graue Tönung. Vorbei an den sich stauenden Autos sitze ich wenig später in einem kleinen Cafe und bestelle mir eine bruscetta (ordinärer Tomatensalat, der allerding vorzüglich schmeckt) und schlürfe Kaffe. Die ersten Tropfen fallen, was die Italiener allerdings nicht davon abhält mit winzigen Nußschalen eine Regatta zu fahren.
Wenig später schließe ich mich einer Motorradrunde aus Freising an und wir nehem das westliche Ufer des Gardasees, welches wesentlich unschöner ist als das östliche, da es größtenteils durch Tunnels führt, doch bei dem Wetter trotzdem eine gesunde Alternative darstellt. An irgendeinem kleinen Eiscafe machen wir halt, nehmen unser gelatti und noch mehr Kaffe uns stellen fest, daß wir einen gemeinsamen Bekannten haben. Dann ist Essenszeit, es wird gevespert und Gulaschsuppe gekocht was die Packtaschen zu bieten haben.
Mein Weg führt mich weiter über Brescia und Bergamo nach Milano und ich verteufele dieses mistige teilsynthetische Öl, welches meinem Motor nicht so gut zu bekommen scheint wie mineralisches, vielleicht liegt's aber auch an dem grünen italienischen Supersprit. Auf jedenfall klingt er sehr gedämpft, wird leichter heiß und ich beschließe, die Nadel ein Stückchen höher zu hängen.
In Milano endlich angekommen suche ich mir eine billige Absteige, was gar nicht so leicht ist. Meine Suche führt mich vorbei an der statione centrale und dem duomo, der weltgrößten christlichen Kirche. Der einzige Italiener, der jemals eine MZ gesehen hat ist eigentlich albanischer Gastarbeiter und heißt Zaimi. Er erzählt viel von seiner ETZ und wie man sich mit geschickter Frickelei an der miesen Ersatzteillage vorbeigemogelt hat. Er zeigt mir dann auch die via vitruvio, eine Querstraße vom corso buenos aires in der es gleich fünf hotels a prixo basso gibt. Schnell unter die Dusche (war bitter nötig) und ins Mailänder Nachtleben. Ein Tip hier ist das quartier um die porta genova mit sehr schönen locations und einer aus Amsterdam geklauten Gracht.
Ein Bierchen und ich war gut dabei (die Gulaschsuppe von heute morgen war nicht die beste Basis), also versuche ich mich gleich an einem White Russian und als nächstes an einer wahnsinnig hübschen Italienerin. Leider war das Mädel nicht zu überzeugen und ich hatte im Nu ein paar hilfsbereite Italiener kennengelernt, die versuchten mein Leben und mich vor ihrem "Freund" zu beschützen. Es ist außerdem wesentlich leichter sich mit Italienern als mit Oberbayern zu unterhalten. Alles in allem ein wirklich gelungener Abend.

 

bei trento links ab zum gardasee (das seeschloss)der gardasee leicht bewölktstefan oßwald und gordon shumway

Ostersonntag:
Mit einem ordentlichen Kater stehe ich auf und checke aus dem Hotel Mondial aus. Bei mindestens 20 Grad überlege ich mir ob ich nun die Innenjacke meines Oberteils heraustrenne, weils im Stand nun wirklich zu warm ist. Später sollte ich sie und einen dicken Pulli noch bitter nötig haben.
Meine Fahrt führt mich nach Como und diesmal treffe ich sogar die Schweiz bei Lugano. Und schaue an, sogar am Ostersonntag steht die schweizer Zollbrigade bei Fuß.
Weiter auf der Autobahn Richtung Chur. Wer hat eigentlich behauptet, daß man in der Schweiz für diese Art der Fortbewegung eine Vignette braucht?
Auf jeden Fall wird es immer kälter und ich immer fertiger von der Kälte, dem Regen und dem Restalkohol. Auf irgeneinem Rastplatz falle ich von der Maschine ins Gras und schlafe erstmal eine Stunde. Ich wache auf mit dem dringenden Bedürfnis mich zweimal in einen zufällig neben meinem Kopf blühenden Löwenzahn zu übergeben, was ich auch sofort in die Tat umsetze. Jetzt einen halben Meter nach links und nochmal eine halbe Stunde genickt. Eklig?! Was solls: mit Hallenser Nummernschild muß man dem Stand schließlich alle Ehre erweisen. Jetzt geht es besser und die Schweizer Alpen trösten mit ehrlichen Steigungen, Spitzkehren und Campingmobilen die versägt werden wollen. Oben auf dem passo di bernhardino verleihe ich meiner MZ den Bergmeisterorden. Auch andere Leute sind da, denen ebenfalls ein bischen kalt ist. Nun geht's runter nach Chur und nach unzähligen Tunneln und Abfahrten wird es zunehmend sonniger und wärmer. Vaduz - nein, das hat nichts mit "sich wundern" zu tun - und immer weiter auf der Autobahn, ich will ja schließlich heute abend wieder zuhause sein. Dann noch mal kurz Österreich, wieder Zollbrigade und ich düse über Kempten, Kaufbeuren, Memmingen zurück nach München.

mz ts 250 auf dem skt. bernhardpassblick ins tal (ewige spitzkehren)passo di bernhardino (im schnee)

Keine Panne bis hierhin. Nein?! Kommt aber noch! 20 Kilometer vor München, ich habe ein letztes mal getankt, geht plötzlich die Ladestromleuchte nicht mehr aus. Grob überschlagen müsste die Batterie noch soviel Ladung haben, daß ich mit Licht, denn es ist jetzt schon dunkel, genau bis nach Hause komme, Zündung kost' ja nix! Ich muß mich halt beeilen und verfahre mich irgendwo in den Münchner Suburbs. Licht aus, Strom weg, Motor aus. Fuck! Neubert Müller meint, die Kohlen klemmen, das meine ich auch, aber verdammt... hätte ich doch längst mal die Kreuzschlitzschrauben an der Lima-Seite auf Innensechskant umgerüstet. Mit dem popeligen Bordschraubenzieher kriege ich die jedenfalls nicht auf. aber Not macht ja bekanntlich erfinderisch. Die letzten fünf Kilometer fahre ich mit Notbeleuchtung, ich hatte doch noch diese kleine Taschenlampe einstecken... Und immer schön mit 3000 U/Min an jeder roten Ampel warten, damit die Lima genug Strom für die Zündung hergibt. Das sah schon ziemlich krass aus. Aber was tut man nicht alles, um nicht schieben zu müssen.

 

notbeleuchtung mit kleiner taschenlampe

Alles in Allem kann ich diese Tour nur jedem empfehlen, der sein Moped mal ein bischen scheuchen möchte. Es gibt sicherlich bessere Zeiten, einmal nicht unbedingt an Ostern, weil in Italien dann jeder bei Mama feiert und zweitens kann ich zur Nachahmung bei angenehmeren Temperaturen nur aufmuntern.
Ansonsten kommen MZs in Italien ziemlich gut an, wundersamerweise kennt die da niemand und das bestärkt das Gefühl endlich zu der Person geworden zu sein, vor der Dich schon immer alle gewarnt haben.