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os'tour - urlaubsgestaltung der etwas anderen art bis zur - und manchmal über die verschleißgrenze hinaus

Kapitel 3 - Die "der-längste-Tag-der-Welt" Tournee, Drei Jöche, Südtirol (1000km)

Die Emme ist jetzt prima eingefahren und die liebe Lust mal wieder übers Land zu brettern hat mich erneut gepackt. Es ist abend, 20. Juni, also ein Tag vor dem längsten Tag, und der Entschluß steht, den drei sagenhaften Jochen in Südtirol einen rasanten Besuch abzustatten.

Samstag
Wir sind zu dritt. De facto, denn Falk will zwar mit, muß aber noch zu Hause werkeln, will aber nach erfolgter Dachabdichtung nachkommen. Das nötigste gepackt, diesesmal auch schon mit einer 'echten' Straßenkarte ausgestattet, brechen Rainer und ich aus dem Münchner Westen über Starnberg und Bad Tölz Richtung Österreich zum Sylvenstein-Stausee. Eine Privatstraße muß genommen werden, die Kochelstrecke ist an Wochenenden in eine Richtung gesperrt. Am Stausee kriegt unsereiner sämtliche Zahnwälte Münchens in ihren hochglanzpolierten Bentleys und Porsches zu Gesicht, die meinen eine Ralley zu fahren, aber auch recht lustige Gesellen auf einer Reihe herrlich alter NSUs.

Die Tatsache, daß Rainers Benzinreserve ungefähr 10 Kilometer hält veranlasst uns zu einer Notbetankung seiner MZ. Wir tun uns auch gleich was Gutes und lassen uns Schwammerl und Bierbrätl rein.

Insbruck lassen wir rechts liegen, holen bei der Abfahrt ins Tal ordentlich Schwung und schon geht's auf der gegenüberliegenden Talseite wieder hoch nach Sellrain, der Ausgangspunkt für die erste Fahrt über einen herrliche Bergkamm. Aber erstmal wird Pause gemacht, denn schließlich soll ja noch der Dritte im Bunde zu uns finden, der es in den letzten drei Stunden unter ungeheuren Anstrengungen geschafft hat, endlich sein Moped in die Gänge zu kriegen und gerade in Garmisch steckt. Wir verabreden uns für den Abend in Sterzing und fahren der untergehenden Sonne Richtung Westen entgegen (einer nimmt das mal wieder zu wörtlich).

  südtirolkarterainer knoss und seine etz 250 am sylvenstein-stauseevon insbruck nach sellrain

Der Kühtaisattel liegt auf 2020 Metern und macht seinem Namen alle Ehre, denn dort wachsen zwar keine Bäume mehr, doch laufen Kühe und Pferde frei herum und beäugen die Mopedfahrer aufmerksam. Auch freilaufenden Wanderern begegnen wir, die, wie sie sagen, seit mehreren Tagen unterwegs sind und im Nachbartal gestartet sind und da vorne stehe ihr Auto. Wir beglückwünschen beide und freuen uns leise vor uns hin über unseren fahrbaren Untersatz, der uns nun durch Ötztal bringen soll.

Auf dem Weg zum Timmelsjoch lesen wir zwar von den Öffnungszeiten der Mautstrecke, halten das aber, absolut high von der bezaubernden Gegeng, für ein PaL Daß das doch kein Problem-anderer-Leute-Phänomen ist, merken wir als wir 20 vor 9 vor verschlossenen Schranken stehen. Eine Umfahrung eben dieser wäre uns teuer zu stehen gekommen, wie und der Würstlwirt auf der Paßstraße bei einer Abendmahlzeit verrät. Perjodische Polizeikontrollen und Videokameras sollen Unverbesserliche davon abhalten, sich samt Mobil 200 Meter in die Tiefe zu stürzen. Da aber gerade "der längste Tag der Welt" ist und es erst langsam dämmert, der Würstlwirt seinen Spez'l im Tal anruft und abklärt, daß die Schergen dort gerade erst losgefahren sind, erklären wir die ganze Situation kurzerhand doch zum PaL, camouflieren unsere Nummernschilder und düsen über das Timmelsjoch. Die Überfahrt ist alles andere als Schönwetterfahren, selbst im Sommer kommt es zu Frostbildung, in den Tunneln tropft es eiskalt, die Paßstraße ist eng daß es nur so knackt und uns bleibt nicht einmal Zeit für ein Gipfelbild auf 2500 Metern.

Auf der italienischen Seite treffen wir dann einen unfreiwilligen Camper, der auch etwas zu spät gekommen ist. Weil es mittlerweile richtig dunkel geworden ist, entschließt sich meine Batterie zu kollabieren, hinzu kommt auch noch ein Geräusch aus dem Motor, das wie ein Sack voller Murmeln klingt. In San Leonardo wird erstmal unter der Straßenlaterne eine Schrauberwerkstatt eingerichtet und Falk, der in Sterzing genügend Zeit hatte eine Familie zu gründen, über den Jaufenpaß zu uns geschickt (er soll ja schließlich auch mal was von der Gegend haben). Die Batterie hat einen Schlag wegbekommen und will nicht mehr wirklich wie in der guten alten Zeit; zum Glück gibt es hier viele geeignete Anfahrberge. Der Sack voller Murmeln entpuppt sich als gelöste Abtriebsmutter. Schließlich und endlich treffen wir doch noch alle auf unser wohlverdientes Abendbierchen in der örtlichen Eisdiele. Für das Nachtlager treiben wir unsere Kisten so hoch es nur irgend geht auf eine Alm in der Nähe.

 

  stefan und rainer am kühtaisatteltimmelsjoch um 10vor9

Sonntag:
Die Sonnenstrahlen wecken und begrüßen uns mit einem wundervollen Tag. Leider haben sie den Kaffee vergessen, aber wir wollen ja eh' mit quietschenden Bremsen runter und weiter nach Merano. Im Kaffee Meinl gibt's alles, was das Herz begehrt (auch für Leute, die ohne besagtes Bohnengetränk noch nicht genügend Grip in der Landschaft finden und einfach mitsamt ihrem Roß umkippen, wie der bescheidene Autor dieser Zeilen).

Über die Autobahn (wegen der hohen Drehzahl und dem Ladestrom) geht's von da aus nach Bolzano, wo das dritte Joch genommen werden soll. Das erste angesteuerte entpuppt sich erstmal als das falsche, obwohl wir uns schon fast wieder auf 1500 Meter durch Tunnel und über Schluchten hinweg emporgeschraubt haben. Aber macht ja nix, macht ja Spaß ohne Ende, dann eben die ganze Strecke wieder runter - geht ja schnell, vor allem, wenn man die Strecke schon kennt - unten um die Ecke und wieder weiter ins Sarntal.

Eine kleine Erfrischungspause wird an einem fröhlichen Bach eingelegt, der unversehens auch mit der Möglichkeit unvorhergesehener Flutwellen, insbesondere als Folge von Staudammregulierungsmaßnahmen, aufwarten kann. Die potentielle Möglichkeit eines plötzlichen Todes in den tosenden Fluten im Hinterkopf und überglücklich über unsere zweite Chance hier auf Erden fahren wir wie besessen durchs schöne Sarntal und hinauf auf das 2500 Meter hochgelegene Penserjoch, von wo aus man seinen Blick über die herrliche Gegend, über Bergsteiger und über andere Bergsteigergeräte schweifen lassen kann.

Nach dem Gipfelrausch geht's zurück nach Österreich über die Brennerlandstraße. Die nächsten Stunden in Österreich verbringen wir mit einem Großteil der hießigen Staatsmacht gemeinsam. Teils fahren wir unversehens in, teils warten wir angekotzt hinter, teils flüchten wir in Anflügen verbaler Gewaltausbrüche vor diesen Schergen, die wir übelst positioniert in einer Vielzahl kleiner Grüppchen auf der gesamten Strecke fast bis nach Innsbruck am Bein kleben haben. Und nicht daß der Verdacht aufkommt, es ginge hier in irgendeiner Weise fair zu: Man kann ja mal ein Überholverbotsschild übersehen wie Falk, der sich ganz und gar auf die gestrichelte Mittellinie verlassen hat (36€), aber dem vorsichtigen Rainer vorzuwerfen er kurve mit einer Geschwindigkeit von 68kmh durch die Ortschaft (21€) und dies im Zweifelsfall und in Ermangelung der dafür nötigen Radarpistole einfach mal zu schätzen, grenzt schon an mentale Grausamkeit. Ja, ja, es ist nich einfach in Österreich. Nur wer, wie der bescheidene Autor dieser Zeilen, so extrem devensiv fährt und mit einem Herzen ausgestattet ist, so rein und so überquellend vor Güte und Barmherzigkeit, nur dem kann diese unbändig waltende Niederträchtigkeit keinen Schaden zufügen und er ist erhaben und unantastbar; und etwas Glück gehört, nebenbei erwähnt, auch noch dazu.

Das schien aber spätestens in Bichl durch diese Aktion restlos verbraucht, denn plötzlich hing der Fußschalthebel ganz schlaff in seiner Buchse. Diagnose: Schaltfeder gerissen. Und das auf schnurgerader Strecke! Mit extrem viel Gefühl im Fußgelenk, anfänglich noch mit untenliegender Handschaltung und eisernem Durchhaltewillen geht's die letzten 90 Kilometer zurück nach München.

Jetzt ist erstmal eine außenliegende Schaltfeder improvisiert worden. Ich hoffe inständig, die abgebrochenen Reste der Schaltfeder im Getriebeinnenraum wissen, daß sie in keiner Hinsicht mehr gebraucht werden.

Ich kann nur sagen, daß das mal wieder eine wertvolle Reise bis und vielleicht auch über die Verschleißgrenze hinaus war. Das Südtiroler Alpenland ist eines der schönsten mir bekannten Gebiete und wahrscheinlich auch das Beste an München generell. Zur Nachahmung, zumindest was die überwiegend positiven Erlebnisse angeht, kann ich nur aufmuntern und diese Tour mit fünf von fünf möglichen Sternen empfehlen.

falk dietrich schaut verschlafenrainer knoss zieht davon50er jahre tanke in bichl