os'tour - urlaubsgestaltung der etwas anderen art bis zur - und manchmal über die verschleißgrenze hinaus

Kapitel 5 - Die "Umzug-auf-Umwegen"-Tour Toskana 2003 (3800km)

Mein Praktikum in München neigt sich dem Ende zu und in mir reift der Entschluß nochmal Ferien in Italien mit der Emme zu machen... diesmal aber so richtig! In den Süden soll's gehen, so weit wie möglich, dem Sommer hinterher, denn der macht sich bekanntlichermaßen Anfang Oktober dann doch über die Alpen. Der kürzlich für wenig Geld aus Budapest mitgekommene Sportauspuff wird wieder demontiert, es hat Laune gemacht damit in München rumzuheizen und Passanten zu erschrecken, da er aber doch ein bischen viel Sprit verlangt und mein Budget knapp ist, ist für ihn die Reise schon zu Ende, bevor sie für mich begonnen hat. Da ich flexibel bleiben möchte, kommt alles mit, also Plane, Isomatte, Schlafsack, Kochnische samt Go-Go-Gadgetto-Besteck, Bat-Lampe jede Menge Klamotten und eben die wichtigsten Ersatzteile für den Fall der Fälle, der dann zwar auch eintritt... aber wer kann schon an alles denken. Aber immer der Reihe nach.

Von Thomas bekomme ich die Adresse eines Freundes in der Toskana, genauer gesagt in Figline Valdarno, das später mein zentraler Ausgangspunkt zur Erkundung der Region Chianti - Ursprung allen Glücks - werden soll. Jan vom Bodensee ist mit seiner 500er MZ Rotax mit von der Partie, aber leider nur für ein verlängertes Wochenende.

 

Do/02. Oktober mittags geht die Fahrt von Müchen los, Nieselei wird durch das schönste Wetter abgelöst, ja jetzt beginnt der Urlaub. Jeder Streckenabschnitt lädt schon zum Rasten und Sonnen, besonders der malerische Ammersee und einige male gebe ich der Versuchung auch nach. Am Straßenrand wird dann erstmal der Tank mit einem Bypass im Stutzen dauerhaft ventiliert, der neue Tankrucksack hat nämlich die Entlüftung im Deckel abgedichtet und so für einige motorische Aussetzer gesorgt.

Am Abend empfängt mich Jan in Kressbronn am Bodensee herzlich und wir müssen Pasta essen (denn es geht ja nach Italien, aber das habe ich schon erwähnt). Der Wetterbericht verheißt nichts gutes und tatsächlich, der nächste Tag beginnt mit Regen. Aber natürlich, es ist ja Nationalfeiertag, der...

 

 

Fr/03.Oktober Also, Klamotten abgedichtet und Regenschuhe improvisiert (mit spezieller Gaffa-Schaltschuhverstärkung links), Vignette gekauft und auf die Autobahn, denn da macht Regenfahren wenigstens noch Spaß. Wir prügeln also durch den äußersten Westen von Österreich, schwimmen - ebenfalls auf der Autobahn - nach Bludenz und verlassen diese dort, denn Jans Rotax möchte betankt und meine alten VoPo-Handschuhe entleert werden; an unserer Gesamtzuladung hat sich also nichts geändert.

Wir nehmen die Einfahrt zur Sylvretta-Hochalpenstraße und fahren hoch zum Silvretta-Stausee auf 2032m, wo man zeitweise fast die Sonne durch die dünne, oberste Schicht der dicken Wolken vermuten kann. Unsere Kisten werden mal wieder ungläubig zur Kenntnis genommen, aber wir sind ja weder hier um uns Feiern zu lassen, noch metereologisch unzulängliche Metaphern zu dreschen. Statt all dessen verzehren wir genüsslichst ein längst fälliges Wiener Schnitzel mit Pommes und beobachten die ganze Situation beim Essen.

Über die Bielerhöhe geht es 14%ig runter nach Galtür (Sie wissen schon...) durch das Paznauntal, wo wir in Ischgl auf eine sensationelle DKW stoßen. Ihr Besitzer, wohl ein echter Hardliner in Sachen Klimaschutz, hat sie mit allen Konsequenzen auf einen Motor umgestellt der, statt das klimaschädliche Kohlendioxid auszustoßen, reinen Sauerstoff produziert und Glukose derart akkumuliert, daß der Motor selbst an Umfang und Leistung über die Zeit nur zunimmt. Leider konnten wir einer Probefahrt nicht beiwohnen.

Weiter runter nach Landeck geht es um die Samnaungruppe herum und wieder bergauf Richtung Reschenpass, diesmal ist da aber richtig mieses Wetter. Die Straßen auf italienischer Seite sind bergab nach langen Geraden zuvorkommend mit rotem extragrippigen Straßenbelag in den zahlreichen, am Scheitelpunkt stark hochgezimmerten Kurven ausgelegt. Die vordere TS-Trommelbremse quietscht gerne kurz und heftig, vor allem beim Auftauchen unerwarteter 20kmh-Hindernisse. Es ist gerade Apfelernte angesagt und so quälen sich und uns einige, bis aufs Unkenntliche beladene Traktoren bis hinunter ins Tal nach Schlanders (Silandro). Langsam wird es dunkel, wir Erkundigen uns nach freien Herbergen werden aber nicht fündig. Aber natürlich, es ist ja immer noch Nationalfeiertag und eine wahre Flut von Wanderfreunden aus Deutschland ist uns zuvorgekommen. Mist!

Dann wird eben die Botanik aufgesucht. Ist eh' billiger. Die einzige Möglichkeit scheint aber nur eine Apfelplantage zu bieten, die allerdings mit einem großen Schild "proprieto privato" aufwartet. Aber egal, immer vertrauend auf die Gutmütigkeit der Leute möchte ich hier bleiben. Jan lieber nicht, vor allem als ein kleiner Fiat nach uns auf den Privatbesitz gefahren kommt.

>> "Was macht ihr denn hier?!"

>> "Naja, äh, wir wollten hier eigentlich die Nacht verbringen."

>> "Aber warum denn hier? Da müsst ihr noch ein Stück weiter hoch auf die Wies'n. Da is' viel schöner!"

>> "Ja leck' ! Machen wir. Danke!"

Und da war sie dann die Wies'n auf dem Privatbesitz, samt Hütte, überdachtem Holzstapel, Tisch und Bänken und, als Bonus suzusagen, mit kleinem Wasserfall im Hintergrund. Coooool! Wir Essen zu Abend und suchen uns unser Nachtlager. Jan findet den überdachten Holzstapel entzückend, ich schlage die Plane über den Tisch auf der einen und die Banklehne auf der anderen Seite und finde mich auch entzückend. Wird schon nicht Regnen! Denkste! Als mir die Plane regennass und schwer irgendwann morgens gegen die Nase drückt, verfluche ich meine Experimentierfreudigkeit.

 

Sa/04.Oktober Gefrühstückt wird was die Packtaschen (als letztes) hergeben; so z.B. lecker Bohneneintopf. Basta. Noch ganz im Kälteschlaf schaut ein Salamander aus dem Holzstapel auch mal vorbei. Die Fahrt geht östlich über Merano und dann auf kleinen gewundenen Straßen über winzige Dörfer mit vielen Kastellen südlich. Gerastet wird wo schönes Wetter ist. Falk ruft mittags durch, - wir befinden uns gerade am Rand einer beeindruckenden Schlucht und winken ins Leere - er könne nicht nachkommen, die Regenmassen halten ihn davon ab und er sei froh wieder im Warmen zu sein. Das Wetter bei uns schlägt am Lago di Molveno dann auch um. Vor uns erstreckt sich eine beeindruckend ausladende Ebene, am Horizont können wir uns für Tal 1 - wolkenverhangen und schwefelig dunstig, aber im Vergleich recht angenehm -, Tal 2 - einfach bedrückend wolkig -, oder Tal 3 - verdammt bedrückend wolkig - entscheiden. Geil! Wie gut daß wir wasserdicht sind. Wir nehmen Tal 2. Gute Wahl! Die Abfahrt runter zum See ist prächtig, von ganz oben könnte sich der See dem Blick - wenn das Wetter das zuließe - in seiner ganzen Länge präsentieren. Unten suchen wir uns dann nach längerem Preisvergleich einen Campingplatz. Abends gibt's Pizza und ein sagenhaftes Unwetter auf der Seeterasse eines kleinen Restaurants, das leider auch einen deutschen Kegelklub beherbergt. Wie weit muß man eigentlich fahren, um aus den letzten deutschen Enklaven herauszukommen?! Morgen werde ich es erfahren. Jetzt aber erstmal gucken, ob unser Zelt noch steht.

So/05.Oktober Wir bauen schnell ab und versuchen uns einen Kaffe mit dem Kocher und dem gestern versehentlich erworbenen Putzspiritus zu improvisieren. Das Ergebnis will nicht so recht überzeugen. Die letzten Sachen werden gepackt, der Kaffe schnell entsorgt, und wir verabschieden uns voneinander. Jan muß jetzt bei Schnee-bis-1000-m zurück über die Alpen fahren. Ich besorge mir erstmal etwas "crema fine per calzature" und behandele meine alten, hygroskopischen Handschuhe damit, Helm auf, Jacke zu und noch etwas Gaffa um die Stulpen an den Armen, damit's schön trocken bleibt. Vorbeugend bekommen die "Tütenschuhe" auch nochmal eine Lage ab, Kiste angetreten und auf nach Verona - ein bischen mulmig ist mir ja schon. Via Autobahn geht's dann die nächsten 100 km nach Modena. Die Po-Ebene ist im wahrsten Sinne des wortes a****flach, die Straßen direkt vom Reißbrett und bis auf die Städte nicht sonderlich interessant. Ich vermute, der Pfannenaufsatz meines Kochgeschirrs, diverse Messer und Gabeln die sich vormals darin und nun, nach dem Lösen der Vertäung, verstreut auf der Autobahn befinden, ändern daran auch nicht viel. In Modena geht's auf die S66 Richtung Lucca/ Pistoia, hier erstrecken sich die ersten Ausläufer der Appeninen, eine Bergkette, die hier ihren Anfang nimmt und sich im Grunde diagonal über den ganzen Stiefel erstreckt. Sie bieten eine willkommene Abwechslung zur Po-Ebene, denn es werden im Vergleich zur Luftlinie wieder doppelt soviele Kilometer zurückgelegt, was heißen will, daß man sich mit seinem Moped desöfteren wieder in der Schräglage befindet. Die Appeninen sind zar nicht so brachial wie die Alpen aber immerhin haben die auch Berge zu bieten, so zum Beispiel den Monte Cimone mit 2165 Metern, ein beliebtes Winterziel der Italiener. Auf der Route über Abetone wird es auch gleich so kalt und naß, daß man meinen könnte, die Skisaisson werde jeden Moment eingeläutet. Eine Weile liebäugele ich mit dem Gedanken in einer leerstehenden Polizeiwache zu übernachten, doch dann kommt die Motivation zurück und ich werfe die Kiste wieder an. Heute werde ich es wahrscheinlich nicht mehr bis Figline im Arnotal schaffen, also halte ich schon mal Ausschau nach einer Herberge. Leider haben die alle noch geschlossen (für die Sommerfrische zu spät, für die Skisaisson etwas zu früh). Die einzige Herberge in der ich zufällig Leute antreffe, bietet mir ein Luxuszimmer für 30€ an. Ich lehne dankend ab und versuche mein Glück weiter bergab Richtung Pistoia. Leider bleibt mir dieses nicht hold, denn in Pistoia selbst sind die Zimmer dreimal so teuer und geeignete Lagerplätze wegen der extremen Hanglage Mangelware. Als die Nacht dann schon lange hereingebrochen ist finde ich viel zu weit hangaufwärts doch noch ein Plätzchen. Tja, da stehe ich nun, auf meinem Hügel, der Mond scheint hell, zu meinen Füßen die Stadt. Erstmal eine Rauchen! ... Verdammt! Es fängt wieder an zu Regnen. In Windeseile ist die Plane am Moped und in der Botanik verankert, ich beginne meinen Geiz zu verfluchen. Könnte jetzt schon seit vier Stunden gebadet sein, im Gastraum etwas leckeres zu mir genommen haben und nun auf meinem Bett fläzend, mich durch's italienische Fernsehen zappen. Naja, ist doch natürlich hier. In der Altteinzeit haben die Leute/ Affen auch unter freiem Himmel geschlafen und ich habe sogar meine Bat-Lampe hier und einen tollen Schlafsack, dessen Todeszone erst bei -4°Celsius beginnt. In dieser Nacht war ich verdammt nah dran!

Mo/06.Oktober In der Morgensonne schüttele ich meine tauben Glieder, um zu sehen ob irgendwelche Frostschäden zurückgeblieben sind. Moment mal, Morgensonne? Tatsächlich! Sie scheint, als ob sie die Verfehlungen der letzten Tage irgendwie wieder ausbügeln möchte. Ich muß gleich mal ein paar Fotos von meinem Moped mit Sonne und von Pistoia mit Sonne machen. Voller Elan fahre ich die 50 km nach Florenz, direkt in die Innenstadt. Wie gut, daß mein Moped als Moped durchgeht, denn in den engen Innenstädten haben normalerweise außer Rollern und dreirädrigen 650er Fiats größere Fahrzeuge nichts verloren. Außerdem schaue ich an jedem Kontrollpunkt so, als ob ich genau wüsste, wo ich hin will und schönen Tag auch. So passiere ich direkt die Ponte Vecchio, jetzt nur noch durch die nächste viel zu enge Fußgängerpassage und immer am Arno entlang, dann komme ich direkt nach Figline. Unterwegs kaufe ich mir noch einen italienischen Straßenatlas - mit 1cm = 45km ist doch recht schwer zu navigieren - und mache endlich Frühstück. In Figline angekommen treffe ich auch tatsächlich Uli an und er lädt mich herzlich ein, erstmal meine Sachen ins Haus zu bringen. Bei der Gelegenheit stellt er mich auch gleich Timi und Valerie, seinen Kindern, vor, die zum Glück auch damit einverstanden sind, daß ich bleiben kann. Für den Nachmittag unternehme ich noch eine kleine Tour nach Arezzo (dem Geburtsort des berühmten Vasari, berühmtester Baumeister am Palazzo Vecchio) und Sansepolcro, welches nicht direkt am Lauf des Arnos liegt, da das Arnotal laut Uli eigentlich gar nicht die wahre Toskana ist. Was er damit nun gemeint hat, werde ich in den nächsten Tagen noch erfahren. Mein Ausgangspunkt auf der Karte ist jetzt jedenfalls Figline, von dort werde ich in den nächsten 5 Tagen und rund 1200 Streckenkilometern fast die gesamte Toskana in allen Richtungen durchqueren.

Di/07.Oktober Heute steht aber erstmal ein Tag in Florenz auf dem Programm. Ich schaue mir den Palazzo Vecchio an, den Corridore Vasari, eine hochparterrige Architektur, die sich vom Palazzo via Ponte Vecchio über den Arno quer durch die ganze Stadt - sogar eine Kirche wird durchquert - erstreckt, und natürlich den duomo. Zwischendurch gibt's immer wieder Cappucino und/ oder Pizza in den unzähligen Bars und Cafes in der Innenstadt. Am Abend, bei Pasta, Pesto und einem schönen Roten, meint Uli, wenn mir Florenz gefiele, sollte ich mir auf jeden Fall auch Siena zu Gemüte führen.

Mi/08.Oktober Mach ich doch glatt! Nach dem Tag in Florenz geht's nun durch die 'echte' Tosakana, das will sanfte hügelige Landschaft mit Zypressen, Olivenbäumen und herrlichen Gerüchen meinen, in der die Straßen keine 10 Meter gerade verlaufen wollen und wirken, als hätte man das Urkonzept einer Straße, das in der möglichst geringen Distanz in der Verbindung von Punkt A und Punkt B auf der Karte besteht, zugunsten dessen eines Topfes mit Spaghetti aufgegeben. Kurz und knapp: il paradiso di motocyclisti! In Siena parke ich mein Moped einen Steinwurf von der Piazza und genieße den Palazzo Publico von außen. Danach geht's hoch zum duomo, der mal das größte unter den christlichen Bauwerken werden sollte. Diese hehren Ziele durchkreuzten dann allerding statische Fehlberechnungen und die Pest. Beeindruckend auf jeden Fall ist der Innenraum aus abwechselnd schwarzem und weißen Marmor, den ich schnell vom Ausgang aus ablichte, weil ich mir den saftigen Eintritt sparen will. Im Dommuseum, einem interessanten Hybridbau aus alter und hypermoderner Architektur, gibt's eine Ausstellung über Duccio, einem Kirchenmaler des 13. und 14. Jahrhunderts. Für den Audioguide hinterlege ich meinen Führerschein. Die Ausstellung ist solala, das Museum aber dafür richtig interssant.

>> "Siena, du warst toll! Ich hoffe wir sehen uns bald wieder!"

>> "Klar, Stefan, das werden wir, hihi!"

Beim Abendessen im Garten zwischen Haus und Stadtmauer, Pizza vom Alimentari schräg gegenüber und einem guten toskanischen Roten, legt mir Uli wärmstens ans Herz, mir auch San Gimignano und Volterra zu Gemüte zu führen. Bis jetzt war jeder Tag eine Steigerung des davorigen, ich bin gespannt, wie lange mein Gemüt das noch durchhält. Eigentlich hatte ich ja vor, bei Uli nur einmal zu übernachten und dann weiterzufahren, aber irgendwie tue ich das ja auch... jeden Tag auf's Neue. Der Wetterbericht erzählt etwas von derbem Wintereinbruch in Deutschlands Süden, darüber kann ich hier nur Lachen! Vor dem Schlafengehen, verspreche ich den Kleinen noch einen Ritt auf dem Moped.

Do/09.Oktober Nach San Gimignano fahre ich bei strahlendem Sonnenschein wieder durch die echte Toskana mit besagten Spaghettistraßen. Mittags ist es so warm, daß eine Jacke purer Ballast wäre; stattdessen Fahre ich leger im gelbem Angeberhemd. In besagter Stadt bietet sich von den insgesamt 13 erhalten gebliebenen Geschlechtertürmen ein herrlicher Blick in die Weite der Landschaft. Das imposante historische Gebäude am höchsten Punkt der Stadt verschließt sich mir nach zaghaften Zutrittversuchen völlig; es ist das hießige Staatsgefängnis wie sich bei einer Umrundung herausstellt. Das Foltermuseum allerdings öffnet seine Pforten auch mir und so verbringe ich ein paar unvergesslich vergnügliche Stunden. Bei der Gelegenheit fällt mir auch gleich wieder ein, wo ich gestern meinen Führerschein zurückgelassen habe (!).

Was wollte ich mir noch anschauen? Richtig! Volterra. Hier gibt's ein paar uralte etruskische Ruinen von sakralen Gebäuden und blutjunge Holländerinnen zu bestaunen. Der besonders exponierte Platz, der die umliegenden Hügel bei Weitem an Höhe überreicht, eignete sich vordem hervorragend dazu, mit den Göttern in Kontakt zu treten. Meine Fantasie wird durch diese Aussage enorm beflügelt und ich stelle mir jahrtausendalte, unsagbare Riten vor, bei denen blutjunge Holländerinnen den Göttern geopfert werden. Nachdem dann die Römer die letzte etruskische Hochburg eingenommen hatten, segnete der römische Senat die neue Provinz auch gleich mit einem örtlichen Schauspielhaus. Einige Jahrhunderte später, die Schauspielkunst war wohl gerade aus der Mode gekommen, nutzte man das Gelände um und erbaute hinter dem heruntergekommenen Theater eine Therme. Viel zu spät verlasse ich diese herrliche Stadt, denn der Rückweg ist weit und die Sonne berührt schon den Horizont. Das sind knapp 100 Kilometer auf denen es dann doch schon etwas frischer wird, doch der Vollmond leuchtet die Spaghettistraßen schön aus und ich kann prima in den Kurven heizen, da herannahende Autos jetzt schon am Licht erkennbar sind. Doch leicht durchgefröstelt komme ich zwei Stunden später in Figline an, Pasta, Pesto und der gute toskanische Rote bringen wieder alles in's Lot. Abends geht's noch in die kleine Weinbar im Nebenhaus auf noch einige davon.

Fr/10.Oktober Nachdem ich in Siena im Dommuseum meine Fahrerlaubnis - man kennt mich dort bereits - abgeholt habe, fahre ich gleich nochmal nach Volterra, weil ich noch die etruskische Nekropole etwas außerhalb besichtigen will. Außerdem liegt hier ganz in der Nähe auch gleich die sogenannte Balze. Bei der Balze handelt es sich um ein natürliches Ersoionsgebiet am Stadtrand, dem schon eine alte alte Kirche und eine Schule zum Opfer gefallen sind. So trocken zumindest steht es in meinem Italien-Almamach. Was sich dort allerding den Sinnen bietet, weicht bei weitem von dieser allzu lakonischen Schilderung ab und lässt sich schwer in Worte fassen. Nachdem ich halsbrecherisch steile Schotterpisten mit meinem Moped heruntergefahren bin ersteige ich einen kleinen Hügel inmitten der Balze. 50 Meter über mir erstreckt sich der zum Abrutschen verdammte Stadtteil Volterras während der Blick von diesem exponierten Punkt in alle Himmelsrichtungen in die herrlichste Landschaft scheifen kann. Nachdem ich mich wieder einigermaßen beruhigt habe fahre ich von Volterra aus noch ein gutes Stück südlich über Saline di Volterra nach Lardarello. Dort liegt ein Hauch von faulen Eiern in der Luft, schwefelige Dämpfe steigen allerorts in den Himmel. Eigentlich eine ganz schöne Angelegenheit, die Geothermie. Irgendwo soll es auch Thermen geben, doch ich breche die Besichtigungstour hier ab, denn der Nachhauseweg ist schon wieder um einiges länger als gestern. Mittlerweile kenne ich die Straßen ganz gut, was nicht heißen soll, daß ich auch gegen aus der Dunkelheit auf mich zuspringende Hunde und wild gegen meinen Helm prallende Fledermäuse gewappnet bin. Ich dachte eigentlich dieses Flattertier hätte Radar onboard. In Figline angekommen wird erstmal zu Abend gegessen (Pasta, Pesto und der Rote) und danach gehts mit den Kleinen, wie versprochen, in wilder Hatz über die nächtliche Piazza.

>> "Und was wollt Ihr morgen machen?!"

>> "Moped fahr'n!"

>> "Und was wollt Ihr machen, wenn Ihr groß seid?!"

>> "Moped fahr'n!"

>> "Brav! Lasst Euch drücken."

Panorama >>>

 

 

 

 

<<< Panorama

 

Sa/11.Oktober Wir beschließen gemeinsam eine kleine Fahrradtour zu Freunden im Nachbarort zu unternehmen. Diese Ausfahrt wird jedoch jäh unterbrochen, als der kleine Timi mit seinem Fuß in das Vorderrad von Ulis Fahrrad gerät. Geschrei, Krankenhaus, Fuß gebrochen. Uli wird bis morgen bei Timi im Krankenhaus bleiben, ich gehe mit der kleinen Valerie auf den Schock erstmal ein tröstendes Eis essen. Eigentlich sitz der bei ihr interssanterweise gar nicht so tief; erst abends rollen ein paar dicke Krokodilstränen. Ich sag' ja, lasst die Finger von den unmotorisierten Zweirädern.

 

So/12.Oktober Abschiedstag. Viel zu schnell ist die Zeit in der wunderbaren Toskana verstrichen. Morgens verabschiede ich mich, vertäue mein Hab und Gut wieder auf der Kiste, herze die Kellnerin aus der Weinbar nebenan und bin doch etwas traurig, diese herrliche Gegend und die neugewonnenen Freunde verlassen zu müssen. Zurück fahre ich über Florenz und dann, ziemlich gerade, via Landstraße, nördlich - dank der neuen Karte entdecke ich Straßen, die sich mir auf der Herfahrt verschlossen. Der äußerst leckere Beccarello dolce fällt dem Mittagessen zum Opfer. Ich ringe immer noch mit dem Gedanken, einen Abstecher über Venedig zu fahren, mittlerweile bin ich jedoch, genauso wie meine Kamera, zum Bersten voll mit Bildern und beschließe, Venedig auf meinen nächsten Italienurlaub zu vertagen. Bologna durchquere ich in Süd- Nordrichtung durch unzählige Einbahnstraßen in der Innenstadt, dann auf der Höhe von Mirandola geht plötzlich die Ladekontrollleuchte nicht mehr aus. Juchu! Doch noch eine Panne! ich dachte schon es geht alles glatt. Ein kurzer Check bringt es ans Tageslicht: Die Schleifkohlen sind total runter. Ich hatte doch erst kürzlich Neue erworben, aber schon eingebaut. Das sind also die. Aber die Alten waren nicht so krass runter wie die jetzt! Aber habe ich die überhaupt eingepackt??? Nachdem ich meine Ersatzteile doppelt und dreifach durchwühlt habe, stellt sich Enttäuschung ein. Mist, wo jetzt - sonntag abend - neue Kohlen herkriegen? Ich biege die Federn etwas nach, damit die Batterie doch noch etwas Saft abbekommt, das geht aber auch nur maximal 10 Kilometer gut, bis wieder eine von den Vermaledeiten hakt. Bei einer Alfa-Romeo-Vertretung, die witzigerweise geöffnet hat, weil gerade neue Modelle hereingekommen sind, werde ich leider auch nicht fündig. Die tauschen wohl auch lieber gleich die ganze Lichtmaschine aus. Nach der Suchaktion ist mittlerweile auch schon die Nacht über's Land gekommen und ich halte Ausschau nach einem 'Bett im Kornfeld'. Links ab geht es nach San Stefano, 5 Kilometer, ich deute das als ein gutes Zeichen und werde fündig. Morgen wird die Welt schon wieder ganz anders aussehen.

 

Mo/13.Oktober Früh aus den Federn, denn ich habe einen Auftrag: Kohlen holen! Wie heißen Schleifkohlen eigentlich auf italienisch? Als alter Lateiner versuch's ich mal mit "carboni contacti". Bei den Karosseriebauern werde ich leider nicht fündig, doch bekomme ich dort einen guten Tipp; und der heißt "magneti marelli" (das g bleibt stumm). Bei diesem klangvollen Namen kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Und tatsächlich: Der Marelli-Laden ist eine kleine Schraubwerkstatt, dessen Besitzer, weil gerade keine Kundschaft da war, hinten an seinem Motorflugzeug (nein, kein Modellflugzeug... ein Großes) herumgebastelt hat. Hier feile ich mir aus alten Fiat- neue MZ-Kohlen, baue sie ein und 'tutti va bene'. Er grinst nur und erzählt mir noch ganz stolz, daß er seinen Flieger bei Obi gekauft hat. Vielen Dank lieber Herr Marelli. Jetzt heißt es fahren, was das Zeug hält, denn ich möchte heute abend in München sein, eine Übernachtung in den Alpen kommt nicht in Frage und gestern habe ich wegen der Panne nicht einmal die Hälfte der Strecke geschafft die ich mir vorgenommen hatte und so stehen mir heute ca. 500km an. Also, Kiste angetreten und los geht's. Nach Verona und von dort via Landstraße, die exakt neben der Autobahn verläuft, aber viel schöner zu fahren ist, nach Trento. In Trento lasse ich mich von einem üppigen Mittagessen in einem Restaurant (primi platti, secondi platti, etc... ) trotzdem fast zwei Stunden aufhalten, denn das ist's mir auf jeden fall wert. Weiter - immer noch neben der Autobahn - nach Bozen, wo ich ein Foto von dem letzten großen Weißen mache, bevor er von mittelgroßen Roten und dann riesigen Grauen abgelöst wird (Schön zu erkennen: der große Weiße ist mindestens 1 1/2 mal so hoch wie die Tanke). Durch das Sarntal geht es über's Penserjoch, das ist die direkteste und auch schönste Strecke nach Norden. Auf 2215 Metern Höhe angekommen, spendiere ich der MZ, deren Tank jetzt, nach der Auffahrt, komplett leer ist (habe ich tatsächlich nur ein Foto gemacht und das Tanken vergessen?!), eine kleine Pause und mir einen Cappucino. Dort lerne ich auch einen lustigen Schweizer namens Gaudenz kennen (für die Nichlateiner: gaudenz, -a, -um = lustig, ausgelassen) und wir machen ein paar Paßfotos im Schnee. Mal wieder viel zu spät - das Antreten der Kiste kann ich mir diesmal sparen, denn ich habe ja keinen Sprit mehr - rolle ich los und nehme mir 20 Kilometer bergab die nächste Tanke vor. Dann schnell über den Brennerpaß und rein nach Österreich (Benzin: billig/ 2-Takt-Öl: unangenehm teuer/ Vorsicht: Straßenkontrollen rigoros (siehe Kapitel 3). Bei einbrechender Dunkelheit geht es in Insbruck auf die Autobahn, eine, wie sich später erst herausgestellen wird, verstopfte Luftdüse und ein abgesoffener Schwimmer im Vergaser sorgen eh' dafür daß die Kiste unter Vollgas - und eigentlich nur noch dann - am besten läuft. Kurze Abkühlpause für die MZ und einen heißen Tee für mich in der letzten Raste in Österreich; es ist mittlerweil echt saukalt geworden und das, wo ich die ganzen letzten Tage dieses herrliche toskanische Klima genießen durfte. Bumms! Deutschland! Es trifft mich wie ein Hammerschlag. Die Temperaturen sinken gleich nochmal pauschal um mindestens 5°, umgekehrt proportional zu den in meinem Motor vorherrschenden, denn jetzt ist mir alles egal: ich will endlich irgendwo ankommen! Mein ganzer Körper entspannt sich als ich den Gasdrehgriff bis zum Anschlag aufreiße. Hier ist wieder meine ADAC-Mitgliedschaft gültig mit der Option mich nachts von irgendwo mit gebranntem Motor abschleppen zu lassen. Die Tachonadel klebt bei 140km/h und es geht immer weiter bergab Richtung München. Irgendwann vor Mitternacht stehe ich durchgefroren vor Lillis Haustüre, das erste Mädel, das mir beim Abpacken begegnet ist, habe ich gerade gefragt:

>> "Sag' mal, ist das schon die ganze Zeit so kalt hier?"

>> Nee! Im Vergleich zu den letzten Tagen war's heute richtig warm"

Oke, oke! Dann bin ich halt hier das Weichei.

 

Di/14.Oktober Entspannung pur. Lange ausschlafen, Freunde besuchen und über einen ungläubigen Taxifahrer lachen, der mir nicht mal glauben wollte, daß die MZ aus eigenem Antrieb von Halle nach München gefahren ist. Sollerdoch! Mirdochegal!

 

Mi/15.Oktober Weil mir die NVA-Plane in der letzten Nacht vom Moped geklaut wurde, beschließe ich einen 5-Liter-Kanister synthetisches 2-Takt-Öl aus dem Sonderangebot an deren Stelle zu plazieren. Ich hoffe, daß der liegend verstaute Kanister dicht ist und auch bleibt und die hinter mir fahrenden Autos nicht zu einem ungewollten Tänzchen auf der Straße auffordert. Weiter geht's nach Ochsenfurt zu meinen Eltern im schönen Frankenlande. Dort bleibe ich dann auch für drei Tage, lasse mich verwöhnen und bin ganz Sohn. Hier komme ich auch der verstopften Luftdüse auf die Spur und bei der Gelegenheit wird auch gleich der Schwimmer wieder zugelötet. Der Hinterreifen zeigt stellenweise schon die Armierung, ich vermute einen Montagsreifen, doch dann rufe ich mir die Strecke ins Gedächtnis, die ich seit dem Kauf im Mai damit zurückgelegt habe und finde, daß es doch ein guter Pneu (und eben kein pneu à pneu) war.

 

So/19.Oktober Heute stehen nochmal 300 Kilometer an, der Endspurt. Über Schweinfurt, Meiningen, Suhl und Weimar geht's nach Halle, natürlich etwas vorsichtiger als in der letzten Zeit, denn ich möchte den Schlauch unter der Armierung nicht wirklich zu Gesicht bekommen.

Wie Neuland betrete ich meine alte WG-Wohnung in Halle und kann es irgendwie gar nicht richtig fassen, jetzt - nach über einem halben Jahr Abstinenz - wieder hier zuhause zu sein. Ich vergewissere mich, blicke aus dem Fenster und da steht sie, etwas geschunden, aber treu und zuverlässig, in der Sonne: meine brave MZ. Das war definitiv der entspannendste Umzug auf Umwegen.