
Zum 14. Mal findet dieses Jahr das Fußballturnier Kunstrasen statt,
an dem ausschließlich Mannschaften aus Kunst- Film und Gestaltungshoch-schulen
teilnehmen.
Die Mannschaften aus Düsseldorf, Stuttgart und den vielen anderen deutschen
Kreativ-Standorten, die sich Jahr für Jahr einfinden, sind allesamt höchst
motiviert und muskelbepackt. An zwei Turniertagen wird der unumschränkte
Kunstfußballmeister ermittelt.
Die Mannschaft aus Halle, die Werkself TRIMM ist erst seit dem letzten Jahr
Mitglied in diesem erlesenen Kreis von Fußball- und Kunstgöttern. Da das Turnier
jedes Jahr an einer anderen Hochschule stattfindet, haben wir die Austragungsrechte
für 2004 ergattert.
Aber was unterscheidet dieses Turnier von all den anderen Turnieren, die in Stadt-
und Land ausgetragen werden?
Betreiben die Studenten von Marina Abramovic Fußball als Performance körperlicher
Grenzerfahrungen? Gehen die Studenten von Rebecca Horn nach einem gewonnenen
Spiel auf Wallfahrt? Keine Ahnung.
Kunstrasen - Rasenkunst
von Dieter Hoffmann
Kann Fußball spielen eine Kunst sein, selbst in
Deutschland? Was passiert, wenn vergeistigte Maler mehr Angst vor einem
Elfmeter haben als vor einer leeren Leinwand, sich stilbewusste Designer
der Blutgrätsche hingeben, Konzeptkünstler das Runde ins
Eckige bringen wollen, gegen alles revoltierende Medienkünstler
sich einfachsten Regeln unterwerfen, ein Team auf-rührerischer
Maler Markus Lüpertz als Trainer anbetet, wenn verständnisvolle
Kunsterzieher unpädagogisch den Schiedsrichter anpöbeln,
selbst für endlos arbeitende Architekten alles nach 90 Minuten
zu Ende ist und für schlagkräftige Bildhauer nicht die Bronzeplastik,
sondern das nächste Spiel das schwerste ist? Wie kommt es, dass
sich unterkühlte Kommunikationsdesigner brasilianischem Jubel
hingeben, gut frisierte Buchkünstler bäuchlings über
den nassen Rasen gleiten und selbst zierliche Grafikerinnen in Stollenschuhe
schlüpfen? Dann ist bestimmt wieder einmal die Zeit für
ein einmaliges
Um einen weiteren Sieg der Kompressoren aus Düsseldorf auf keinen Fall zu ermöglichen, fanden sich an der Stuttgarter Akademie der bildenden Künste ein Haufen mit südländischer Fußballmentalität ausgestatteter Balltreter bereit, die Meisterschaft erstmals in Turnierform auszutragen. Die als „Unvergessene“ bezeichnete Meisterschaft (meine Erste) setzte Standards für die noch folgenden Turniere. Das berühmte Nutellafrühstück (in letzter Zeit von einigen deutschen Nationalspielern im Werbefernsehen zweitklassig kopiert) schrieb genauso Geschichte wie die Auslosung der Begegnungen am Freitag Abend mit einer anschließenden ausgiebigen Mannschaftsparty, die sich meist bis zum Anpfiff, oft auch darüber hinaus hinzog. Zur Verzweiflung vieler Betreuer
Seit 1996 wurden dann jährlich, immer zum Ende des Sommersemesters, weitere acht Turniere mit zahlreichen Höhepunkten und Innovationen in den Kunsthochschulen in ganz Deutschland ausgetragen. Highlights dabei waren die erste gemischtgeschlechtliche Mannschaft von Brot Nürnberg in Münster 1996, die Live-Übertragung der Spiele im Internet im Jahre 2000 aus Karlsruhe, der Stadt
... dann geht alles sehr schnell, alles paßt auf einmal zueinander. Es ist ein kurzer rausch. Auch wenn nach einigen wenigen sekunden alles schon wieder vorüber ist, es schmeckt ein klein wenig nach der ewigkeit.
Und SISYPHOS, der fintenreichste unter den menschen, wurde, als er dann doch noch von THANATOS für immer in den hades verschleppt worden war, von ZEUS ob seiner frechheiten mit einem ominösen, wohl kugelrunden und nicht allzu großen stein bestraft. Ihn selbst mag diese ihm auf alle ewigkeit gestellte aufgabe nicht weiter verwundert haben. Wir aber haben einen mythos daraus gemacht und denken so vor uns hin: „Ach, der ärmste!“.
Wir, die wir kaum die möglichkeit haben, die götter zu verarschen, geschweige denn das finanzamt, den eigenen partner, sich selbst oder sonst irgendetwas irdisches, scheuen diese mühen nicht nur erst im jenseitigen.
Je schneller uns ein ergebnis, ein ereignis ereilt,
je besser es sich abrechnen läßt,
je leichter es uns dann auch noch das leben macht, desto weniger ist
das alles fußball.
Denn selbst wenn nichts passiert, wirklich nichts, von
dem sich behaupten läßt, das sei der rede wert,
denn selbst wenn du verlierst oder gar in einem entscheidenden moment
kläglich unmögliche fehler entdeckst,
denn selbst wenn keiner sieht, was gerade mit dir, in dir, durch dich
passiert, auch weil es gerade mal niemanden interessiert hat,
denn selbst, wenn alles vergessen wird, wie schnee in der sommersonne
schmilzt,
denn selbst, wenn andere schnellerhöherweiterschönerbesser
sind,
wirst du trotzdem vor diesen kleinen, runden stein treten, auf dass er in seiner perfekten wohlgestalt chaos anrichte auf dem feld der möglichkeiten.
Und da SISYPHOS seinen eigenen stein heute immer noch auf diesen berg plackt, täglich, als ob es kein besseres ziel gebe, oder ein ende, da mag der noch hier auf erden lebendige vermuten, daß SISYPHOS ab und zu mal wieder hier bei uns, so zwischendurch, vorbeischaut.
Als „An GOTT kommt keiner vorbei - außer“ STAN
LIBUDA.
Als PIERRE LITTBARSKI. Oder als eigenes ich.
Nach dem spiel ist für uns menschen eben immer wieder vor dem spiel.
Thomas Jeschner
Von Fußballspielern und den Anderen…
Jeden Mittwoch spielen wir auf der Ziegelwiese Fußball. Regelmäßig
15 -25 Spieler (die letzten 2 Jahren ausschließlich Männer)
und in der Mehrzahl Studenten der Kunst oder des Designs.
Ernst, sehr ernst wird gespielt. Jeder möchte gewinnen oder wenigstens
ein Tor erzielen. Neben uns auf den anderen Plätzen weitere Mannschaften,
andere Studienrichtungen: Informatiker, Juristen, Biologen, Sportstudenten.
Man könnte auf den Gedanken kommen, dass jede Disziplin eine eigene
Art des Fußballspiels zeigt, doch weit gefehlt. Sie haben alle
diesen höchst konzentrierten, angestrengten Blick.
Ich frage mich: warum diese Verbissenheit, es ist doch nur ein Spiel?
Und denke bei mir: Nein, das ist kein Spiel – das ist Aufarbeitung.
Das sind keine Fußballteams, sondern Selbsthilfegruppen. Sie alle
arbeiten ihre Jugend auf, ihre Zeit im dörflichen Fußballverein,
ihr Eintreten in die Welt der Erwachsenen. Wie in einer
Rebirthing- Therapie wird das Trauma, welches die Initiationsriten der Leistungsgesellschaft (Ost und West) hinterlassen, immer und immer wieder neu durchlebt.
Die meisten haben in der E-Jugend begonnen, also mit
8 Jahren. Heute fangen die Kleinen mit 6 Jahren an und in der F- Jugend.
Und von Anfang an geht es um’s gewinnen – nichts weiter.
Zu gewinnen bedeutet, mit Stolz geschwellter Brust vom
Platz zu gehen (am Besten vom gegnerischen) und von strahlenden Vätern
und Betreuern Zwei-Liter-Spezi-Humpen bezahlt zu bekommen (später
dann Bier).
Zu gewinnen bedeutet, stundenlang im Vereinslokal Lieder zu singen
und den Mannschaftsgeist hochleben zu lassen.
Verlieren heißt dagegen, sich heim schleichen, möglichst
schnell und unauffällig, damit man den Gewinnern nicht noch beim
Feiern zusehen muss. Dann wird regelmäßig die olympische
Tugend „Dabei sein ist alles“
hervorgekramt; aber es klingt doch mehr wie Hohn.
„Gewinnen ist alles“
Man kann schön Fußball spielen, man kann mannschaftsdienlich spielen und man kann fair spielen – oder auch nicht. Zählen tut allein das Ergebnis und am Ende der Saison der Platz in der Tabelle.
„Elf Freunde müsst ihr sein“ - einer
dieser unzähligen Leitsätze der Fußballwelt – bedeutet
nicht etwa, dass gemeinschaftliches Denken gefördert oder gefordert
werden würde, sondern dass oft zehn Spieler sich abrackern, um
dem Einen Stürmerstar die guten Auftritte zu ermöglichen.
Gefeiert wird der Torschütze und am meisten der Torschützenkönig.
Dieses Alpha-Männchen des Fußballplatzes genießt allerhöchste
Anerkennung im Verein und in der Dorfgesellschaft. Nicht dass die Spieler
der anderen Positionen keine Anerkennung finden könnten, aber
die
einer Niederlage war die Abwehr schlecht – Punkt.
Allgemeines Bedauern lösen die Ersatzspieler aus, die Woche für
Woche den Stammspielern die Wasserflaschen zum Spielfeldrand tragen
und der Gnade des Trainers ausgesetzt sind. Vielleicht wird er schon
zur Pause eingewechselt oder doch erst fünf Minuten vor Schluss.
Die jungen Männer sind jetzt also 10 Jahre alt
und wissen genau wo sie hingehören, in dieser Mikrogesellschaft
Fußballmannschaft.
Wer damit gar nicht klar kommt, probiert sein Glück im Tischtennisverein
oder daddelt am Computer.
Mir fällt auf: Es gibt die, die Fußball gespielt haben und es gibt die, die nicht Fußball gespielt haben. Letztere sind distanzierte Betrachter, oft schaurig fasziniert von der auf dem Platz gezeigten Emotionalität, ansonsten aber unwissend, ähnlich dem Ungläubigen, dem man Gott erklären möchte.