Eva Illouz: »Gefühle im Kapitalismus« (2004) nebst der »Errettung der modernen Seele« (2009)

SEMINAR (Philosophie)
Prof. Dr. Mirjam Schaub
Mittwoch, 8:30–10:00 Uhr
Großer Seminarraum im Schleifweg 6
Beginn: 16. Oktober 2019

Geeignet für Studierende aller Fächer der Kunst sowie für den Master Kunstwissenschaften (Modul: 2: Theorien und Diskurse). Fakultativ belegbar auch für Masterstudierende der Design Studies.

2017 © Olivier Balez. Quelle: Catherine Portevin: La sociologue Eva Illouz, in: LE MONDE, Paris, 25. 11. 2017.

Im Jahr 2004 hält Eva Illouz, eine heute in Jerusalem lehrende Soziologin, auf Einladung des Philosophen Axel Honneth die berühmten Adorno-Vorlesungen in Frankfurt a.M. unter dem Titel: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Darin beschreibt sie nicht weniger als den Aufstieg des ‘homo sentimentalis’ als eine vergessene oder verdrängte, wiewohl höchst weitreichende Form der Kapitalisierung von ‘Emotionen’.

Ausgehend von einer neuen, kommunikativen Ethik als Credo ‘guter Unternehmensführung, beschreibt sie die Ausbildung „einer stark spezialisierten Kultur“, die „Hand in Hand geht“ mit der kapitalistischen Gesamtentwicklung. Sie skizziert ein Vexierbild beider Sphären: „Während ökonomische Beziehungen stärker immer stärker durch Gefühle bestimmt werden, gilt für das Reich der Gefühle das Umgekehrte: Sie sind durch eine Ökonomisierung geprägt, die von der ersten Kontaktaufnahme bis zu Trennung das Gefühlsleben reguliert“.

Illouz interessiert sich für die wechselseitige Bedingtheit, die eine Kultur der ‘kalten Intimität’ an einen ‘emotionalen Kapitalismus’ koppelt. Sie eröffnet damit eine originelle Analyse unserer u.a. durch die sog. ‘sozialen Medien’ gesteuerten Affektentfesselung, die erstaunlich rational und noch in der Erregung äußert kontrolliert und d.h. ökonomisch kalkuliert daherkommt. Illouz liefert damit en passant ein Erklärungsmodell für die digitale Affektkontrolle durch populistische Parteien und entzaubert mit deren rationalen Erregungskontrolle eines der wichtigsten Mechanismen der Manipulation.

Im Seminar lesen und diskutieren wir außerdem das 2008 erschienene Nachfolgebuch zu den Adorno-Vorlesungen: Die Errettung der modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe. Illouz nimmt darin u.a. Bezug auf die bahnbrechende Studie von Richard Sennett über die Tyrannei der Intimität (1974) und interessiert sich neben der Neucodierung von Intimität als öffentlichkeitswirksame für die damit zusammenhängende „therapeutische Inszenierung des Selbst“.

Das Seminar nimmt damit Themen von Öffentlichkeit & Privatheit wieder auf, die in vergangenen Semestern mit Seminaren zu Hannah Arendt, Richard Sennett und zuletzt Jean-Jacques Rousseau Gegenstand einer ersten Auseinandersetzung waren.

Dennoch setzen wir mit einer Analyse einer kapitalistischen Psychologie der Emotion ein, um so alte philosophische Fragen nach Souveränität, Freiheit, Gleichheit, Anerkennung und Liebe unter den Bedingungen der medialen Wirklichkeit und Gegenwart neu stellen zu können. Dass Illouz dazu Lifestyle-Magazine, Chat-Räume sowie unsere Schlafzimmer (mit den sich in ihnen rapide abkühlenden Leidenschaften) genauer unter die Lupe nimmt, macht die Lektüre amüsant, anschlussfähig und gegenwärtig.

 

Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt, nur die Neugierde, sich auf das Werk einer innovativen Denkerin einzulassen, die als Soziologin in der Philosophie zu Recht ihre Kreise zieht.

 

Literatur und Vorbereitungsempfehlung / Literature and recommendation on preparation

  • Eva Illouz: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2004. Frankfurt a.M. 2007.

  • Eva Illouz: Die Errettung der modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe. Frankfurt a.M. 2011Weitere Literatur: Seminarapparat in der Bibliothek

 

Name der Lehrenden / Name of Teacher

Prof. Dr. Mirjam Schaub

 

Veranstaltungsart und -methodik / Teaching and working methods 
Seminar

 

Verwendbarkeit / Applicability 
Kunst: Fachwissenschaft Philosophie/Ästhetik

Kunst (Lehramt): Philosophie (WK-PhG)

Kunstpädagogik (Diplom): Philosophie

MA Kunstwissenschaften: Modul 2 Theorien und Diskurse

 

Lernziel, Qualifikationsziele / Objectives, Learning Outcome

  • Erarbeitung theoretischer und diskursiver Zugänge zu historischem Wissen

  • Einbindung disziplinärer und transdisziplinärer Theorien zum tieferen Verständnis der jeweiligen Fachdisziplinen

  • Fähigkeit, das kulturelle, gesellschaftliche und politische Diskursfeld, in dem sich die Inhalte bewegen, zu reflektieren

  • Bildung eigener Schwerpunkte und Forschungsansätze auf der Basis der Vernetzung, Reflexion und Pointierung des Themenspektrums

 

Beurteilung / Assessment 
Studierende Kunst: Teilnahmeschein (unbenotet), Leistungsschein (Kurzreferat und benotete Hausarbeit);

Studierende Kunst (Lehramt): Teilmodulleistung (unbenotete Präsentation) oder/und Modulprüfung (Präsentation und benotete schriftliche Hausarbeit);

Studierende der Kunstpädagogik (Diplom): Teilnahmeschein (unbenotete Präsentation) oder Leistungsschein (benotete Hausarbeit);

Studierende Master Kunstwissenschaften: Teilmodulleistung (unbenotete Präsentation) oder Modulprüfung (Präsentation plus benotete schriftliche Hausarbeit)

 

Zugangsvoraussetzung / Prerequisites
keine

 

Umfang in SWS / Semester periods per week

2

 

Häufigkeit, Dauer und Termine, Ort des Angebots / Appointed time and location
Mittwoch, 8:30-10:00 Uhr
Beginn: 16. Oktober 2019

Ort: Großer Seminarraum Schleifweg 6

Lecturer

  • Prof. Dr. Mirjam Schaub

Lecturer

  • Prof. Dr. Mirjam Schaub