Das Ende der Welt. Vom Sinn apokalyptischer Narrative

Virtuelle Ringvorlesung

Prof. Dr. Mirjam Schaub

mit Annemarie Botzki, Iris Dankemeyer, Rafael Dernbach, Bernhard Fischer-Appelt, Jörg Frey, Tobias Holzlehner Eva Horn, Verena Lobsien, Philipp Stoellger, Jörg Trempler, Florian Werner & Katharina Wolff.


Für alle Studierenden der Diplomstudiengänge Kunst sowie der Bachelor- und Masterstudiengänge Design (ohne Credit-Points). Offen für Studierende des neuen Masters Kunstwissenschaften (Modul: 2: Theorien & Diskurse), der Kunstpädagogik sowie Kunst (Lehramt). Offen auch für die Design Studies (MA) als fakultatives Angebot

ZEIT: Donnerstags (in Normalwochen): 16:00–17:30 Uhr

ORT: vorerst digital, falls Präsenzlehre möglich: Kinosaal, Goldbau, Neuwerk 7

Beginn: 23. April 2020

(Ästhetik/Philosophie)

Bitte beachten: Da es in diesem Semester vorerst keine Präsenzveranstaltungen geben wird, ist es für die Kommunikation der digitalen Lehrveranstaltungen dringend nötig, sich über folgenden Link anzumelden:

https://docs.google.com/spreadsheets/d/1TAV5QXkI3Z1RDcBEqvv9ijj09z_63i4jyRiD3FMDkyQ/edit#gid=0

 

Als diese Ankündigung das erste Mal online ging, war COVID-19 nicht mehr als die beunruhigende Nachricht einer Lungenkrankheit im Umfeld eines Wildtiermarktes im fernen China. Dass nur wenig später katastrophale Zustände in Krankenhäusern von Bergamo, New York, Madrid und Heinsberg herrschen könnten, überstieg die Vorstellungskraft.

Jetzt, in Zeiten des lock-down, haben wir alle plötzlich mehr als genug Zeit, um darüber nachzudenken, wie die Welt zu dem wurde, was sie heute ist: ein fragiles Gebilde, anfällig nicht nur für Krankheit, Terror und Krieg, sondern auch bevölkert von Wesen, die etwas richtig machen, die helfen, lindern und korrigieren wollen. 

Wir beschäftigen uns daher mit der Sinnsuche, die in apokalyptischen Zeiten mit besonderer Dringlichkeit betrieben wird. Lassen Sie uns über die Zukunft sprechen, in der Hoffnung, sie sei mehr und anderes als Projektion und Hochrechnung des Schon-Vergangenen. Lassen Sie uns über Kippunkte nachdenken, einbrechende Märkte, strauchelnden Demokratien und ein Klima, das sich in Zeiten von Corona plötzlich auf ungeahnte Weise erholt.

Früher hatten Reinigungsrituale, Ablasshandel und Wanderprediger Konjunktur. Es gab immer mehr als nur eine Verhaltungsweise, um die Angst zu zähmen und den Schrecken zu bändigen. Heute verfolgen wir aufmerksam Podcasts von Epidemologen oder Virologen, studieren die morgendliche Statistik, um uns unsere Überlebenswahrscheinlichkeit auszurechnen.

Wird die Krise das allgemeine Bewusstsein unserer Gleichheit schärfenund damit für die Notwendigkeit gemeinsamen Handelns erhöhen? Oder gewinnen neue Verteilungskämpfe und Konkurrenzdenken die Oberhand?

Die Apokalypsen von heute – Pandemien, Klimakriege, Maschinendämmerungen, gentechnische Revolutionen – arbeiten mit exponentiellen, technischen Prognosen. Gemeinsam ist ihnen die Vorstellung einer verknappten Zeit, das Bewusstsein, dass die Zeit zur Gegensteuerung abgelaufen, kritische Kipppunkte längst erreicht sein könnten.

Warum könnte das stimmen – und trotzdem Panik keine Option sein?

Jede Zeit bringt ihre eigenen Utopien wie Dystopien hervor: Das frühe Nuklearzeitalter stand noch im Zeichen der Bedrohung durch „die Bombe“. Es wurde abgelöst durch die „Population Bomb“, die zu Hungersnöten und Kriegen führen würde – so etwa der Club of Rome. Das Wachstum traf ein. Nur nicht seine Folgen. Denn jede Verengung der Zukunft auf ein Weltende stößt soziale Gegenbewegungen an, politische Korrekturen, technische Neuentwicklungen, kreative und manchmal auch unorthodoxe Lösungen. Wichtig ist, dass die Zeiger der Uhr rhetorisch immer wieder auf „fünf vor zwölf“ zurückgedreht werden; denn mit einem „Nach uns die Sintflut!“ lässt sich kein Staat mehr machen.

Die Vorlesung diskutiert die Gratwanderung von utopischen und dystopischen Narrativen des Endes der Welt quer durch die Kulturgeschichte und ihre Disziplinen: Medizingeschichte, Theologie und Philosophie, Kunstgeschichte, Film-, Kunst- und Kulturwissenschaft u.v.m. kommen zu Wort.

Im Zentrum steht die Frage nach dem sozialen Sinn apokalyptischer Narrative und ob man diesem nicht auch mit „antizipierendem Realismus“ begegnen kann.

 

Das Programm und weitere Informationen zu unseren Gästen und dem Procedere finden Sie rechts in der Kontextspalte als Download.

 

Lektüreempfehlung:

Olaf Briese/Richard Faber/Madleen Podewski (Hrsg.): Aktualität des Apokalyptischen. Zwischen Kulturkritik und Kulturversprechen. Würzburg 2015.

Jürgen Brockhoff/Joachim Jacob (Hrsg.): Apokalypse und Erinnerung in der deutsch-jüdischen Kultur des frühen 20. Jahrhunderts. Göttingen 2002.

Derrida, Jacques: Apokalypse, hg. Von Peter Engelmann, Wien 1985.

Monica Germanà & Aris Mousoutzaniss (Ed.): Apocalyptic Discourse in Contemporary Culture. Post-Millennial Perspectives on the End of the World. New York, London 2014.

Hans Krah: Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe. Narrationen vom ‘Ende‘ in Literatur und Film 1945–1990. Kiel 2004.

Peter Krüger: Dürers ‘Apokalypse’. Zur poetischen Struktur einer Bilderzählung der Renaissance. Wiesbaden 1996.

Maria Moog-Grünewald/Verena Olejniczak Lobsien (Hrsg.): Apokalypse. Der Anfang im Ende. Heidelberg 2003.

Natasha O’Hear & Anthony O’Hear: Picturing the Apocalypse. The Book of Revelation in the Arts over Two Millennia. New York 2015.

Ulrike Riemer: Das Tier auf dem Kaiserthron? Eine Untersuchung zur Offenbarung des Johannes als historischer Quelle. Stuttgart/Leipzig 1998.

Chris Washington: Romantic Revelations. Visions of Post-Apocalyptic Life and Hope in the Anthropocene. Toronto 2019.

 

Name der Lehrenden / Name of Teacher

Prof. Dr. Mirjam Schaub und Gäste 

 

Veranstaltungsart und -methodik / Teaching and working methods 
Vorlesung

 

Verwendbarkeit / Applicability 


Kunst: Fachwissenschaft Philosophie/Ästhetik

Kunst (Lehramt): Philosophie (WK-PhG)

Kunstpädagogik (Diplom): Philosophie

MA Kunstwissenschaften: Modul 2 Theorien und Diskurse

MA Design Studies (Philosophie-VL als Wahlpflichtfach) 

 

Lernziel, Qualifikationsziele / Objectives, Learning Outcome

  • Erarbeitung theoretischer und diskursiver Zugänge zu historischem Wissen

  • Einbindung disziplinärer und transdisziplinärer Theorien zum tieferen Verständnis der jeweiligen Fachdisziplinen

  • Fähigkeit, das kulturelle, gesellschaftliche und politische Diskursfeld, in dem sich die Inhalte bewegen, zu reflektieren

  • Bildung eigener Schwerpunkte und Forschungsansätze auf der Basis der Vernetzung, Reflexion und Pointierung des Themenspektrums

 

Beurteilung / Assessment


Studierende Kunst: Teilnahmeschein (unbenotet), Leistungsschein (Mündliche Prüfung zum Semesterende);

Studierende Kunst (Lehramt): Teilmodulleistung (unbenotete Präsentation) oder/und Modulprüfung (mündliche Prüfng zum Semesterende);

Studierende der Kunstpädagogik (Diplom): Teilnahmeschein (unbenotet) oder Leistungsschein (Mündiche Prüfung);

Studierende Master Kunstwissenschaften: Teilmodulleistung (unbenotete Präsentation) oder Modulprüfung (Schriftliche Hausarbeit)

 

Zugangsvoraussetzung / Prerequisites
keine

 

Umfang in SWS / Semester periods per week

2

 

Häufigkeit, Dauer und Termine, Ort des Angebots / Appointed time and location
Donnerstags: 16:00-17:30 Uhr
Beginn: 30. April 2020

Ort: vorerst digital, dann Seminarraum in der Bibliothek, Neuwerk 7

 

Bild: La chute de Babylone (tapisserie de l'Apocalypse) / The Fall of Babylon (Tapestry of the Apocalypse); Angers, France. Kimon Berlin © 2006, gemeinfrei über de.wikipedia.org/wiki/Apokalypse_(Wandteppich)

Lecturer

  • Prof. Dr. Mirjam Schaub

Bild: La chute de Babylone (tapisserie de l'Apocalypse) / The Fall of Babylon (Tapestry of the Apocalypse); Angers, France. Kimon Berlin © 2006, gemeinfrei über de.wikipedia.org/wiki/Apokalypse_(Wandteppich)

Lecturer

  • Prof. Dr. Mirjam Schaub