Die Burg
eine

Insel?

In Rückblicken auf die Zeit des Nationalsozialismus findet sich die Erzählung von der „Burg als Insel“. Selbst mitten im Krieg habe man von Politik nichts mitbekommen, berichtet eine ehemalige Schülerin. Die Behauptung, die deutsche Bevölkerung habe von alltäglicher Ausgrenzung, Enteignung, Verfolgung und Ermordung von Menschen mit Behinderungen, von politischen Gegner*innen sowie vom Genozid an Jüdinnen und Juden, Sinti*zze und Rom*nja und weiteren Verbrechen nichts gewusst, ist eine bis heute wirksame Erzählung der Schuldabwehr in der postnationalsozialistischen Gesellschaft.

Auf Grundlage der Forschungsarbeit von Christina Brinkmann ist eine Intervention entstanden, die zur kritischen Auseinandersetzung mit der BURG in der NS-Zeit anregt. Fünf Stationen am Designund Kunstcampus geben anhand unterschiedlicher Exponate Einblicke in die Hochschule zwischen 1933 und 1945. Dabei werden Widersprüche und Leerstellen in der Erzählung der Institution bewusst sichtbar. Wovon erzählen die Exponate nicht?

Das Projekt ist eine Einladung, sich tiefergehend mit der eigenen Institutionsgeschichte zu beschäftigen, das Hochschularchiv zu besuchen und die Stationen perspektivisch weiterzuentwickeln.

In kleinerem
Kreise

„Von ehemaligen Schülern dieser Zeit wird überliefert, dass die Burg eine Insel und von Politik nichts zu merken gewesen sei. Es wurden Stücke aufgeführt, Lesungen veranstaltet und in kleinerem Kreise Feste [...] gefeiert.“ So heißt es in einer Publikation zum 100. Jubiläum der BURG 2015. Eine Doppelseite zeigt Fotografien von Festen an der Hochschule zwischen 1937 und 1942: Erntedankfeiern in der Emailklasse und „Drachenfeste“, bei denen die Lehrenden und Schüler*innen gemeinsam Drachen basteln und auf den Brandbergen steigen lassen.

Die erste Station stellt diesen Bildern andere Fotografien aus dem Hochschularchiv gegenüber und fragt nach der Rolle von Bildern in der Erinnerung an die NS-Vergangenheit der Hochschule: Welche Motive finden Eingang in offizielle Erzählungen und inwiefern prägen sie das Bild der Institution? Und wie können Bilder gezeigt werden, die man eigentlich nicht reproduzieren möchte?

Beitrag von Linda Conze

Schöne Erinnerungen?
Fotografien von Festen
aus der Zeit des
Nationalsozialismus

Dicht gedrängt sitzen junge Menschen um zwei improvisierte Kaffeetafeln, auf denen Kerzen brennen und Gebäck verteilt ist; einige der Anwesenden sind ganz ins Essen vertieft und kauen versonnen vor sich hin. Wer nicht gerade den Mund voll hat, unterhält sich. Manche entdecken den Fotografen oder die Fotografin und schauen in die Kamera. Die Szene zeigt Geselligkeit, man ist einander vertraut, genießt das feierliche Beisammensein. Auf den ersten Blick ist das Foto nicht ganz leicht zu datieren. Es stammt aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so viel ist klar, aber ob es jetzt 1927, 1935 oder 1948 entstanden ist? Nur ein einziges Detail verspricht einen Hinweis. In der Ecke des Raums sitzt ein junger Mann zwischen zwei Frauen, der eine Uniform trägt. Allem Anschein nach handelt es sich um die Kluft der Hitler-Jugend. Man muss genau hinschauen, um den Jungen in der Menge zu entdecken. Wahrscheinlicher ist es, dass man ihn übersieht.

Fotografien wie diese, die festliches Miteinander zeigen, an Feiertagen, Jubiläen, Geburtstagen, finden sich unzählige in der fotografischen Überlieferung des Nationalsozialismus. Sie werden in Archiven bewahrt, und öfter noch in privaten Haushalten. Während viele Bilder aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 nachträglich aus Fotoalben entfernt wurden, um die eigene Lebensgeschichte von den Geschehnissen des sogenannten Dritten Reichs reinzuwaschen, haben diese Bilder überdauert. Oft geben sie ihren Besitzer*innen oder deren Nachfahren bis heute Anlass, sich vergangene schöne Zeiten vor Augen zu führen.

Feste erscheinen angesichts unseres heutigen Wissens um Ausgrenzung, Verfolgung und die mörderische Dimension des Nationalsozialismus als geradezu irritierend unschuldiges Setting. Mit der Machtübernahme im Januar 1933 hatte die NSDAP eine massive Veränderung der sozialen Ordnung ausgerufen. Aus einer pluralen Gesellschaft sollte eine homogene „Volksgemeinschaft“ werden, unter gewalttätigem Ausschluss von Sinti und Roma, Homosexuellen, Menschen mit Behinderungen, Kommunistinnen und Kommunisten und, allen voran, Jüdinnen und Juden. Die sogenannte „Volksgemeinschaft“, basierend auf rassistischen Vorstellungen reinen Bluts, setzte fortan den ideologischen Rahmen für gelebte Leben im deutschen Reich. Und ein Großteil der Bevölkerung, darin ist sich die Forschung heute einig, arbeitete aktiv an der Verwirklichung der Idee mit.

Im Feiern liegt stets eine Bejahung von Zugehörigkeit, zugleich jedoch auch eine Grenzziehung: zu vorherigen Formen von Gemeinschaft oder aber zu jenen, die nicht Teil der anwesenden Feiernden sind. Schon den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen war die vergemeinschaftende Wirkung von Festen bewusst. Das Buch von Fest und Feier, eine Art Ratgeber aus dem Jahr 1929, der von einem Autor namens Bruno Sasowski herausgegeben wurde, verzeichnet Kapitel zu den Themen „Wesensmerkmale deutschen Feierns“, „Gesetze der Bindung und Entfesselung“, „Arbeitsgemeinschaft und Lebensgemeinschaft“, oder „Gemeinschaftsformen als Mutterboden“.

Es verwundert angesichts der hier aufgerufenen Merkmale und Potenziale nicht, dass sich das nationalsozialistische Regime früh um die propagandistische Vereinnahmung von Festkultur bemühte. Zum einen wurden Umdeutungen bereits bestehender Traditionen vorgenommen, das Weihnachtsfest zum Beispiel völkisch interpretiert, oder Feiern zur Sommersonnenwende in den Festkalender eingeführt. Zum anderen riefen die Machthabenden Messenfeste ins Leben – vom Reichserntedankfest auf dem Bückeberg über die Nürnberger Reichsparteitage bis zum Tag der nationalen Arbeit auf dem Tempelhofer Feld. Dabei galt: Kein Fest ohne Fotos. Mit der Durchsetzung der Fotografie als Massenmedium waren Fotokameras schon einige Jahre vor dem Beginn der Diktatur fester Bestandteil von Feierlichkeiten aller Art geworden. Das Regime goss seine festlichen Großveranstaltungen in monumentale Bilder, die bis heute oftmals historische Erzählungen vom sogenannten Dritten Reich illustrieren. Doch ging die Medienpolitik der Nationalsozialisten weit über das veröffentlichte Propagandabild hinaus. Die sogenannten „Volksgenossinnen“ und „Volksgenossen“ wurden aktiv dazu ermutigt, selbst die Kamera zur Hand zu nehmen und in ihrem Alltag Motive der Gemeinschaft zu finden. Über preiswerte Kameras, Foto-Kurse der Organisation Kraft durch Freude (KdF) oder auch Publikumsausstellungen wie „Die Kamera“ bemühte man sich, die alltägliche Fotopraxis der Deutschen für den nationalsozialistischen Umbau der Gesellschaft zu instrumentalisieren. Ziel der Maßnahmen war eine positive Erinnerungsproduktion von unten, und kaum ein fotografisches Genre eignete sich dafür besser als Bilder festlicher Zusammenkünfte.

Feste unterbrechen den Alltag, folgen eigenen Regeln und erlauben Verhaltensweisen, die sonst vielleicht nicht angebracht wären: Man rückt enger zusammen, spricht anders miteinander, lacht lauter, bleibt länger. Gerade in dieser Verdichtung liegt ihr transformatorisches Potenzial. Außerdem strukturieren Feste die Zeit: Sie gliedern den Ablauf des Lebens und bilden Fixpunkte, an denen sich persönliche Erinnerungen festmachen. Die Fotografie macht diese Erinnerungen haltbar. Das Erleben von Gemeinschaft, das im Moment selbst flüchtig ist, wird sichtbar und dauerhaft verfügbar. Mit Blick auf die Bilder kann man sich der eigenen Zugehörigkeit vergewissern – und sie anderen vor Augen führen.

In einer Zeit, in der sich Ideale von Gemeinschaft grundlegend veränderten, kam dem Feiern und seiner fotografischen Bildwerdung daher eine wichtige Funktion zu. In ihrer stoischen Wiederkehr konnten Festtraditionen Beständigkeit vorgaukeln, während sich die sozialen Verhältnisse fundamental änderten. Gleichzeitig bot das Feiern einen Anlass, neue Ideen von Gemeinschaft einzuüben und sich an sie anzupassen, und dies unter dem Anschein völliger Harmlosigkeit. Berücksichtigt man diese doppelte Wirkung von Festen, ist es weniger verwunderlich, dass Familien, Freundeskreise und Institutionen auch – oder womöglich gerade – im Angesicht der Machtübernahme weiter Wohn- und Klassenzimmer schmückten, Kerzen anzündeten, Kuchen buken und einander zuprosteten.

Was die unzähligen Bilder von Fest und Feier aus der Zeit des Nationalsozialismus eint, ist eine so schlichte wie folgenreiche Tatsache: Wer nicht eingeladen war, gelangte auch nicht mit aufs Foto. Und mehr als das: Das Fehlen derjenigen, die womöglich aufgrund ihrer „Rasse“, Religion, sexuellen Orientierung, körperlichen oder psychischen Verfasstheit oder politischen Haltung nach 1933 aus Vereinen, Freundeskreisen, Familien oder Institutionen ausgeschlossen wurden, kommt nicht zu Bewusstsein. Aufnahmen von Festen legen es nicht nahe, nach den Abwesenden zu fragen, nach denen, die ausgeschlossen, womöglich vertrieben oder gar ermordet wurden. Zu überzeugend ist die Positivität der Anwesenden, ihre lächelnden Gesichter, Gesten der Nähe und des Überschwangs und das visuelle Spektakel festlicher Dekorationen. Fotos von Festen vermitteln das Gefühl des Dabeigewesenseins und der Zugehörigkeit. Sie stehen damit in einem Spannungsverhältnis zu späteren Erinnerungen, in denen viele historische Akteurinnen und Akteure betonten, nicht wirklich Teil des Geschehens in NS-Deutschland gewesen zu sein.

Möglich wird dieses Spannungsverhältnis durch die weitgehende Abwesenheit sichtbarer Spuren von Geschichte in vielen Fotografien des Festlichen. Oftmals verschweigen sie ihren historischen Kontext – oder er rückt in den Hintergrund und ist leicht zu übersehen, wie der Junge in HJ-Uniform in der eingangs beschrieben Szene. Auch dieses Foto verrät nicht, wer an diesem Tag möglicherweise gefehlt hat.

Gerade darin liegt die problematische Wirkmacht dieser Fotografien. Sie zeigen, wer dazugehört, während zugleich die Abwesenheit der Verfolgten außerhalb des Sichtfeldes gerät. So tragen Bilder von Festen dazu bei, eine Vergangenheit als vertraut und ungebrochen erinnerbar zu machen. Als Quellen erlauben sie Einblicke in die Gleichzeitigkeit von gewaltsamem Ausschluss und fortgeführtem Alltag, und damit in die Beteiligung vieler am Projekt der „Volksgemeinschaft“.

Um die Bilder in diesem Sinne lesen zu können, muss man lernen, sie sich fremd zu machen: ihre vermeintliche Harmlosigkeit zu befragen und sich das, was sie nicht zeigen, bewusst vor Augen zu führen. So lassen sich die Logiken positiver Erinnerungsproduktion, die bis heute in ihnen wirksam sind, zumindest irritieren.




Linda Conze ist Historikerin und Kuratorin und leitet die Sammlungen Fotografie und Zeitbasierte Medien am Kunstpalast, Düsseldorf.


Von der Schule
nach wie
vor abgelehnt

1937 wird die Bewerberin Alice Wertheim von der BURG abgelehnt. Der Stadtschulrat betont, dass sie als „Halbjüdin“ den „besonderen Charakter dieser Schule“ stören würde. Es entwickelt sich ein umfangreicher Schriftwechsel, in den unter anderem der Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und der Oberbürgermeister eingebunden sind. Auch als der Regierungspräsident die Ablehnung mit Verweis auf die geltenden Gesetze für unrechtmäßig erklärt, bleibt man dabei: „von der Schule nach wie vor abgelehnt“.

Der Briefwechsel wird im Stadtarchiv Halle aufbewahrt. Die Station 2 bringt ihn in die Nähe des Studieninformationszentrums und öffnet Fragen nach institutionellen Ein- und Ausschlüssen: Wer musste die Schule verlassen? Und wer wurde gar nicht erst zugelassen? Wie kann sichtbar werden, was Alice Wertheim verunmöglicht wurde?

Beitrag von Christina Brinkmann

In vorauseilendem Antisemitismus: Der Ausschluss Alice Wertheims von der BURG 1937

Es wäre falsch, Antisemitismus in der NS-Zeit als eine nur von außen kommende Direktive für die BURG darzustellen. Stattdessen wurde er aus dem Selbstverständnis der Schule begründet und von Angehörigen der Schule betrieben. Das zeigt die Abweisung der Bewerberin Alice Wertheim im Jahr 1937. Der dazu im Stadtarchiv Halle erhaltene Schriftverkehr enthält die Anfrage eines Dr. Oettinger, der die Handwerkerschule darum ersucht, Alice Wertheim als Schülerin aufzunehmen. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um Dr. Kurt Oettinger (1877–1942), der als Jurist in Berlin lebte und wegen seiner eigenen jüdischen Wurzeln später ebenfalls diskriminiert wurde und sich 1942 aufgrund der Verfolgung das Leben nahm.

Fünf Jahre zuvor schreibt Kurt Oettinger Anfang des Jahres 1937 in seiner Funktion als juristische Vertretung für die junge Alice Wertheim, sie sei „halbarisch“, „intelligent, recht temperamentvoll, kameradschaftlich und gut zu leiden und in ihrem Denken trotz der Blutmischung ganz auf den heutigen Staat eingestellt“, ihr „Vater Frontkämpfer“.³ Stadtschulrat Bernhard Grahmann bittet daraufhin den Oberbürgermeister, Oettingers Anfrage ablehnen zu dürfen. Er erläutert, „nichtarische Schüler“ könnten an der Burg Giebichenstein nicht mitarbeiten und stellten „eine Gefahr für die Gesamtarbeit“ dar. „Nach der Reinigung der Burg von allem jüdischen Einfluss zeichnet sich diese dadurch aus, daß alles Gestalten in nordisch-rassigem Empfinden geschieht. […] Es besteht ferner die Gefahr, dass eine Reihe von Schülern bei der engen Zusammenarbeit in den Werkstätten unsere Schule verlassen und nach anderen Handwerkerschulen abwandern“.

Es entspinnt sich ein umfangreicher Schriftwechsel, in dem unter anderem der Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung mitteilen lässt, dass „Mischlinge“ nicht vom Schulbesuch und den Abschlussprüfungen ausgeschlossen werden können. Erneut wird auf städtischer Seite für die Ablehnung argumentiert, in dem man die BURG folgendermaßen beschreibt:


„Die künstlerische Arbeit unserer Anstalt verlangt eine ganz besonders vertrauenserweckende Betätigung des Gemeinschaftsgeistes und der berufsmässigen und künstlerisch zuverlässigen Kameradschaft. Fremder Einfluss und fremdrassige Betätigung kann auf diesen Geist und auf seine künstlerische Produktion nur schädigend und hemmend wirken.“

Auf mehrfache Nachfrage Dr. Oettingers wird immer wieder der „besondere Charakter dieser Schule“ betont, der durch Alice Wertheim als „Halbjüdin“ gestört würde. Auch als der Regierungspräsident die Ablehnung mit Verweis auf die geltenden Gesetze für unrechtmäßig erklärt, bleibt man dabei: „von der Schule nach wie vor abgelehnt“. Hier handeln die städtischen und schulischen Verantwortlichen noch antisemitischer als es das rechtliche Maß der Zeit vorgibt. 1942 antwortet die Meisterschule des Deutschen Handwerks auf Burg Giebichenstein dann auf die ministerielle Aufforderung, namentlich mitzuteilen, welche „Mischlinge 1. und 2. Grades“ sich bei ihnen in Ausbildung befinden – im Gegensatz zu den anderen betreffenden Schulen in der Stadt – mit: „Fehlanzeige“.

Alles, was wir bisher über Alice Wertheim wissen, wissen wir aus diesem administrativen Schriftverkehr. Dabei sollte der antisemitische Ausschluss heute eigentlich Anlass geben, sich ihm – zumindest symbolisch – entgegenzustellen. Ansonsten wird die Betroffene wieder ausgeschlossen, diesmal aus dem Gedächtnis der Institution. Viele Schulen und Universitäten haben in den letzten Jahrzehnten Aufwand betrieben, verfolgten Lehrenden und Schüler*innen zu gedenken. Der „Fall“ Alice Wertheim zeigt, dass es eine Gedenkarbeit gibt, die noch darüber hinaus gehen muss. Denn nicht nur ist die Frage zu stellen: Wer durfte nicht mehr an der Schule sein? Sondern auch: Wer wurde erst gar nicht zum Schulbesuch zugelassen? Und damit: Wie wurde hier ein Lebensweg an einem entscheidenden Punkt radikal negativ beeinflusst? Was wurde Alice Wertheim verunmöglicht? Noch vor Verfolgung und Ermordung stehen, wie in ihrem Fall, so viele verhinderte Träume, Wünsche, Potenziale, Entscheidungen. Ohne die Phänomene gleichsetzen zu wollen, werden heutige Studierende sich an ihre eigene Aufnahmesituation an der BURG erinnern, mit Mappe und Gespräch. Was wäre, wenn diese so vollständig durch Diskriminierung geprägt gewesen wäre?




Christina Brinkmann ist Kunsthistorikerin und arbeitet an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle zur Geschichte der Institution in der NS-Zeit.


[...] gewebt:
1945–1947

„Musterstreifen gewebt vom 15.4. – 10.5.44“ lautet der erste Eintrag in dem Werkstatttagebuch, „10 Drehertücher gewebt vom 7.1. – 3.2.47“ der letzte. Dazwischen: sorgfältig eingeklebte und beschriftete Textil- und Webproben. Über fast 3 Jahren hinweg dokumentiert eine Schülerin der BURG ihren Arbeitsprozess in der Weberei.

Beim Durchblättern öffnen sich Fragen nach dem Dazwischen: Was passiert in Halle in den letzten Kriegsmonaten und in der unmittelbaren Nachkriegszeit? Und wie ist die Situation an der Hochschule? Die BURG ist auch während des Zweiten Weltkriegs fast ununterbrochen geöffnet. Erst mit der amerikanischen Besetzung Halles am 19.04.1945 beginnt eine Unterbrechung des Schulbetriebs. Am 1. Oktober 1945 wird er wieder aufgenommen.

Die im Tagebuch dokumentierten Arbeitsschritte gehören zu den Grundlagen des Webens, die auch heute noch in der Textilmanufaktur gelehrt werden. Die Tonspur des Videos greift diese Kontinuität auf. Das rhythmische Geräusch eines Webstuhls aus der heutigen Werkstatt zeigt die fortlaufende handwerkliche Arbeit und betont gleichzeitig die Lücken des Exponats. Wovon erzählt das Tagebuch nicht?

Beitrag von Michael Viebig

Kultur im Krieg –
Halle 1944/1945

Wie erlebte eine Schülerin ihre Zeit an der Burg Giebichenstein, während der Zweite Weltkrieg bereits fünf Jahre andauerte und sich die Möglichkeiten für Kunst und Kultur immer mehr verringerten? Was bekam sie mit von all den Dingen, die um sie herum in der Stadt Halle und den Vororten passierten? Wie reagierte sie darauf, mit wem tauschte sie sich aus? Wir wissen es nicht, aber es lohnt sich, an einige Ereignisse zu erinnern, die in der Zeit ab April 1944 – dem Beginn der Lehre von Ruth B. (1929 – 2024) in der Fachklasse für Handweberei an der Burg Giebichenstein – bis Kriegsende stattfanden.

Ruth ist in Ammendorf geboren worden, damals ein Vorort vor Halle, der 1937 selbst das Stadtrecht erhielt. Ammendorf war geprägt von Industrieanlagen, in denen während des Zweiten Weltkrieges zunehmend Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter schwerer körperlicher Arbeit ausgesetzt waren. Dafür entstanden mehrere Lager: ab Juni 1942 ein Kriegsgefangenlager in der Eisenbahnstraße, ab August 1942 ein „Russen- Gefangenen-Lager“ auf dem Grundstück Schachtstraße 11. Die Lager wurden permanent erweitert, die Zwangsarbeiter mehrfach ausgetauscht. Das Sterberegister des Standesamtes Ammendorf enthält bis Kriegsende die Namen von nicht weniger als 304 Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Die meisten starben an Entkräftung, Magen- und Darmkrankheiten, Oedemen oder Fleckfieber, einige wurden bei Widerstandshandlungen gegen Wachleute oder bei Fluchtversuchen erschossen. Es waren Menschen aus mehr als 15 von Deutschland überfallenen Ländern Europas. Keinem der Ammendorfer Einwohner konnte das Elend verborgen bleiben.

Ruth dürfte sich ab Frühjahr 1944 vorwiegend in Halle aufgehalten haben. Die Stadt war damals unzerstört; erst im Sommer war der erste größere Bombenangriff zu verzeichnen. Er richtete sich gegen die im Stadtteil „Frohe Zukunft“ gelegenen Siebel-Flugzeugwerke, die einen wichtigen Teil der Rüstungsproduktion der Stadt Halle darstellten. Die Innenstadt blieb noch verschont; erst ab Ende Februar 1945, vor allem jedoch am Ostersamstag, dem 31. März 1945 und noch einmal eine Woche später, am ersten Aprilwochenende, verloren auch im Stadtzentrum viele Einwohner und erneut Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene durch Fliegerangriffe ihr Leben. Der Tod hatte in den Familien jedoch lange zuvor Einzug gehalten. Die Zahl der Traueranzeigen in den halleschen Tageszeitungen nahm permanent zu. Sie nennen die Namen gefallener Söhne, Ehemänner und Väter. Das damit verbundene Leid, die Trauer und oft auch existenzielle Not lassen sich aus solchen Quellen nur erahnen.

1944 gab es Möglichkeiten, dem Krieg wenigstens für Stunden zu entfliehen. Die Informationen darüber sind außerordentlich lückenhaft und lassen dennoch die Bandbreite der Angebote erahnen. So informierte das Städtische Vortragsamt Halle im Frühjahr 1944 über eine Vortragsreihe, die unterschiedliche Interessen bediente. Lichtbildervorträge in Gebäuden der Universität – wahrscheinlich im „Auditorium maximum“ im Melanchthonianum oder in der Aula des Löwengebäudes – befassten sich mit Themen wie „Die deutsche Kunst und die nordischen Länder“ (Prof. Stange, Bonn), „Deutsche Kunst des 18. Jahrhunderts“ (Prof. Brinckmann, Frankfurt/ Main) und den Selbstbildnissen Rembrandts (Prof. Kurth, Berlin)¹⁰. Eher musikalisch Interessierte dürften sich – ebenfalls in der Universität – an bekannten Klaviersonaten Beethovens, dargeboten von dem Konzertpianisten Springfeld oder einen Tag später, einem Samstag, dem von Erläuterungen am Flügel unterlegten Vortrag „Tanz und Fuge in der Musik Joh. Seb. Bachs“ des Erlanger Professors Steglich erfreut haben.¹¹ Für die meisten der Veranstaltungen waren Eintrittskarten notwendig, die aber oft den mehr symbolischen Preis von einer Reichsmark kosteten. Der Durchschnittslohn eines Facharbeiters lag 1944 bei 180 Reichsmark. Auch diejenigen, die weniger verdienten, sollten sich offenbar die kulturelle Abwechslung leisten können.

Mit einer kostenlosen und öffentlichen Vortragsreihe beabsichtigte das Rektorat der Universität im Sommer 1944 seine „Verbundenheit mit der Bevölkerung zum Ausdruck [zu] bringen“. Es galt, würdevoll eines großen Ereignisses zu erinnern: des 250. Gründungsjubiläums der Martin-Luther-Universität Halle. Ins Leben gerufen 1694 als Friedrichs-Universität, trug sie seit 31. Oktober 1933 den Namen des bedeutendsten deutschen Reformators.¹² Die Vorträge im Melanchthonianum beschäftigten sich mit Hölderlin, Thomasius und August Hermann Niemeyer, nahmen aber auch ein medizinisches Phänomen in den Blick: „Das Problem der Ermüdung“ (Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Dr. Abderhalden).¹³

Auch die „Studentenführung“ der Universität beteiligte sich an den Festlichkeiten. Am Montag, dem 17. Juli 1944 um 19:30 Uhr veranstaltete sie im „Haus an der Moritzburg“ einen Musikabend mit Werken von Haydn, Mozart, Schubert und Beethoven, „gespielt von studentischen Laienkräften“. Auch hierzu war die Bevölkerung herzlich eingeladen; Eintrittskarten waren zuvor in der „Burse zur Tulpe“, der Geschäftsstelle der Studentenführung, erhältlich. Kaum jemand aus dem Publikum dürfte vor Konzertbeginn mitbekommen haben, was sich zweieinhalb Stunden vorher nur ein paar hundert Meter entfernt zugetragen hatte und auch zur Geschichte unserer Stadt gehört. An jenem späten Nachmittag tötete der Scharfrichter im Zuchthaus „Roter Ochse“ am Kirchtor drei in Tunesien verhaftete französische Juden – einen Vater mit seinen 26 und 22 Jahre alten Söhnen –, die wegen Spionage zum Tode verurteilte 24-jährige französische Krankenschwester Renée Simonet, den Kriegsdienstverweigerer Hermann Abke aus Westfalen und zwei wegen Fahnenflucht, Spionage und Vorbereitung zum Hochverrat verurteilte Soldaten. Drei der Leichen übernahm das Anatomische Institut der Universität Halle, die anderen vier transportierte ein Bestattungsinstitut zum Krematorium auf dem Gertraudenfriedhof, wo sie eingeäschert und anonym beigesetzt wurden. Hinrichtungen im Zuchthaus gab es allein 1944 an 47 Tagen, gestorben wurde hier aber auch auf Grund mangelhafter Ernährung und den Folgen der harten Arbeit. Auch in Ammendorf, dem Wohnort der Eltern der Schülerin Ruth B., setzte sich das Sterben unter den Zwangsarbeitern fort: 23 traf es allein im Juli 1944.

Bei dem am 16. August 1944 erfolgten Bombenangriff auf das Areal der Siebel-Flugzeugwerke wurde auch das Gelände des Gertraudenfriedhofes schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der völligen Zerstörung anheim fielen der Eingangsbereich mit den beiden links und rechts gelegenen Wohnhäusern; elf Menschen fanden den Tod, darunter Anna Cyrenius, die Ehefrau des Friedhofsinspektors. Doch das Leben ging weiter. Zehn Tage später konnten sich Musikenthusiasten im „Haus an der Moritzburg“ mit einem Liederabend ablenken lassen. Unter dem Titel „Das Berliner Duett“ sangen Aenny Sibert (Sopran) und Dorothea Neumann Winkler (Alt), begleitet von Mies Hagenmüller-Geraetz am Flügel, Lieder von Robert Schumann, Brahms, Strauß, Schubert, Liszt und Dvoràk sowie einige Volkslieder. Karten gab es beim Verkehrsverein am Roten Turm sowie der Musikalienhandlung E. Stock in der Großen Ulrichstraße.¹⁴ Die Plakate und Werbezettel ließ das Konzertbüro in der Druckerei Paul Schwarz drucken. Die gleiche Druckerei, angesiedelt in der Kleinen Ulrichstraße 7 – heute kann man in dem Gebäude wunderbare Keramik kaufen –, stellte auch gelegentlich von den Vollstreckungsbehörden der Justiz bestellten Plakate her. Gedacht für die Litfaßsäulen im Stadtgebiet und an den Wohnorten der Verurteilten, informierten sie über Hinrichtungen, um die Bevölkerung vor den Folgen unangepassten Verhaltens zu warnen.

In den Monaten Juli und August 1944 kündigten die Konzertveranstalter für die Spielzeit 1944/45 sechs Sinfoniekonzerte des Städtischen Orchesters unter Leitung von Musikdirektor Arthur Grüber an. Namhafte Solisten seien verpflichtet, klassische ebenso wie moderne Musik vorgesehen. Stammkarten-Inhaber sollten ihre Anrechte rechtzeitig erneuern lassen. Dasselbe galt für die „Theaterring-Teilnehmer“. Die Erneuerung des Anrechts sowie „Neuanmeldungen soweit Platz vorhanden“ konnten in der „K.d.F.-Dienststelle“ in der Großen Ulrichstraße 26 realisiert werden.¹⁵ Die im November 1933 gegründete K.d.F. („Kraft durch Freude“) bildete die größte Freizeitorganisation des NS-Regimes und sollte neben Freizeit- und Urlaubsangeboten für die (deutsche) arbeitende Bevölkerung vor allem durch thematisch auf absolute Zustimmung für das Regimes ausgerichtete Kulturangebote sorgen. Ob alle sechs angekündigten Konzerte noch stattgefunden haben, ist zu bezweifeln. Das nahende Kriegsende im Frühjahr 1945 dürfte zur Absage vieler geplanter Veranstaltungen geführt haben.

Eine wichtige Rolle in dem Bestreben, den Durchhaltewillen der Deutschen aufrecht zu erhalten, spielten von der „Volksbildungsstätte Halle im Deutschen Volksbildungswerk“ organisierte Vorträge unter dem „Jahreshauptthema 1944/45: Europa im Kampf um seine Selbstbehauptung“. Außer dem Titel des ersten, von dem Leipziger Professor Heinrich Schmitz im „Haus an der Moritzburg“ am 5. September 1944 gehaltenen Vortrages ist nichts überliefert. Vor den Toren der Stadt wurde derweil wieder getötet. Soldaten des Wehrmachtstandortkommandos erschossen in den späten Nachmittagsstunden des 5. September in der Dölauer Heide acht Belgier. Drei von ihnen waren gerade einmal 20 Jahre alt. Sie gehörten zur Widerstandsgruppe „Luc Marc“, von denen über mehrere Tage verteilt insgesamt 23 Mitglieder in der Heide erschossen wurden. Ob der nur wenige hundert Meter vom Tötungsort entfernte „Waldkater“, eines der größten Ausflugslokale der Stadt, wegen der Erschießungen zumindest für ein paar Stunden schließen musste, ist nicht bekannt.

In den ersten Wochen des Jahres 1945 waren sicher die Museen noch geöffnet. Mitglieder der „Hitler-Jugend“ (HJ) und des „Bundes Deutscher Mädel“ (BDM), den Jugendorganisationen des NS-Regimes, bereiteten sich in Übungen darauf vor, die Stadt gegen die anrückenden Alliierten zu verteidigen. Gelegentlich musizierten und sangen HJ- und BDM-Chöre in Lazaretten der Wehrmacht und Krankenhäusern, die mit immer mehr Verwundeten belegt waren.

Spätestens mit der von einem Wehrmachtskommando durchgeführten Sprengung der neun wichtigsten Saale-Brücken am 11. April 1945 war allen Einwohnern klar, dass der Krieg nicht mehr lange dauern würde. Auch die Giebichensteinbrücke, unweit der Werkstätten der Burg gelegen, versank in den Fluten. Sechs Tage später marschierten Angehörige der 104. U.S.-Infanteriedivision „Timberwolf“ in Halle ein und beendeten die NS-Herrschaft in unserer Stadt.




Michael Viebig ist Historiker und Leiter der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale).


Aber das Nest
war [...] noch
schön warm

Viele der Werkstätten am Kunstcampus sind seit den 1920er-Jahren bis heute in denselben Räumen untergebracht. Der räumlichen Kontinuität stehen jedoch personelle Brüche gegenüber: 1933 werden mehrere Lehrende von der Schule entlassen. Unter ihnen ist Marguerite Friedlaender, die gemeinsam mit ihrem Mann Franz Rudolf Wildenhain die Töpfereiklasse leitete. Nach Friedlaenders Ausschluss verlassen sie die BURG und emigrieren zunächst in die Niederlande. Hubert Griemert profitiert von ihrem Weggang und übernimmt später die Klassenleitung. In der Bildhauerei wird Gerhard Marcks entlassen, Gustav Weidanz bleibt an der BURG.

Ein Briefwechsel zwischen Wildenhain und Marcks, der auf den folgenden Seiten dieses Hefts zu lesen ist, erzählt von den Folgen der Entlassungen und der Neuordnung der Werkstätten. Wer darf bleiben? Die Briefe setzen zwei Fotografien in Beziehung: die Töpfereiklasse um 1933 (in der Mitte: Hubert Griemert) und die Gießerei um 1950. Hier stehen Marcks’ Plastiken zur Restitution bereit, die er 1933 zurücklassen musste. 1945 werden sie geöffnet; ein Teil geht durch Plünderung und Zerstörung verloren.¹ Mit der Station 4 kehren die Bilder an die Orte zurück, an denen sie entstanden sind.

„Vor einem Monat haben wir Gustav W. sowie Herrn Griemert mitgeteilt, dass unsere Massen, Glasuren, Modelle etc. unser geistiges Eigentum sind und dass wir hoffen, dass sie soviel Anstand, Fantasie und Talent besitzen, um nicht nötig zu haben unsere Sachen zu gebrauchen. Bisher haben diese cochons noch nichts hören lassen. Deutsche Mannen! ‚Tief und innig‘ Rasse ‚rein‘ und zusammen 2,05 meter. Marguerite will an Kobe schreiben ob der da nicht mal nachsehen kann ob da nicht die arische Linie verfälscht wird.
‚Mit deutschem Gruß‘...R.“


Brief von Franz Rudolf Wildenhain an Gerhard Marcks, 23.08.1933²

„Von Griemert bekamen wir dieser Tage einen Brief. Also er macht nicht unsere Modelle weiter, also das wäre in Ordnung. Gustav, der Leiter der Werkstatt, hat seit dem 1. Juli noch nicht reingeguckt, dafür steckt der Prof. mit der arischen Grossmutter auf alte Wikingerart den Gehalt und Prozente ein! Trotzdem erscheint uns das Bleiben von Griemert characterlos. Er hat über drei Jahre bei uns gearbeitet, ich habe ihm alle unsere Massen und Glasurenzusammensetzungen anvertraut (im Vertrauen auf seinen Anstand). Es ist natürlich allzu billig jetzt zu sagen, ‚neue Glasuren‘ indem er unsere ein wenig verändert. Umso mehr als er im Laufe der 3 Jahre nicht eine einzige Glasur gemacht hat, obwohl ich ihn oft dazu aufgefordert habe. Das war der einzige, nationale Mann in unserer Werkstatt! Die charactervolleren und nicht kleinmütigen sind abgerückt, aber das Nest war für Griemert noch schön warm.
Merde?
merde!“


Brief von Franz Rudolf Wildenhain an Gerhard Marcks, 28.08.1933²

Beitrag von Christina Brinkmann

Personelle Kontinuitäten und Brüche an der BURG 1933

Im Jahr der nationalsozialistischen Machtübernahme kündigt das Magistrat der Stadt Halle, die zur Hälfte Trägerin der Schule ist, ab Mai 13 Lehrenden. Unter ihnen sind viele, die Mitte der 1920er Jahre vom Bauhaus an die BURG gekommen waren, wie die Textilkünstlerin Benita Koch-Otte und der Bildhauer Gerhard Marcks. Nach welchen Kriterien die Gekündigten ausgewählt wurden, ist heute keinesfalls klar rekonstruierbar. Die Kündigungen wurden offiziell als „Sparmaßnahme“ deklariert und fallen auch tatsächlich in jahrelang geführte Spardebatten, in denen nicht nur Kürzungen, sondern auch die Schließung der Schule diskutiert wurde. Gleichzeitig waren sie sicherlich auch politisch motiviert und dienten als Signal, dass man die BURG aktiv im Sinne des Nationalsozialismus umgestalte. Relevant ist hier vielleicht gar nicht so sehr, was genau passierte. Sondern dass Veränderungen getätigt wurden, die als eine aktive Anpassungsleistung an die neuen Machthaber interpretiert werden konnten. Zudem zeigen Archivunterlagen, dass auch die Gekündigten den Nationalsozialismus nicht nur passiv erfuhren und erlitten: zahlreiche Briefe sind überliefert, in denen Lehrende und ihre Angehörigen bei teils hohen Stellen und Funktionären gegen die Entlassungen protestieren, oft mit der Betonung ihrer politischen Eignung für das nationalsozialistische Deutschland. Diese Schreiben sind Spuren der Selbstmobilisierung der Akteure und waren im Fall von Dorothea Freise sogar erfolgreich: ihre Kündigung wird letztlich zurückgenommen.

Trotz der beschriebenen personellen Brüche existierte die BURG weiter und war, gerade auch aufgrund ihrer stark handwerklichen Ausrichtung, in der NS-Zeit sehr erfolgreich. Die Fachklassen für Buch- und Schriftkunst unter Herbert Post und Anneliese Schniggenfittig, für Email mit ihrer Leiterin Lili Schultz, für Gold- und Silberschmiede unter Karl Müller, für Keramik, die Gustav Weidanz verantwortete, und die für Handweberei unter Edith Eberhardt blieben bestehen. Mehrere dieser Lehrer*innen wirkten von den 1910er und 1920er Jahren an ohne Unterbrechung meist bis in die späten 1940er und 1950er Jahre an der BURG, bevor viele von ihnen die Sowjetische Besatzungszone oder DDR verließen. Diese Personen stellen eine erstaunliche Kontinuität her.

Noch vor den Kündigungen ab Mai 1933, bereits im Februar, floh die Leiterin der Keramik-Abteilung Marguerite Friedlaender aus Halle und Deutschland, nach einer eigenartigen Episode, die sie selbst in ihren Memoiren beschreibt:


„Nearly seven years in Halle passed, but I do not know how many more years I might have been there, if by then the Nazi presence had not become most menacing. Everywhere schools were being purged of so-called ‚non-Aryan‘ teachers, etc., until one day the mayor of our city came to me, and with tears in his eyes, asked me if I would do him the painful favor to resign. I was the only Jewish teacher at Burg Giebichenstein, and he hoped to be able to save the school if I would leave. I did not hesitate one minute, and left the next day after having said goodbye to my students and helpers.“¹⁶

Marguerite Friedlaender emigrierte zunächst in die Niederlande, wo sie versuchte mit ihrem Mann Franz Rudolf Wildenhain, der als Töpfer an der BURG von den Kündigungen betroffen war, eine private Keramikwerkstatt aufzubauen. 1940 floh sie weiter in die USA, dort prägte sie in den nächsten Jahrzehnten maßgeblich die Künstlerkeramik.

Die Realität des frühen Exils wird in den Briefen Friedlaenders und Wildenhains (s. S. 16–17) erahnbar, die sich heute im Deutschen Kunstarchiv in Nürnberg befinden. Sie zeigen, dass nicht nur die berufliche Position unter Zwang verlassen wurde, sondern auch, dass es nicht im Sinne Friedlaenders und Wildenhains war, dass ihr ehemaliger Schüler Hubert Griemert ihre Stelle einnahm und die geprägten künstlerischen Formen weiterhin fertigte. Die Formulierung „Aber das Nest war […] noch schön warm.“ zeigt die Bitterkeit über den Opportunismus der Verbliebenen, die von der Verdrängung ihrer ehemaligen Kolleg*innen profitierten. Lediglich Gerhard Marcks, der letztlich kurz darauf selbst gekündigt wurde, setzte sich in einem Brief an den Oberbürgermeister für Marguerite Friedlaender ein. Von den Lehrenden, die an der BURG bleiben konnten, sind keinerlei Zeichen der Solidarität gegenüber den Gekündigten und Verfolgten bekannt. Die Passagen in den Briefen Friedlaenders und Wildenhains lassen diese vermeintlich neutralen Kontinuitäten in einem schalen, fragwürdigen Licht erscheinen.




Christina Brinkmann ist Kunsthistorikerin und arbeitet an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle zur Geschichte der Institution in der NS-Zeit.


Mit leisem
Druck durch
die Lehrer

Bibliothek, Campus Design, Neuwerk 7

Im Hochschularchiv wird ein Dokument aufbewahrt, das den antisemitischen Ausschluss von drei Schülerinnen belegt. Neben zwei jüdischen Lehrpersonen, der Keramikerin Marguerite Friedländer und der Färberin Lotte Peters, mussten 1933 bis 1934 auch drei Schülerinnen die Schule verlassen. Eine handschriftliche Notiz auf der Rückseite deutet darauf hin, dass der Ausschluss im Wissen der Beteiligten und dennoch „leise“ erfolgen sollte.

Wie verlief das Leben von Paula Sealtiel (später Aronsohn), Ellen Bing und Ruth Bender nach ihrem Ausschluss von der BURG? Das Buch der Station 5 ist in der Hochschulbibliothek verortet, in der zahlreiche Künstler*innen-Monografien versammelt sind, auch von Lehrenden aus der NS-Zeit. Welche Biografien finden Platz in der Hochschulgeschichte? Welche bleiben verunsichtbart?

Impressum


Diese Seite ist Teil des Ausstellungsprojekts „Die Burg eine Insel?“ zur kritischen Auseinandersetzung mit der Hochschule in der NS-Zeit, unterstützt durch das Rektorat der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle


Kuration, Konzept und Idee:

Marie Lu Teigler

marieteigler.com

in Zusammenarbeit mit

Christina Brinkmann

Forschungsarbeit:

Christina Brinkmann

Mit Textbeiträgen von:

Christina Brinkmann

Linda Conze

Michael Viebig

Abbildungen:

Archiv Burg Giebichenstein

Kunsthochschule Halle

Stadtarchiv Halle (Saale)

Betreuung des Projekts:

Prof. Matthias Görlich

Anna Unterstab

Gestaltung:

Marie Lu Teigler

Ausstellungsdisplays:

ponton works und

Studio Arne Winter

ponton.works

Die Ausstellungsdisplays basieren auf dem Konzept des neuen Orientierungssystems der BURG. Zur Jahreausstellung wird das Konzept ausgestellt im Designhaus, Haus 2, 1. OG, Foyer (Sneak Peek Event: Samstag, 16–17 Uhr)

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