Klassenplenum Plus:
Routes of Empathy – Vortragsreihe zum Empathischen in der Kunst

Prof. Stella Geppert
Sommersemester 2021, Kursbeginn: 14.04.2021

Susanne Bürner: „Seide für V.B., A.P., B.D. und M.A.“, Fine Art Print, 100 x 70, 2018.

Künstlerische Praxis | Klasse Prof. Stella Geppert | Digitales Plenum an elf  Terminen, davon sieben Vorträge mit Gastkünstler*innen/Theoretiker*innen | Mittwochs 18.00 - 20.15 Uhr | Beginn 14.04.2021, 18.00 Uhr   
 

Entgegen eines gängigen Verständnisses, dass Kunstschaffende eigens ihre Arbeiten aus sich selbst heraus schaffen, weshalb wir häufig auch im alltäglichen Gespräch über die eigene Arbeit stellvertretend für die künstlerische Arbeit sprechen, möchte ich zu dieser singulären, egozentrierten Sicht einen erweiternden Blick auf das künstlerische Handeln als gesellschaftliche Aktivität werfen. 

Im Fokus steht hier die Fähigkeit, sich in etwas Hineinfühlen und / oder Hineindenken zu können; in ein Gegenüber, eine Person, ein anderes Wesen, ein Gegenstand, ein Gefühl, einen Gedanken, ein Material, eine Substanz, eine Bewegung, eine Position, eine Situation, einen Lebensraum, eine Atmosphäre, eine Lage, … .

In der Vortragsreihe „Routes of Empathy“ möchte ich mit euch zusammen mit geladenen Gästen verschiedene Formen und Gradationen des Empathischen nachgehen. Dabei werden wir unterschiedliche Stränge der Empathie verfolgen und sowohl ihre positive, die Gesellschaft nährende Seite, ihr schöpferisches und subversives Potential, als auch ihre negativen Seiten im Hinblick auf Machtmissbrauch betrachten. 

Diese Vortrags- und Gesprächsreihe hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern dient dazu, aus unterschiedlichen Perspektiven heraus zu entschlüsseln, welchen Stellenwert die Tätigkeit des Empathisieren im künstlerischen Prozess und das Empathische in der Außenwirkung einer künstlerischen Arbeit einnehmen kann. 

Contrary to a common understanding that artists specifically create their work out of themselves, which is why we often talk about our own work as representative of artistic work in everyday conversation, I would like to take a broadening look at artistic action as a social activity in addition to this singular, ego-centered view. 

The focus here is on the ability to empathize with and / or think oneself into something; into a counterpart, a person, another being, an object, a feeling, a thought, a material, a substance, a movement, a position, a situation, a habitat, an atmosphere, a location, ... .

In the lecture series "Routes of Empathy" I would like to explore with you, together with invited guests, different forms and gradations of the empathic. In doing so, we will follow different paths of empathy, looking at both its positive, society-nourishing side, its creative and subversive potential, and its negative side in terms of abuse of power. 

This series of lectures and discussions does not claim to be exhaustive, but rather serves to decipher from different perspectives what significance the activity of empathizing can have in the artistic process and the empathic in the external effect of an artistic work. 

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An den Terminen ohne Vorträge werden Anliegen und Projektideen der Klasse vorgestellt und diskutiert. Vom gemeinsamen Filme schauen bis zur Konzeption des Klassenkataloges ist das Klassenplenum ein fester Termin zur Förderung des Klassenkollektivs.

Gäste der Vortragsreihe:
 

  • Prof. Stella Geppert:  Einführungsvortrag am Mittwoch, den 14.04.2021

    Körper- Raumkonzeption zum Empathischen in der künstlerischen Arbeit von Stella Geppert – Sichtbares Verschwinden, intuitive Selbstverständlichkeit und seismographisches Erschüttern und Modellieren

    Bildhauerisches und performatives Arbeiten ist für mich per se eine Arbeit an und mit Beziehungen, indem ich mich mit der Frage nach deren spezifischen Zuständen von Körper, Raum, Material, Berührung, Kontakt und Resonanzräumen auseinandersetze. Menschen haben körperliche, geistige und seelische Verfasstheiten, die ich mit materiellen Eigenschaften wie Metall, Holz, Stein, Wasser, Staub, Sand etc. vergleiche und die umgekehrt / spiegelbildlich das körperliche Handeln und das Verständnis darüber bestimmen. Ich arbeite mit der sensorischen Fähigkeit des Körpers, sich in den Raum, aber auch in andere Körper, Materialien und Substanzen „hineindenken“ zu können. Diese Transformationsfähigkeit ist für mich ein Hauptaspekt von bildhauerischem, dreidimensionalem Denken und Handeln, die sich mit der choreographischen performativen Arbeit verbindet. Mich interessiert z.B. das Empfinden einer moosigen Landschaft im kleinen Finger, das Vorwärtsgehen mit dem Hinterkopf, das Schneiden von Luft im Raum, die Modulation der Nasenspitze bei gleichzeitiger Vergegenwärtigung des Nackens. Bildhauerische und raumbezogene Praxis kann Empfindungsräume auf der körperlich-leiblichen Wahrnehmungsebene initiieren und verändern. Hier setzt mein Verständnis von empathischem Handeln an. Ich sehe den Menschen als ein äußerst fragiles und sensibles Lebewesen – einer Membran gleich – an, das ich oftmals von anderen Lebewesen und Organismen nicht unterscheide, um gerade dessen Besonderheit entdecken zu können. Ich sehe den Körper relational in seiner Umgebung in und durch Kommunikation und Resonanz multidimensional vernetzt / interconnected. Das „Hineinfühlen“ ist verkörperte Imagination, es fokussiert Sensibilisierungsprozesse und bis hin zu einem Zustand der Hyper – Awareness formiert es Handlungsfelder. Wenn ich von empathischen Strategien spreche, dann sind es Formen des sichtbaren Verschwindens einer Zurücknahme des Egos, der intuitiven Selbstverständlichkeit des Seins und der seismographischen Modulation und Erschütterung von Verfasstheiten, die den Prozess des aus sich Heraustretens aktivieren und eine soziale Skulpturalität erfahrbar machen.

    www.stella-geppert.de


     
  • Susanne Bürner, Künstlerin: Vortrag am Donnerstag, den 29.04.2021
     

    I wanted to be able to merge with whatever I found beautiful—usually things in nature or things for which I felt an affinity. I can remember embracing a tree in the hope that I myself would change into one. (Vera Lehndorff, Trans-figurations. London: Thames & Hudson, 1983, p.145)

    Mit Empathie verbinde ich Einfühlung bis zur Selbstaufgabe. Genau deshalb ist dieser Zustand interessant, weil er fragil ist und die eigene Identität infrage stellen kann. Der Zustand kann für andere bedrohlich wirken und sein, da es nicht immer, wie meist vorgegeben wird, um das Mitgefühl mit den anderen geht, sondern oft vielmehr darum, dass die emphatische Person sich selbst besser fühlt und am Ende aus der Situation profitiert. Mich interessiert ausserdem der damit verbundene Aspekt der physischen Transgression: Ein Körper verbindet sich mit dem anderen, wird ganz der andere oder das Andere. Wo liegen die räumlichen Grenzen der Körper? 

    In meinen Arbeiten taucht Empathie auf unterschiedliche Art und Weise auf. In dem Film A House of One's Own versuchen die Teilnehmenden im Rahmen einer systemischen Aufstellung die Bedürfnisse eines Hauses nachzufühlen. In der Fotoserie Seide für V.B., A.P., B.D. und M.A. geht es darum, die Rolle von Frauen in einem gewissen Kontext verständlich zu machen, die Anfang des 20. Jhdt. Seide gestohlen hatten. In den Bildern der Serie wirkt die abfotografierte Seide wie eine Membran, die von Schnitten durchbrochen und von Händen durchdrungen ist.

    Kunst kann Empathie als einen von vielen Wegen des Verstehens aufzeigen und gleichzeitig Strategien des nicht authentischen Mitfühlens bloßlegen.

    www.susannebürner.de 


     
  • Dr. Susanne Schmetkamp, Philosophin: Vortrag am Mittwoch, den 05.05.2021

    Empathie ist die Fähigkeit, sich sensibel in andere Lebewesen hineinzuversetzen und deren Lage nachzuvollziehen. Einer der frühen Philosophen, die zu dem Thema geforscht haben, wandte diese Fähigkeit auch auf Gegenstände, Räume, Formen an: Nach Theodor Lipps fühlen wir uns auch in Steine oder Straßenverläufe ein. Kunst in all ihren Formen fordert uns zu beidem auf: Sich Form und Person, Körper und Geist, Sinnlichkeit und Perspektiven zu widmen. Via Einfühlung können wir uns so anderen Sichtweisen öffnen und versuchen, sie zu verstehen. Gerade die Kunst mit ihrem Spiel mit Sinnbrüchen und Fremdheiten kann uns dazu verhelfen, unseren empathischen Horizont zu erweitern. In dem Vortrag werden die wichtigsten Theorien zur Empathie vorgestellt und ein Schwerpunkt auf den Zusammenhang zwischen ästhetischer Erfahrung und Empathie gelegt. 

    www.susanneschmetkamp.com

     
  • Dr. Stefanie Bognitz, Anthropologin:  Vortrag am Mittwoch, den 12.05.2021

    Anthropos – Acht Wegmarken eines Streifzuges des Emphatischen

    Die Anthropologie bewahrt sich ein mystisch aufgeladenes Verhältnis zu dem Anderen. Das Andere the other gilt ihr dabei oft als Initialmoment der Auseinandersetzung, dem Verstehen, oder gar der Erkenntnis der Welt da draußen. Aber was macht dieses Andere aus und welche Bedingungen stellt es an das Eigene und seine Eigenheiten? Welche Bedeutung können Momente der Fremdheit oder des Fremdseins in einem planetarischen Zeitalter überhaupt annehmen? Ausgehend von der Annahme, dass sich Verstehen und Erkenntnis, nicht ohne schwierige Brüche und herausfordernde Schwellen vollziehen, bietet dieser Vortrag ausgewählte Zugänge zum Empathischen. In acht Wegmarken eines Streifzuges des Emphatischen möchte ich Anthropos auf den Grund gehen.

    Erstens, die Situation der Anrede
    Zweitens, das Gesicht des Anderen
    Drittens, das Unzugängliche
    Viertens, die Dekolonialität des Wissens
    Fünftens, die Methode der Hoffnung
    Sechstens, die Politik der GastFreundschaft
    Siebtens, die Phänomenologie der Liebe
    Achtens, das Wesen einer radikalen Empathie

    www.lost-research-group.org

     

  • Nadine Fecht, Künstlerin: Vortrag am Mittwoch, den 19.05.2021

    Empathie kann aufgefasst werden als das Überschreiten einer Grenze. Als Besuch, wenn das in freundlicher Absicht geschieht, als Grenzverletzung, wenn das empathische Vermögen zu eigennützig-manipulativen Zwecken eingesetzt wird. In meiner künstlerischen Praxis mischen sich beide Ansätze in der Absicht Kunsträume im weitesten Sinn zu erzeugen, in denen die Betrachter*innen durchaus manipulativ konfrontiert und auf sich selbst verwiesen werden. Um letztlich das offensichtlich Uneindeutige und vermeintlich Unscharfe als Bedingung von Freiheit und Selbstermächtigung erkennen und erfahren zu können. Der Andere wird einbezogen in die Arbeiten, als Sprechender oder Handelnder oder als sich darstellend Dargestellter. Aber auch als Gegenüber, das immer wieder auch in provokanter Absicht angesprochen sich zur Kunst verhalten bzw. positionieren soll. Aspekte der Abstraktion dienen dabei der de-Konturierung der eigenen Autorenschaft. Zusätzlich verstärkt der Einbezug konkreter anderer Personen den Eindruck des Überpersönlichen, während Aspekte der situativen Überwältigung von Ausstellungsbesuchern*innen (z. B. durch Überformate, provozierte Körperhaltungen, oder Geräusche) immer darauf zielen diese in den oben beschriebenen Zustand des Auf-sich-selbst-Geworfenseins zu versetzen. Dementsprechend müssen diese empathisch vorvollzogen werden.

    www.nadinefecht.com

     

  • Kirstin Burckhardt, Künstlerin: Vortrag am Mittwoch, den 02.06.2021

    Kirstin Burckhardt (b. in South Africa) is a visual artist combining video and performance with sound and spoken word. Critically drawing upon her training in psychology and neuroscience, her practice addresses power dynamics intertwined with the body. Continuously questioning what defines a body, her artistic research focuses on interpersonal space as a locus of sensitivity that surpasses the body-mind duality in favor of empathy, transgenerational trauma, and the power of imagination. 

    www.k-burckhardt.de

     

  • Lizza May David, Künstlerin: Vortrag am Mittwoch, den 16.06.2021


    zweifeln
    einfühlen
    zuhören
    zulassen
    verstören
    zürückblicken
    kritisieren
    unterbrechen
    poetisieren
    transformieren
    annehmen
    nachvollziehen
    verstehen

    An unterschiedlichen Ausstellungprojekten und Kollaborationen möchte ich Beispiele aufzeigen, wie durch die Infragestellung der Autorschaft Räume der Empathie und des Perspektivwechsels evoziert werden. Ob im Dokumentarfilm oder in der Malerei – es geht um Momente, die sich der der Autorschaft entziehen, indem Nicht-Wissen als künstlerischer Prozess nutzbar gemacht wird. In der Ausstellung Bahala Ka [What do I know?] (2020) ging es mir beispielsweise darum Luft als Entität in den Arbeitsprozess einzubeziehen. „Bahala Ka“ bedeutet vom Philippinischen ins Deutsche übersetzt „Ich überlasse es Dir“ oder „Es liegt in Deiner Verantwortung“. Dabei übertrage ich kommunikative Aushandlungsprozesse auf künstlerische Fragestellungen, in diesem Fall Malerei. In der Zusammenarbeit mit Gabriel Rossell Santillàn wiederum folgten wir den Spuren einer Bauhinia-Pflanze, um im intuitiven Prozess Fragen kolonialer Vorherrschaft und ihrer Handelsrouten nachzugehen und den Pazifischen Ozean als Ausgangspunkt unserer Recherche zu imaginieren. In Artist Unknown (2014) geht es um Malereien im philippinischen Institutionen - Was ist sichtbar und was nicht?


    www.lizzamaydavid.com

 

Empfohlene Literatur

Schmetkamp, Susanne: “Theorien der Empathie”, Hamburg 2019.

Lernziele/ Qualifikationsziele / Lehrinhalt

Im Rahmen des digitalen, gemeinschaftlichen Zusammenkommens der Klasse werden unterschiedliche künstlerische, philosophische und anthropologische Positionen vorgestellt und besprochen. Der Diskurs dient als Grundlage für die Auseinandersetzung und Reflektion der eigenen künstlerischen Strategie. 

Veranstaltungsart und -methodik

Vortrag, Gespräch, Künstlerischer Diskurs

Verwendbarkeit des Faches

Die Teilnahme an den Vorträgen und den klasseninternen Treffen wird empfohlen. 

Häufigkeit, Dauer und Termin / Ort des Angebots

digitale Veranstaltung an sieben Terminen + fünf Termine (klassenintern)

Vortragstermine

Mi, 14.04. / Do, 29.04. / Mi, 05.05. / Mi, 12.05. / Mi, 19.05. / Mi, 02.06. / Mi, 16.06.

Termine klassenintern

Mi, 21.04. / Mi, 26.05. / Mi, 09.06. / Mi, 23.06. / Mi, 07.07.

Format

digital

Zeit

18.00 - 20.15 Uhr       

Lehrende(r)

Prof. Stella Geppert

 

Keine Anmeldung erforderlich. Klasseninterne digitale Vortragsreihe. Offen für Gäste. Anfragen zur Teilnahme für Gäste bitte an Marlene Vollmar: marlenevollmar(at)gmx.net 

Studiengang / -richtung

Kunstpädagogik
Kunst (Lehramt)
Künstlerische Praxis
Hochschule allgemein

Semester

Sommersemester 2021

Lehrende(r)

Prof. Stella Geppert



Ort

digital

Kursbeginn

14.04.2021

Zeiten und Termine

Mittwoch 18.00-20.15 Uhr
+ Ausnahme: 1x am Donnerstag



Benotung

unbenotet

Keine Anmeldung erforderlich. Klasseninterne digitale Vortragsreihe. Offen für Gäste. Anfragen zur Teilnahme für Gäste bitte an Marlene Vollmar: marlenevollmar(at)gmx.net 

Studiengang / -richtung

Kunstpädagogik
Kunst (Lehramt)
Künstlerische Praxis
Hochschule allgemein

Semester

Sommersemester 2021

Lehrende(r)

Prof. Stella Geppert



Ort

digital

Kursbeginn

14.04.2021

Zeiten und Termine

Mittwoch 18.00-20.15 Uhr
+ Ausnahme: 1x am Donnerstag



Benotung

unbenotet