Erfindung von Tradition(en)

Seminar (Kunstgeschichte)
Prof. Dr. Nike Bätzner

Mo 18.15–19.45 Uhr
und/oder nach Verabredung

vorerst online,
wenn wieder möglich: Seminarraum Bibliothek, Neuwerk 7

Beginn 27.4.2020

für alle Studierende 

und für Master Kunstwissenschaften (anrechenbar als Modul 2: Theorien und Diskurse, verknüpfbar mit Modul 7: Vertiefende Formate)

Damit wir die Lehre aus der Ferne organisieren können, bedarf es bis zum 17.4. einer Anmeldung unter: baetzner[at]burg-halle.de

Teilnahmescheine und Leistungsscheine (nach Verabredung)

"invention of a tradition"

Was fundiert eine Tradition?

Was bedeutet „Kultur“? Welche Rolle spielen die Künste dabei?

Ist Tradition etwas unvermeidlich Gegebenes oder kann sie auch erfunden und einfach für einen bestimmten Zusammenhang installiert werden?

Widerspricht die „Erfindung einer Tradition“ dem an die Kunst seit der Moderne herangetragene Anspruch der Innovation oder kann beides gar ineinander greifen?

Wie würden Sie eine Tradition erfinden?

Welchen Fährten möchten Sie gerne nachgehen?

 

Zwei britische Historiker, Eric Hobsbawm, der sich vor allem mit der Geschichte der Arbeiterbewegung und nationalistischen Ideologien beschäftigte, und Terence Ranger, der sich auf Ostafrika spezialisierte, veröffentlichten 1983 eine kulturwissenschaftliche Aufsatzsammlung unter dem Titel „The Invention of Tradition“. In den Texten werden vermeintlich historische, soziale oder kulturelle Traditionen ideologiekritisch untersucht. Ausgangsthese ist, dass als feststehend erachtete Traditionen oft später geschaffen wurden als man annimmt, und dass sie als Reaktionen auf aktuelle Bedürfnisse entstanden sind oder entwickelt wurden. Oft werden diese „erfundenen Traditionen“ von denen, die Machtpositionen inne haben, zur Manipulation genutzt. Sie können aber auch der Stärkung des Selbstverständnisses einer Gruppierung dienen. Und manchmal generieren sie sich aus ganz unterschiedlichen Quellen.

Ein Beispiel, das Terence Ranger anführt, hängt zusammen mit der Influenza-Pandemie, die nach dem Ersten Weltkrieg 1918/19 im südlichen Rhodesien grassierte. Ranger stellt hier eine „crisis of comprehension“ fest, in der die Afrikaner sich von der westlichen Medizin, die die Todesopfer nicht verhindern konnte, abwandten und im „African Spirit of Churches“ Halt gesucht hätten. Damit verknüpft war die Suche nach einer eigenen afrikanischen Medizintradition.

Spinnt man die Überlegungen von Hobsbawm/Ranger weiter, lassen sich vielerlei Beispiele finden, die man genauer untersuchen könnte:

  • Der Weihnachtsbaum: Zwar haben immergrüne Pflanzen in vielen Riten ihren Platz, doch der Weihnachtsbaum, wie wir ihn kennen, wurde erst langsam ab dem 18. Jahrhundert populär, und der den Baum schmückende Zierrat entstand mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert.
  • Afrikanische Mode: Die uns so „typisch“ erscheinenden, farbenfrohen „afrikanischen“ Stoffe werden aus Holland importiert („Vlisco. Since 1846“), gebatikt wurden sie einst in Indonesien. Ab Ende des 19. Jahrhunderts entwarf die holländische Firma Vlisco, auf der Basis des indonesischen Formenvokabulars, eigene Maxprint-Stoffmuster speziell für den afrikanischen Markt.
  • Atatürk ruft 1923, nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches, die Türkische Republik aus und gestaltet mit seinen in alle Lebensbereiche eingreifenden Reformen einen an Europa orientierten, säkularen Staat. Aus der jungtürkischen Bewegung hervorgegangen, bricht dieser Reformkurs mit vielen osmanischen Gebräuchen und Gesetzen. Was bedeutet diese homogenisierende Neuausrichtung für das nationale kulturelle Gedächtnis? Die Prinzipien des „Kemalismus“ werden wiederum durch die heutige Regierung in Frage gestellt.
  • An der Kunstakademie in Ulan-Bator, Mongolei, wird „Mongol Zurag“ gelehrt, eine Mischung aus buddhistischen, nomadischen und anderen Einflüssen sowie regionalen Moden, um eine eigene künstlerische Identität nach dem bis 1990 bindenden Sozialistischen Realismus sowjetischer Prägung zu behaupten. Eine der Künstlerinnen, die diese Richtung vertreten, ist Nomin Bold, deren Malerei 2017 auf der documenta 14 in Athen und Kassel ausgestellt wurde.
  • Um regionalen Traditionen zu wiedersprechen, wurde im 19. Jahrhundert die Idee eines Kosmopolitismus geprägt – getragen durch die Idee eines „Weltbürgertums“ ebenso wie durch kolonialistische Interessen. Dieser Kosmopolitismus fand seinen Ausdruck u.a. in der Architektur – so wurden z.B. in Paris, Wien, St. Petersburg, Tbilisi, Quito, Buenos Aires oder Manaus ... Opernhäuser gebaut, die sich eines hybriden historistischen Formenvokabulars bedienen.
  • Künstler wie Kader Attia untersuchen die Konzepte von Identität und Alterität. Attia beschäftigt sich als afro-arabisch-französischer Künstler mit den Möglichkeiten von Widerständigkeit gegen die Überformungen der Kolonisierung, mit ästhetischen Strategien der Rückaneignung und Reparatur.
  • Und was ist mit dem Geraune um eine „Immer-Zeit“, eine zeitlose Urkultur, in der sich neurechte Kulturpessimisten aufgeboben fühlen wollen, und die gegenüber angeblich vorherrschenden und sie ausschließende Traditionsketten stark gemacht werden soll?
  • Welche Beispiele kommen Ihnen noch in den Sinn? Gibt es Zitatketten, aus denen sich Ihrer Ansicht nach eine Tradition generieren ließe? Welche künstlerischen Positionen würden Sie gerne in den Blick nehmen?

 

Literatur: (steht in der BURG BOX)

https://box.burg-halle.de/apps/files/?dir=/&fileid=34678

Hobsbawm, Eric; Ranger, Terence (Hg.): The Invention of Tradition, Cambridge University Press, New York 1983 

Vorgehen:

Unser Vorgehen und die Aufgabenverteilung besprechen wir in der ersten gemeinsamen Seminarveranstaltung. Fragen beantworte ich gerne vorab per Email.

Sprechzeiten jenseits der Seminarzeiten – immer am Dienstag Nachmittag – nach Voranmeldung.

Ausblick:

Falls wir irgendwann wieder reisen können, werden wir mit einer kleinen Gruppe nach Tbilisi aufbrechen, um gemeinsam mit Studierenden und Lehrenden der dortigen Staatlichen Kunstakademie ein Projektseminar zum Thema „Invention of a Tradition“ durchzuführen.

 

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Name der Lehrenden / Name of Teacher 
Prof. Dr. Nike Bätzner

Lernziel, Qualikationsziele / Objectives, Learning Outcome

  • Kennenlernen von Modellen der Geschichtsbildung von Kunst und Kultur
  • Diskursive und kontextuelle Verortung dieser Modelle
  • Übung und Förderung reflektierender und bestimmender Urteilskraft, der Dialogfähigkeit und der Diskursfestigkeit
  • Historische Fragestellungen, theoretische Ansätze und begriffliche Konzepte werden mit dem aktuellem Kunstgeschehen ins Verhältnis gesetzt


Veranstaltungsart und -methodik / Teaching and working methods 
Seminar

Beurteilung / Assessment 
Studierende Kunst: Teilnahmeschein (unbenotet), Leistungsschein (benotet); Studierende Kunst (Lehramt): Teilmodulleistung (unbenotete Präsentation) oder/und Modulprüfung (Präsentation + benotete schriftliche Hausarbeit); Studierende der Kunstpädagogik (Diplom): Teilnahmeschein (unbenotete Präsentation); Studierende MA Kunstwissenschaften: Teilmodulleistung (unbenotete Präsentation) oder/und Modulprüfung (Präsentation + benotete schriftliche Hausarbeit)

Literatur und Vorbereitungsempfehlung  / Literature and recommendation on preparation
Hobsbawm, Eric; Ranger, Terence (Hg.): The Invention of Tradition, Cambridge University Press, New York 1983

Verwendbarkeit / Applicability
Kunst: Kunstgeschichte

Kunst (Lehramt): Kunstgeschichte 
Kunstpädagogik (Diplom): Kunstgeschichte
MA Kunstwissenschaften: Modul 2 (sowie Vorarbeit zu Modul 7)

Zugangsvoraussetzung / Prerequisites 
Keine

Umfang in SWS / Semester periods per week
2

Häufigkeit, Dauer und Termin, Ort des Angebots / Appointed time and location
Mo 18.15–19.45 und/oder nach Verabredung / online und/oder Seminarraum, Schleifweg 6

Lehrende(r)

  • Prof. Dr. Nike Bätzner

Lehrende(r)

  • Prof. Dr. Nike Bätzner