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Objekt der Erinnerung

erRingerungen

Ein Ring als Ritualgegenstand, der Erinnerungen in sich bündelt.

Gegen Ende meiner ersten Koreareise war ich frisch ausgestattet mit einem neuen Namen und jeder Menge nie zuvor gemachter Erfahrungen. Um diese zum Abschluss für mich zu bündeln und meinen Ubergang in eine neue Lebensphase zu feiern,
stattete ich mich – als ich mich zufällig vor einem Streetvendor mit Gravurservice wieder fand – spontan mit einen schlichten schwarzen Ring aus, der meinen alten, wie meinen neuen Rufnamen trug.

Sein Stelllenwert im Alltag ist für mich ähnlich wie der eines Familienerbstücks, auch wenn die Materialität eine Weitergabe kaum lohnenswert oder gar möglich erscheinen lässt. Die Abnutzungsspuren nach inzwischen fast 8 Jahren ununterbrochenem Tragen sind natürlich bereits erheblich…

Innerhalb meiner Gedankenstruktur, funktioniert der Ring seit seinem Kauftag in etwa wie die „neuer Ordner“-Funktion am Rechner, ich konnte das Neuerlebte dort ablegen und absofort frische Erinnerungen der selben Kategorie immer hinzufügen: Alle Erinnerungen oder Konzepte, die ich mit Korea verbinde, sind mir, dank des Fakts, dass der Ring für mich ebenfalls mit Korea verknüpft und immer an meinem Finger ist, über diese Doppel-Assoziation leicht zugänglich. Quasi ein physischer Shortcut um die Erinnerungen öfter aufkommen zu lassen und so zu festigen, bzw. von ihrer positivität zu profitieren.

Beim Skizzieren dieser Erinnerung, konnte ich mich nur noch auf einzelne starke Eindrücke, aber kein vollständiges Bild mehr zurückgreifen, weshalb ich automatisch für äußere, bewegliche und veränderliche Elemente der Erinnerung in eine abstrahierte Darstellung rutschte. Meine Darstellung von mir selbst scheint eine größere Realitätsnähe zu haben, repräsentiert allerdings viel mehr mein jetziges Ich, als mein damaliges Aussehen oder Selbstverständnis.
Ein bisschen so, als würde ich beim Versuch die Erinnerung als Zeichenvorlage zu nutzen, das Ereignis nicht zum damaligen Zeitpunkt erneut erleben, sondern den Ort wieder betreten und zufällig einen fast identischen Ablauf vorfinden.

Was Orte angeht, werden meine Erinnerungen vom Aufbau von Orientierungsfähigkeit dominiert. Es ist fast so, als würden meine Eindrücke automatich entlang der Erstellung einer virtuellen Karte organisiert, die unabhängig von einzelnen Erinnerungen entsteht und zugänglich ist. Bewege ich mich diese virtuelle Kopf-Karte gedanklich entlang, ist es ein bisschen wie das Erleben einer Umgebung mit Google Streetview. Ausgehend von meinem Standort auf ihr werden dann nach und nach dort gehabte Erlebnisse assoziiert.

Externe Reize oder Themen, oder auch eine bewusste Entscheidung dafür, lösen meistens die Erinnerung an eine konkrete erlebte Situation aus. Diese wird mir damm aber meist ebenfalls sehr ortsfokussiert dargestellt unf bringt mich dann unweigerlich auf meine Erinnerungskarte. Typischerweise wandere ich automatisch diejenige Straße, in der ich mich dann spontan befinde weiter und treffe so auf die eine oder andere, in der Umgebung verortetete oder an einem ähnlichen Ort erlebte Erinnerung.

Zur Einleitung meiner Erinnerungsdarstellung wollte ich daher die Karten- und Streetview-Ähnlichkeiten bewusst aufgreifen um mein eigenes visuelles Erleben im Prozess des Wiederaufrufens von Erinnerungen für mich abzubilden.

Meine meiste Zeit in Asien verbrachte ich in größeren Städten, in denen man sich vorrangig mit den öffentlichen Verkehrsmittel fortbewegt, die einem zwischen den verschiedenen Vierteln nur bedingt erlauben Orientierung aufzubauen. Diese Struktur begünstigt vermutlich zusätzlich zu meiner persönlichen Veranlagung eine Ver-Clusterung von Erinnerungen.
Ich vergleiche insbesondere die U-bahn-Aufgänge gerne mit den Röhren in einem Mario-Level, die mich als Spieler in ein Sub-Level leiten oder von dort zurückbringen.

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