Das Fernsehen bietet keine Haltegriffe mehr...

Interview mit Klaus Staeck am 7. November 2000

 

Ein Gespräch mit Klaus Staeck auf der Art Cologne über multiple Art und die Kunst der 70er Jahre

Der 1938 in Pulsnitz bei Dresden geborene Heidelberger Grafiker Klaus war bisher an über 3000 Ausstellungen beteiligt. 1957 bis 1962 studierte er Jura in Heidelberg, 1969 legte er das Assessorexamen in Stuttgart ab. Schon während des Studiums entwarf er erste Postkarten; 1960 produzierte er das erste Plakat für den Heidelberger AstA. Mehr als vierzig Mal wurde er in Prozesse verwickelt, in denen versucht wurde, die Verbreitung einzelner kritischer Plakate und Aktionen zu verbieten.

Frage: Sie sind Mitgründer der Art Cologne und der "Aktion für mehr Demokratie". Außerdem sind Sie Galerist, Verleger, Rechtsanwalt, und Aktionskünstler. Am bekanntesten sind sie jedoch für Ihre Postkarten und Plakate. Wie kam es dazu, daß Sie sich der Druckgrafik zuwandten ?

Klaus Staeck: Ich war immer jemand, der nicht zufrieden war mit dem relativ engen Galerierahmen, vom Museumsrahmen ganz zu schweigen, wo man als Anfänger keinen Zugang hat. Also habe ich immer nach Wegen gesucht, wie man Arbeiten vervielfältigen kann. Das begann mit Holzschnitten. Es waren anfangs eher abstrakte Arbeiten, dann ging ich über zu Karikaturen, bis ich sehr mühsam den Weg zum Plakatdruck fand. Anfangs habe ich für den AstA der Universität Heidelberg Plakate für die Asta Wahlen, für die Studentenbudensuche, und vergleichbare Dinge gemacht. Ich habe sie so angelegt, daß ich weiterdrucken konnte, wenn ich den Text wegließ, und hatte somit meine ersten eigenen Plakate.

Dann habe ich nach Wegen gesucht, um mehr Menschen zu erreichen als mit einer nummerierten, signierten Grafikauflage. Als 1971 in Nürnberg die große Dürer Jubiläums-Ausstellung war, habe ich überlegt, Litfaßsäulen anzumieten, [Anm.: um sie mit dem Plakat "Sozialfall" zu bekleben], ohne zu wissen, ob das überhaupt geht, und wie teuer es sein würde. Mein Freund Gerd Steidl, Drucker und Verleger, mit dem ich seit 1970 zusammenarbeite, hat die Litfaßsäulen von der Druckerei angemietet. Es war nicht als Kunstaktion angekündigt, sondern lief als anonyme Geschichte, um zu testen, ob die Leute ein Plakat überhaupt wahrnehmen wuerden, das für keine Veranstaltung oder kein Produkt wirbt, sondern für den Betrachter auf der Straße zunächst nur rätselhaft erscheint.

Frage: Kunst ohne Unikat - Ihre Plakate hängen bundesweit in teilweise sehr großer Auflage im Alltagsterrain an Litfaßsäulen. Welche Adressatenkreise versuchen Sie mit Ihren Plakaten und Postkarten zu erreichen ?

Klaus Staeck: Auf der Straße können Sie zunächst so gut wie alle erreichen. Man kann nicht selektiv sagen, da kommen nur die jungen Leute, die Rentner , die Sportler oder die Autofreunde. Adressaten sind alle, die die Straße benutzen, eine zufällige, anonyme Öffentlichkeit. Für die Leute ist die Litfaßsäule immer noch ein Stück Autorität, etwas Offizielles.

Frage: Wovon hängt die Zahl der Auflage ab ?

Klaus Staeck: Inzwischen weiß ich genau, welche Verbreitung ein Plakat finden wird. Manchmal sind sie für einen kleineren Kreis gedacht. Bei Plakatauflagen bin ich aber in der Regel angewiesen auf große Zahlen, schon weil der Entstehungsprozess relativ kostspielig ist. Die Auflage sollte hervorragend gedruckt sein, denn drucktechnisch sollte sie immer mit der Werbeindustrie konkurrieren können. Ich möchte schon auf den ersten Blick eine Unverwechselbarkeit mit der offiziellen Werbung erreichen. Bis die Leute merken, da ist ein Störfaktor eingebaut, und dann versuchen, hinter das Wort-/Bildrätsel zu kommen.

Frage: Ihre Motive findet man nicht nur auf Litfaßsäulen, sondern auch auf Zeitschriftentitel, im Fernsehen und im Internet. Was halten Sie vom Internet als Forum für multiple Kunst ?

Klaus Staeck: Das Internet ist der Entwicklung der Zeit geschuldet. Man muß heute schon automatisch im Internet vertreten sein. Ich mache dort allerdings bisher keine gezielten Aktionen, sondern verstehe das Internet als eine Art Hilfsmittel. Dort findet man meinen Lebenslauf und Texte. Es war mein Ziel, daß man, unabhängig von mir, Ausstellungen und Aktionen planen kann. Leute können mit meinen Bildern ihre Arbeiten erweitern und argumentieren, wenn sie Ihnen nutzen. Ich verstehe meine Arbeiten auch immer als Arbeitsmaterial für andere, als eine Art Demokratiebedarf.

Frage: Kann man denn mit multiples ein Bewußtsein für eine bestimmte Position schaffen ?

Klaus Staeck: Es ist ein Beitrag dazu. Der eine Teil der Öffentlichkeit versucht, das Bewußtsein zu erweitern, der andere Teil dagegen, das Bewußtsein zu vernebeln. Denken Sie daran, wie viele an der Verblödung der Menschen arbeiten, vor allem in den Medien. Mit Bildern wird mehr gelogen als mit Worten, weil die Leute den Bildern immer noch mehr trauen... Aber ich habe den Glauben, daß jemand, der einmal gelernt hat, Bilder kritisch zu sehen, die Werbung durchschaut. Eine Aufgabe, die ich mir gestellt habe, ist, durch Irritationen in meinen Bildern Skeptizismus und kritische Sehfähigkeit gegenüber Bildern hervorzurufen.

Frage: Manchmal fühlen sich Menschen von Ihren Plakaten angegriffen, und wurden sogar aggresiv. 1976 kam es zum "Bonner Bildersturm", bei dem CDU/CSU Abgeordnete Ihre Plakate von den Wänden rissen. Gehören solche Auseinandersetzungen zum Vermittlungsprozess dazu ?

Klaus Staeck: Das kann man nicht von vornherein ausschließen. Meine Sachen sind offensiv angelegt, nicht aggressiv, das wäre die falsche Vokabel. Offensiv möchte ich schon jemanden erreichen, weil in unserer Bilderwelt auch eine offensive Bildersprache vorherrscht. Ich gehe nicht den Weg der Esoterik, nach innen gewandt, sondern bin jemand, der die Menschen in ihren Sehgewohnheiten abholen möchte. Der Bonner Bildersturm war einer der großen öffentlichen Skandale, aber gleichzeitig - so wie die Öffentlichkeit bei uns funktioniert - eine der größten Werbeaktionen, die die CDU jemals für mich gestartet hat. Ohne deren tätige Mithilfe in vielen Bereichen wären meine Sachen nicht so bekannt geworden.

Frage: Sie sind seit 1960 SPD-Mitglied und haben Plakate, Postkarten und Aufkleber für mehrere Bundestags-wahlkämpfe produziert. Auch bei der letzten Bundestagswahl 1998 haben Sie aktiv für die Einleitung der politischen Wende gekämpft, so z.B. mit dem Plakat éKohl von hinten'.

Klaus Staeck: Für die Partei direkt mache ich nichts, für einzelne Personen relativ selten etwas. Ich mache zwar Plakate gegen die CDU oder NPD oder wie sie alle heißen. Das sind aber begleitende Maßnahmen. Ich schreibe nicht auf die Plakate, wähle SPD. Das würde sicherlich auch falsch verstanden werden. Aber, ich möchte schon für die Seite mitkämpfen, für die ich politisch mehr stehe, bei aller Kritik an der eigenen Gruppe. Ich wollte nie als völlig als freier Forscher über allem schweben und mahnen... Ich wollte schon in der Arena mitkämpfen und nicht nur auf der Zuschauertribüne sitzen und Zensuren verteilen.

Frage: Ihre Gegner meinten sogar, Sie seien ein "ehrenamtlicher Art Director der SPD" (vgl.. F. Küppersbusch, taz v. 26.08.1998).

Klaus Staeck: ... Es ist viel Bösartigkeit über mich verbreitet worden, von ganz rechts bis ganz links. Mal war ich der Faschist, mal der Kommunist, mal der Kinderverderber, mal der Politpornograph. Manche haben sogar neue Begriffe auf meine Arbeit gemünzt. Ich stehe in sofern darüber, als ich von der Notwendigkeit meiner Arbeit überzeugt bin. Meine Arbeit dient immer der Aufklärung, bei allen Mißverständnissen, die Satire gelegentlich hervorruft. Satire muß immer einen wahren Grundgehalt haben. Vieles in meiner Arbeit beruht sogar bewußt auf den ersten Anscheinsirrtum. So z.B. bei dem Plakat "Die Reichen müssen noch reicher werden. Deshalb CDU". Da sieht man zunächst das CDU- Zeichen, und denkt, die Partei hätte etwas mitzuteilen. Danach kommt das Stocken, und die Frage, sind die so verrückt geworden, daß die ihr seltsames Gesellschaftsmodell schon wahrheitsgemäß auf Plakate drucken ? Selbst CDU- Mitglieder waren damals verunsichert und haben in der Parteizentrale angerufen.

Frage: Auch Marcel Duchamp und Joseph Beuys benutzten Multiples, um eine bestimmte Weltanschauung oder Erkenntnis zu verbreiten. Was unterscheidet Klaus Staeck von Joseph Beuys ?

Klaus Staeck: Es gibt ein paar politische Überzeugungen, die wir nicht miteinander geteilt haben. Ich habe sogar mal eine Postkarte verlegt, auf der der von Beuys geäußerte Satz "Klaus Staeck ist mein politischer Gegner" zu lesen war. Das war auf parteipolitisches Terrain gemünzt.

Beuys war anfangs ein überzeugter Anhänger der Grünen, weil er glaubte, seine Vorstellungen würden von dieser, damals neuen Partei am ehesten umgesetzt. Eine Partei, egal wie ideal sie sein mag, ist aber nicht geeignet als Transportmittel für solche Ideen, für die Beuys stand. Anders als Beuys habe ich nie von meiner Partei erwartet, daß sie die Kunst bzw. die Gesellschaft so voranbringt, wie ich mir das immer erhofft habe.

Dann gab es einen Grunddissens in Bezug auf die direkte Demokratie. Er war immer ein leidenschaftlicher Kämpfer für direkte Demokratie. Davon halte ich nicht allzu viel, weil das immer eine gute Information voraussetzt, um eine richtige Entscheidung zu treffen. Bei den Medienverhältnissen, die wir haben, kann man das aber nicht immer vorraussetzen.

Beuys hat sehr schöne Zeichnungen gemacht, das ist bei mir eine relativ kurze Phase gewesen. Beuys hat auch große Objekte gemacht. Jeder Künstler ist auf seine Weise hoffentlich unverwechselbar.

Frage: Aber der Einsatz von multiples...?

Klaus Staeck: Ja, die Liebe zu den Multiples hat uns verbunden. Ich bin der zahlenmäßig größte Verleger von Beuys (über 200 Editionen). Er hatte immer ein sehr großes Interesse an der Verbreitung seiner Ideen durch Vehikel, d.h. Multiples, und war ein begeisterter Postkartenfreund. Ich habe ihn 1968 anläßlich einer Postkartenaktion kennengelernt. Über 80 Karten sind so im Laufe der Jahre entstanden. Zum großen Teil handelt es sich dabei um Originalentwürfe für Postkarten, nicht Verkleinerungen von anderen Arbeiten. Unser beider Gemeinsamkeit war auch das politische wirken wollen, das heute im Kunstbetrieb weniger denn je erwünscht ist. Bei Beuys hat man es noch gerade geschluckt, aber man sehnte sich nach seinen Papierarbeiten, und hat diese hochgelobt. Er wollte politisch agieren und die Kunst in die Politik tragen.

Frage: Richard Wagner, Schriftsteller, nannte Sie "den Hoffnungsträger der 1970er Jahre, die nicht enden wollen".

Ist Ihre Arbeitsweise typisch für die 1970er Jahre ?

Klaus Staeck: Ja, das kann man sagen. Die 1970er Jahre werden im Augenblick sehr denunziert als überwundene Zeit, weil es eine politische Zeit war, und die meisten Zeitgeister möchten mit der Politik nichts mehr zu tun haben. Aber ich behaupte, der Politik kann man nicht entgehen. Deshalb mischt man sich besser ein. Man versucht sie mit zu gestalten. Wenn man das nicht tut, entscheiden andere über einen. Demokratie ist eine ständige Aufforderung zum ständigen Mitwirken und Mitdenken.

Frage: Die Studenten von heute scheinen sich aber doch wieder den 1970er zuzuwenden.

Klaus Staeck: Die Mode zumindest wird noch einmal recycled. Die 1970er kann aber nicht ohne weiteres übertragbar. Die Mediensituation ist heute eine ganz andere. Das Internet gab es damals noch nicht, eine ganz neue Kommunikationsform. Vor kurzem haben wir einen Aufruf gestartet für die Ökosteuer übers Internet. Franz Alt hatte den Aufruf auf seine homepage gestellt und ein Versandsystem entwickelt. In kürzester Zeit hatten wir hunderte von Unterschriften gesammelt, wo wir früher zahllose Briefumschläge hätten adressieren und mit Porto versehen müssen. Heute haben Sie es mit einer Generation zu tun, die vom ersten Lebensjahr mit dem Fernsehen groß geworden ist. Meine Generation ist mit der Radiokultur großgeworden. Das Fernsehen verleitet die Menschen zu einem immer gröberen Sehen, weil die Beiträge immer kürzer sind. Derjenige, der durch die Programme zappt, bekommt eigentlich gar nichts mehr richtig mit, hat nur noch Salat im Kopf. Das dient auch politischen Interessen. Ich bin immer noch jemand, der unverrückbar an die Kraft der Aufklärung glaubt. Das mag man für naiv halten, aber auch mit Mund zu Mund Beatmung kann man gelegentlich etwas erreichen, während die elektronischen Medien oft gar keinen mehr erreichen, weil sie oft keine Haltepunkte mehr bieten. Das Fernsehen bietet keine Haltegriffe mehr.

Frage: Sie haben in Ihren Arbeiten schon immer gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassimus eingesetzt. Was halten Sie vom Begriff der "deutschen Leitkultur" ?

Klaus Staeck: Das Wort der "deutschen Leitkultur" ist eine der großen Nebelkerzen, die Politiker immer dann werfen, wenn Sie nicht mehr weiter wissen. Er ist gefährlich in dieser Schwammigkeit, in diesem Wabernden, diesem Diffusem, in das man alles hineinpacken kann. Die deutsche Leitkultur gibt es nicht, kann es gar nicht geben, da sich Kultur immer weiter entwickelt, sonst wäre es eine statische Angelegenheit.