Textile Künste

Diplom-Studiengang Malerei/Grafik, Prof. Ulrich Reimkasten,
Telefon +49 (0)345 7751-618, reimkasten(at)burg-halle.de

Letztlich geht es um den Entwurf für ein Leben im Ausnahmezustand

Basis unserer Arbeit ist die Persönlichkeit des Studierenden; Ziel das Selbstvertrauen eines Künstlers mit historischem Bewusstsein und darin integriert entwickelten Begriffen von Demokratie, Moral und Ethik; mit Professionalität und ästhetischem Anspruch; mit kritischen Maßstäben und der Befähigung zum Widerstand; mit einem Verständnis für Bürgerrechte und künstlerische Freiheit.
Letztlich geht es um den Entwurf für ein Leben im Ausnahmezustand. Drei Felder werden kultiviert: Handwerk, Reflexion und Management oder Selbstorganisation. Untersuchung, Spiel und Experiment sind die bevorzugten Wege intuitiver Entfaltung. Die Kombination ist spannend, erkenntnisreich, heiter und ernsthaft zu gleich. Intensität und Kontinuität in eigener künstlerischer Arbeit gelten als exklusive Möglichkeiten für ein erfolgreiches Studium in einer Fachklasse Freier Kunst: Wissen anhäufen, Fertigkeiten üben, Ideen entwickeln und realisieren, Können erwerben, Möglichkeiten erproben. Ahnungen von Unendlichkeit lassen jeglichen Zweck vergessen; sinnendes Denken kann beginnen; Dinge jenseits des Gebrauchs werden denkbar; Kunst wird möglich. Eine persönliche Haltung für den eigenen künstlerischen Weg zu finden wäre optimal. Das heißt konkret: 

A) Individuelle Studienaufgaben werden ergänzt durch Lehrangebote des Professors und seiner Mitarbeiter. Thematische Arbeit kann zu unerwarteten Lösungen auch außerhalb des Feldes zwischen Malerei und Textilen Künsten führen. Es entstehen Studien, Einzelwerke, Konzepte und Modelle, auch Texte - Medien und Technologien übergreifend. Die Weberei spielt eine zentrale Rolle und/oder hat eine metaphorische Bedeutung im Sinne Gottfried Sempers. Wir verstehen sie nicht allein als Fertigungstechnologie, sondern als Prinzip oder Struktur – wie Text/Sprache. Wichtig ist uns ein Verständnis von Weberei als zivilisatorischen Faktor, wie er sich aktuell in der prinzipiellen Verwandtschaft von digitalen Funktionen bei Ketthoch- bzw. Ketttiefgängen der Weberei und Nullen und Einsen der Informatik zeigt. Die Weberei ist uns die große Anregerin und eine Quelle unserer Inspiration. Bilder sind das eigentliche Thema des Studiums in einer Fachklasse Bildender und Freier Kunst. Bilder sind wichtig. Die Menschen sehnen sich nach Bildern. Wir teilen Bilder in zwei für unsere Spezifik bzw. unser Metier relevante Kategorien ein. Erstens Fenster, formatierte Bilder, wie sie die Malerei oder die Fotografie hervorbringen. Deren sozio-psychologische Funktion ist es Ausblicke in andere Welten zu zeigen. Sie haben die Aufgabe in die Mauern unserer Vorstellungen Öffnungen zu brechen. Diese Fensterbilder zeigen uns die Welt anders, neu, überraschend. Sie lassen uns durch diesen Überraschungseffekt auch begreifen wie geheimnisvoll unsere Welt ist. Die zweite Bildkategorie ist die Tapete. Ihre sozio-psychologische Aufgabe ist es die Abgründe am Rande der bekannten Welt unserer Vorstellungen zu verbergen, weil wir dieses ungeheure Nichts unmöglich akzeptieren können. Da die Tapete allein durch ihre Funktion des Verbergens dennoch den Abgrund nicht ganz vergessen machen kann und ein neugieriger Blick oder Gedanke hinter diese Oberfläche unbedingt verhindert werden soll, müssen Bilder des Typs Tapete möglichst berauschend schön, üppig, faszinierend unüberschaubar, verzaubernd ablenkend sein und uns in ihren Bann schlagen, um gewisse Ahnungen und Bedrohungen vergessen zu machen. Sie muss uns durch ihre umfangende Pracht wenigstens scheinbar schützen und uns ein tröstendes Gefühl von Geborgenheit und Behaglichkeit vermitteln, um die Illusion der Harmonie zu ermöglichen. Für uns ist die Textile Wand ein Forschungsgegenstand.

B) Praxisnähe ist in Drittmittelprojekten durch Realisierungen von künstlerischen studentischen Entwürfen und gemeinsam erarbeiteten Konzepten im architektonischen Raum im Auftrag unterschiedlicher Bauherren gegeben. Die Studierenden üben kollektives Verhalten und die Zusammenarbeit mit Nutzern, Architekten, Ingenieuren und Handwerkern; sind konfrontiert mit den Anforderungen in der Umsetzung eigener künstlerischer Ideen vom Entwurf bis zur Fertigstellung auch in Fremdleistung; sehen sich mit elementaren Dingen wie Kalkulation, Vertrag, Ausführungsbetreuung, Rechnungslegung, Dokumentation, Publikation und Öffentlichkeitsarbeit konfrontiert und lernen wesentliche Regeln künstlerischer Praxis. Erstens: Ein Projekt gilt als beendet, wenn alle Rechnungen bezahlt sind und die Dokumentation abgeschlossen ist. Zweitens: Die Qualität eines Auftragswerkes ist maximal so hoch wie die Qualität des Auftraggebers. Drittens: A und B sind wie Spielbein und Standbein. Häufiger Stellungswechsel hilft Haltung zu finden und Verspannungen zu vermeiden. Der Begriff einer Gebrauchskunst kommt ins Spiel und hilft, die Werte freier Kunst im Unterschied zu jenen der angewandten Künste und des Designs zu würdigen. Das praktische Differenzieren dieser Strategien ermöglicht Selbstverständnis und Unabhängigkeit in künstlerischer Arbeit.

C) Künstlerische Professionalität und soziale Kompetenz entwickeln sich ergänzend in gemeinsamen Workshops z.B. auf Gut Blücherhof/Mecklenburg; in Ausstellungsrealisierungen der Klasse; in der Beteiligung Aller an der Organisation des Studienalltags; in der Gestaltung gemeinsamer Gespräche zu Themen aus Kultur und Kunst, Politik und Zeitgeschehen, Geschichte und Natur. Das Ideal ist die Arbeitsgemeinschaft von Persönlichkeiten mit individuellen künstlerischen Positionen und gemeinsamer Terminologie in entwickelter Kommunikation. Die ständig erweiterte Literaturliste ist ein förderlicher Faktor in praktischer und theoretischer Arbeit. Der als dynamisch aufgefasste Kunstbegriff ist der gemeinsame Nenner.

Prof. Ulrich Reimkasten
Mecklenburg, September 2010 

Standort

Hermes-Gebäude, 5. OG
Hermesstraße 5, 06114 Halle

Auszeichnungen

Internationaler Biennale-Hauptpreis Malerei/Textilkunst in Gdynia (Polen)
für Anna Maria Gawronski  ... mehr

Publikumspreis der „Großen Kunstausstellung Halle 2011“
für Nina Hohberger ...mehr