Lehrangebot

High Pressure // WiSe 2026-27

High Pressure
Pressen, verdichten, formen – Pressen als Prinzip der Formgebung

Jede Form erzählt von den Kräften, durch die sie entstanden ist. Druck verdichtet, führt und verformt Material. Er hinterlässt Spuren, definiert Oberflächen und bestimmt Geometrien. Form entsteht nicht allein durch Material, sondern durch das Zusammenspiel von Werkzeug, Kraft und Widerstand.

Die prototypische Arbeit in unserem Studiengang orientiert sich meist an den etablierten Verfahren des Schlickergusses und des Glasblasens in Gips- oder Holzformen. In diesem Semester verlassen wir bewusst diese vertrauten Wege und richten den Blick auf ein Verfahren, das handwerkliche und industrielle Fertigung seit Jahrhunderten verbindet: das Pressen.

Ob Druckgießen, Nass- oder Trockenpressen, isostatisches Pressen, Strangpressen, Glaspressen oder keramischer 3D-Druck – all diese Verfahren folgen demselben Grundprinzip. Die Wurzeln reichen weit zurück: Bereits historische Pressformen dienten zur Herstellung keramischer Gefäße, Fliesen, Reliefs oder Figuren. Aus solchen handwerklichen Techniken entwickelten sich viele industrielle Fertigungsverfahren, die bis heute genutzt und kontinuierlich weiterentwickelt werden.

Im Entwurfsprojekt High Pressure untersuchen wir dieses Prinzip anhand der Materialien Porzellan, Keramik und Glas. Im Mittelpunkt stehen historische wie aktuelle Pressverfahren ebenso wie experimentelle analoge und digitale Herstellungsstrategien. Dabei verstehen wir den Herstellungsprozess nicht als Mittel zum Zweck, sondern als gestalterisches Werkzeug.

Ausgangspunkt des Projekts ist die Recherche. Werksbesuche und Materialstudien eröffnen Einblicke in historische und industrielle Fertigungsprozesse. Ein industrielles Verfahren kann detailliert untersucht, analysiert und als Ausgangspunkt für einen Entwurf weiterentwickelt werden. Ebenso kann eine Technik lediglich als Inspiration dienen und in eine eigenständige handwerkliche oder experimentelle Herstellungsstrategie übersetzt werden. Ziel ist nicht die Reproduktion eines Verfahrens, sondern dessen Durchdringung und gestalterische Aneignung.

Im Zentrum steht zunächst nicht das fertige Objekt, sondern die Frage, wie Form überhaupt entsteht. Welche Geometrien erzeugt Druck? Welche Spuren hinterlassen Werkzeug und Material? Wie lassen sich industrielle Verfahren zweckentfremden, weiterdenken oder für eigene Strategien nutzen? Uns interessieren Präzision und Zufall, Wiederholung und Imperfektion ebenso wie das Spannungsfeld zwischen handwerklicher und industrieller Fertigung. Wir entwerfen nicht nur Objekte – wir entwerfen aus dem Herstellungsprozess, durch die sie entstehen.

Die prototypische Umsetzung erfolgt in Kooperation mit der Glasmanufaktur Harzkristall  und in den Werkstätten des Studiengangs.

Ziel des Projekts ist die Entwicklung eines eigenständigen Objekts aus Glas oder Keramik sowie einer individuellen Herstellungsstrategie mit selbst entwickelten oder zweckentfremdeten Werkzeugen. Der Herstellungsprozess wird zum Entwurfswerkzeug – die Form zum sichtbaren Ergebnis eines bewussten Zusammenspiels von Material, Werkzeug und Druck. Wir entwerfen nicht nur Objekte. Wir entwerfen die Kräfte, durch die sie entstehen.

Gruppenarbeit:
Dieses Projekt empfiehlt sich stark für Gruppenarbeit, in der man gemeinsam eine Herstellungsmethode exploriert, um diese dann für einen gemeinsamen oder individuellen Entwurfsansatz zu nutzen.
Gruppenarbeit ist daher ausdrücklich erwünscht.

Rahmenbedingung
Voraussetzung für die Teilnahme am Projekt ist die Teilnahme an den Werkstattunterweisungen für alle neuen Studierenden im Produktdesign/ Keramik- und Glasdesign.

 

Lern- und Qualifikationszielen
Im Fach „Komplexes Gestalten“ arbeiten BA- und MA-Studierende an denselben Aufgabenstellungen mit den folgenden Lern- und Qualifikationszielen:

Bachelor:
Im Entwurfsmodul werden die verschiedenen in den ersten beiden Jahren erlangten Kompetenzen zusammengeführt und an einer komplexen Aufgabenstellung angewendet. Ziel ist es, Entwurfsstrategien zu entwickeln, die auf fundierten Konzepten basieren und einen experimentellen, konstruktiven und gestalterisch durchdachten Beitrag im Industriedesign leisten.

Master:
Im Master-Entwurfsmodul findet im Rahmen einer projektorientierten Auseinandersetzung eine individuelle Vertiefung statt. Hierfür werden künstlerisch-gestalterische Vorhaben mit forschungsbasierter Recherche weiterentwickelt. Der Output im Master ist deutlich umfangreicher, komplexer, stärker durchdrungen in der Recherche und präzise in Kritik und Relevanz eines zeitgemäßen Beitrags zum Industriedesign.