Von: englich Betreff: ziele text-workshop Datum: 21. September 2014 09:15 An: Eva Scharrer Kopie: Malte Westphalen, maike fraas, David Oelschlaegel
sehr geehrte eva scharrer,
(und angeschlossen die berater maike, malte und david … mit der ermunterung, falls euch hier ergänzendes oder widersprechendes einfällt, euch einzumischen …)
Sie baten mich – sinngemäß – meine wunsch-ziele für einen text-workshop zu beschreiben … dazu vorweg angemerkt, dass ich selbst noch nie einen textworkshop initiiert, beauftragt oder beobachtet habe …
darum also auch keine referenz und keine vorstellung über methoden und verfahren habe, und darum mich also ganz neugierig allen vorschlägen erstmal öffne, aber – ganz ungeordnet und unsystematisch – mir die folgenden anlässe, ziele, motive des ganzen … wünsche/vorstelle:
einschub: kaum eine disziplin kann sich so elegant unter verweis auf laurie andersons
„if you can’t talk about, point on it …” aus der sprach-affäre ziehen wie das design … und dennoch bedeutet natürlich auch für einen designer, der von natur aus eher über andere ausdrucksformen verfügt als das reden und schreiben, sprachlosigkeit oder besser sprach-unbewusstheit natürlich auch eine einengung und begrenzung des denkens.
darum wünsche ich mir sozusagen über und vor allem:
sprache und text grundlegend begeifbar zu machen als ein bewegliches medium
– und hier nun frei nach kleist – als ein medium zum gedanken verfertigen,
nicht nur beim drüber reden, sondern auch beim drüber schreiben.
weiter wünsche ich mir:
… mut zu machen, sich auf den zustand der welt seinen eigenen und ganz subjektiven sprachlichen reim zu machen …
(und – als bezug zu unserem nächsten projekt – die eigenen unerhörten wünsche an einen ggfs. anderen zustand der welt)
… sprache auch als ein suchendes und tastendes medium erfahrbar machen
und akzeptieren, dass sprache und text auch als prozesshaft und nicht als statisch angesehen werden dürfen
… und damit eigentlich zum dann wieder disziplinär-vertrauten zugriff zu kommen:
begriffe und sprache, sätze und text ebenso als material für das entwerfen zu begreifen, wie designer dies im bezug auf materialien, konstruktionen, funktionen und gegenständliche formen gewohnt sind (und erstaunlicherweise lassen sich diese vier begriffe auch auf sprache und text übertragen)
… also öffnungen und anregungen, beispiele und übungen dafür,
sprache und text als gestaltbar und als gestaltungsmaterial zu verstehen und zu nutzen
… insbesondere vor dem hintergrund, dass gestalter im besten falle zukünfte, situationen, szenarien erdenken und antizipieren, die noch nicht sind …
dass vor diesem hintergrund der anschaulichkeit und bildhaftigkeit der sprache, der assoziationskraft der begrifflichen konstruktionen, der gewünschten ebenso wie der möglichen konnotationen … eine besondere rolle zukommt
… ein bewusstsein dafür, dass, wo ich neues beschreiben will, ich möglicherweise und wahrscheinlicherweise auch nach neuen begriffen oder verknüpfungen oder umschreibungen suchen muss, um nicht mit den alten begriffen auch nur die alten bilder zu beschwören …
… und – zum vorläufigen abschluss – anstelle nach falschen antworten ausschau zu halten,
lieber die richtigen fragen zu stellen?
(… als kür vielleicht noch einen ausflug in tonarten und klangfarben von text und sprache …
von polemik bis (vermeintlicher) seriosität, von strenger subjektivität bis toleranter objektivität, von betroffenheits-prosa bis zu heiterer ironie …)
zum vorläufigen abschluss hoffe ich, dass Sie sich hierauf einen eigenen reim machen,
machen wollen …
und freue mich auf den nächsten schritt und bestenfalls ein weiteres telefonat,
in dem wir konkreter überlegen, wie und in welchem zeitrahmen sich ein solcher workshop
fassen und machen liesse.
mit herzlichen grüssen
guido englich




