Lehrangebot

»Ästhetik der Existenz« – Kunst als Leben

Das Leben und seine Körper sind mit den Künsten und dem Schönen verwoben. Ihre Verflechtung findet sich bereits in der antiken Vor­stellung von Lebenskünsten und dem Leben als Gegenstand antiker Kunst; aber auch in der asketischen Selbstgestaltung und -disziplinierung des frühen Christentums. In der Moderne begegnen wir ihr unmittelbar in der anti­moralischen Le­benskraft und -kunst Nietzsches und dem anschließenden Vitalismus. Aber die Verschränkungen von Kunst und Leben sind auf andere Weise auch für die Gegenwart kennzeichnend: so stellen sie uns etwa vor die Forderung einer neoliberalen Singulari­täts- und Kreati­vitätsökonomie, einen einzigartigen und authentischen Lebensstil zu verwirklichen; oder erscheinen uns in Formen der zeitgenössischen Kunst, die gerade die marginalisierten, verletzlichen und widerständigen Körper und Lebensformen in den Mittelpunkt stellen. 

Wir wollen im Seminar eine dieser Geschichten genauer verfolgen: wie das Leben ein Kunstwerk werden und wie Kunstwerke das Leben zum Material haben können.
Dafür nehmen wir Foucaults Idee einer „Ästhetischen Existenz" zum Anlass: einer Existenz, die keinen moralischen oder universalen Regeln folgt, sondern zu einem singulären und schönen Werk werden will. Im abwechselnden Bezug auf Texte – u. a. von Foucault, Deleuze und Agamben – und Kunstwerke wollen wir erkunden, ob sich darin andere Blicke auf künstlerische Praxis, aber auch für ein Denken politischer Gemeinschaft ergeben können: in Gestalt eines kreativen und singulären Lebens-Potentials, das unterdrückt, zugerichtet und verletzt werden, aber auch Wider­stand und Transformation gegen die Ge­walt des Allgemeinen und Gewohnten ermöglichen kann. Einem lebendigen Prozess, der in seiner Singularität gleichzeitig Ansprüche stellt und vielleicht auf eine zerbrechliche Solidarität oder ein neues Gemeinsames verweisen kann. Kann dieses ästhe­tische Leben politi­sche und künstlerische Bedeutsam­keit erzeugen oder verbleibt es bei einem privaten Ver­gnügen (liberaler Subjekte)? Was sind die Formen gelingender Lebenskunstwerke und (wie) können diese Gemeinschaft oder andere Politi­ken stiften?

 

  • Max Möhring hat ein Masterstudium der Philosophie an der Freien
    Universität abgeschlossen und u. a. im Kunstbuchhandel und als
    systemischer Coach gearbeitet. Sein Promotionsprojekt widmet sich
    Begriffen und Phänomenen des radikalen Anderen und sucht diese in
    Figuren des Ausschlusses, der Störung und Transformation, der Befreiung
    sowie des Singulären und Ereignishaften. Im Zentrum steht dabei die
    Frage, wie sich politische und ästhetische Forderungen jenseits
    allgemeiner Ordnungen, Regeln oder Rechte denken lassen. Darüber hinaus
    interessieren ihn Kommodifizierung, Disziplin, Grausamkeit und
    Ressentiment - und ihr Verhältnis zum Anderen - sowie Solidarität (mit
    der Verletzlichkeit Anderer), Widerstand und ästhetisch-transformative
    Lebensbegriffe.

Literatur (Auswahl):

  • Agamben, Giorgio, Die kommende Gemeinschaft.

  • Deleuze, Gilles, Pure immanence: Essays on a A life.

  • Foucault, Michel, Ästhetische Existenz. Schriften zur Lebenskunst.

  • Reckwitz, Andreas, Die Gesellschaft der Singularitäten.

Verwendbarkeit

Kunst (Diplom): Wahlpflichtmodul Philosophie
MA Kunstwissenschaften: Modul Theorien und Diskurse
Kunst (Lehramt): Wahlpflichtmodul Kunstwissenschaften
Lehramt Kunst (M.Ed.): Modul Kunst- und Designwissenschaften