Lehrangebot

Bild, Rahmen und Raum – Von illusionistischen Bildräumen und immersiven Raumbildern

Was ist ein Bildraum und in welchem Verhältnis steht er zu dem Raum, in dem sich das Bild befindet? Ist es beispielsweise ein Zufall, dass sich die Zentralperspektive in einer Zeit entwickelt, in der sich das Gemälde zunehmend als transportables Tafelbild etabliert? War es zuvor noch meist als Altarbild in einen architektonischen Zusammenhang eingebunden, verlagert sich nun der Raumbezug des Gemäldes in das Bild selbst. Der Bilderrahmen markiert dabei die Schwelle, an der der Raum der Betrachtung in den als offenes Fenster erscheinenden Bildraum übergeht.

 

In der Malerei der Moderne wird der illusionistische Bildraum dann radikal in Frage gestellt. Die Betonung der Fläche durch Farbe und Form bringt neue Arten malerischer Räumlichkeit hervor, die sich zwischen Bild, Betrachtenden und realem Umraum entfalten. Doch während das Gemälde so verstärkt als Objekt im architektonischen Raum erfahrbar wird, beginnt sich zugleich ein kuratorisches Konzept zu etablieren, das der Verbindung von Bild und Umraum neue Grenzen setzt. Möglichst große räumliche Neutralität soll die Autonomie des Werkes sichern und tritt an die Stelle des häufig wegfallenden Bilderrahmens.

 

In der Gegenwartskunst wiederum zeigen sich Tendenzen, Bild und Raum gänzlich zu entgrenzen. Das unmittelbare Eintauchen in Raumlandschaften aus Licht und Farbe ersetzt mitunter das Betrachten eines Bildes. Die Rezipierenden finden sich hier nicht mehr einem illusionistischen Bildraum gegenüber, sondern in ein immersives Raumbild eingebunden. Es stellt sich die Frage, wie es sich auf die ästhetische Erfahrung auswirkt, wenn der Rahmen als Schwelle und Spannungsfeld zwischen autonomem Werk und Umraum verschwindet. Können wir uns noch in ein Verhältnis zum Bild setzen, wenn wir uns in ihm befinden?

Ziel des Seminars ist es, die Geschichte des Bildraums zugleich als Geschichte eines wechselhaften Verhältnisses zwischen Bild und seinem realen Umraum zu erkunden. Dabei werden wir uns mit Bildern als Fenstern und Fenstern im Bild beschäftigen, mit gemalten Vorhängen, Bühnen im Bild und bühnenhaften Bildern im Raum, mit materiell in den Raum migrierenden Bildwelten und atmosphärisch das Bild transzendierenden Farbfeldern.

 

Ausgewählte Literatur:

Erwin Panofsky, Die Perspektive als symbolische Form (1927)

Georg Simmel, Der Bilderrahmen. Ein ästhetischer Versuch (1902)

Georges Didi-Huberman, Der Mensch, der in der Farbe ging (2001)