Lehrangebot

Das Denken des anderen I: Fremdheit und Ausschluss im 20. und 21. Jahrhundert

Das andere war immer schon ein zentrales Thema der Philosophie. Es erschien in Gestalt des Schönen, Unverfügbaren und Fremden; es suchte im menschlichen Blick und schutzbedürftigen Antlitz unsere Anerkennung und Gastfreundschaft. Zugleich hat jedoch die Philosophie im Namen von Fortschritt und Vernunft das andere immer wieder ängstlich verdrängt und gleichgemacht, damit die verfügbare Welt dem rationalen bürgerlichen Subjekt als Spiegel des Eigenen erhalten blieb. „Alles ‚andere‘ ist ihm ein Fremdes, Äusseres und als solches zunächst verdächtig“, wie Herbert Marcuse schreibt. Folgt man François Lyotards Text The Other’s Rights, leidet die postmoderne Gesellschaft eben daran, dass sie das Unbekannte auf transparente Bedeutungen reduzieren möchte.

Die Fremdheit des anderen wird in der Figur des Staatenlosen, Geflüchteten oder Zugewanderten auch als eine Bedrohung des homogenen Nationalstaats politisch inszeniert. Als „Paria“ im Sinne Hannah Arendts werden Menschen auf diese Weise aus der Gesellschaft ausgeschlossen und ihrer Rechte beraubt. Die aktuellen Entwicklungen in den USA, Europa und Deutschland zeigen, welche konkreten Folgen die Verachtung des anderen hat, die etwa auch jüdische, queere und Schwarze Menschen und Menschen mit Behinderungen trifft, und wie stark dadurch die liberale Demokratie gegenwärtig gefährdet ist.

Deshalb liegt der Fokus des Semesters auf Philosophien des 20. und 21. Jahrhunderts aus unterschiedlichen Denkrichtungen (wie Phänomenologie, Kritische Theorie, Dekonstruktion, Poststrukturalismus und Postmoderne), die – gerade auch unter dem Eindruck des deutschen Nationalsozialismus und der Shoah – Fremdheit und Ausschluss neu verhandeln. Dadurch wird grundsätzlich auch die Philosophie selbst mit Blick auf ein unvollendetes (misslungenes?) Projekt Moderne, so ein prominenter Ausdruck des in diesem Jahr verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas, kritisch hinterfragt.

Wie kann die Philosophie dem anderen überhaupt gerecht werden? Wo zeigt das andere die Grenzen philosophischen Nachdenkens? Erweitert wird die Perspektive durch Positionen von Schwarzen Philosophen wie Charles W. Mills und postkolonialen Theorieansätzen, die soziale und psychologische Prozesse von „Fremdmachung“ (othering) im Kontext von Versklavung und Kolonialismus untersuchen.

Die Vorlesung versteht sich somit als ein Versuch, das philosophische und politische Potential im Denken des anderen, das die Philosophie auf ganz besondere Weise herausfordert, in den kommenden zwei Semestern zu entfalten.

  • Dr. Christopher Nixon ist Philosoph und Komparatist und wird im Wintersemester 2026/27 als Gastprofessor für Philosophie an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle unterrichten. Er forscht und lehrt seit 2013 an unterschiedlichen Universitäten und Hochschulen. Zuletzt war er als Senior Fellow an der Kolleg-Forschungsgruppe Zugang zu kulturellen Gütern im digitalen Wandel an der Universität Münster und am Forschungsschwerpunkt Ästhetik der Zürcher Hochschule der Künste tätig. In diesem Jahr co-kuratierte er eine Ausstellung zu dem Schwarzen Künstler Paul Mpagi Sepuya am Fotomuseum Winterthur.

Literatur (Auswahl):

  • Adorno, Theodor W. Ästhetische Theorie. 5. Aufl. Bd. 7, Gesammelte Schriften, herausgegeben von Tiedemann Rolf. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1701. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2014.
  • Arendt, Hannah. Wir Flüchtlinge. 7. Aufl. Übersetzt von Elke Geisel. Reclams Universal-Bibliothek 19398. Ditzingen: Reclam, 2018. Ursprünglich erschienen We refugees.
  • Bedorf, Thomas. Andere: Eine Einführung in die Sozialphilosophie. Sozialphilosophische Studien 3. Bielefeld: Transcript, 2011.
  • Böhme, Gernot und Hartmut Böhme. Das Andere der Vernunft: Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 542. 1985. 7. Aufl. Berlin: Suhrkamp, 2016.
  • Habermas, Jürgen. „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“. In Die Moderne – ein unvollendetes Projekt, 3. Aufl., 32–54. Reclams Universal-Bibliothek 1382. Leipzig: Reclam, 1994.
  • Horkheimer, Max und Herbert Marcuse. „Philosophie und kritische Theorie“. Zeitschrift für Sozialforschung 6 (1937): 625–47.
  • Kimmerle, Heinz. Philosophien der Differenz: Eine Einführung. Würzburg: Königshausen und Neumann, 2000.
  • Lyotard, Jean-François. Der Widerstreit. Übersetzt von Joseph Vogl. Supplemente, herausgegeben von Hans-Horst Henschen, Nr. 6. Paris: Les Éditions de Minuit, 1983. 2., Korrigierte Aufl. München: Wilhelm Fink, 1989.
  • —. „The Other’s Rights“. In On Human Rights, herausgegeben von Stephen Shute und Susan L. Hurley, übersetzt von Chris Miller und Robert Smith, 135–47. The Oxford Amnesty Lectures. New York: BasicBooks, 1993.
  • Mills, Charles Wright. Blackness Visible: Essays on Philosophy and Race. Ithaca: Cornell University Press, 1998.
  • Nixon, Christopher A. Den Blick erwidern: Epiphanie und Ästhetik postkolonial. Dissertation. Passagen Philosophie. Wien: Passagen Verlag, 2023.