Lehrangebot

RE:produktion RE:formation RE:volution?

RE:produktion RE:formation RE:volution? – Vom gedruckten Wort zur generierten Wirklichkeit
Ein Kooperationsprojekt mit der Stadt Wittenberg und der SALEG

Bei Bauarbeiten im Bereich einer heutigen Tiefgarage in der Lutherstadt Wittenberg wurden bauliche Spuren, Maschinen und Werkzeuge entdeckt, die mit der ehemaligen Buchdruckerei Hans Luffts in Verbindung gebracht werden. Die Fundstelle ist ein Zeugnis einer Epoche, in der Mediengeschichte geschrieben wurde, und eröffnet einen konkreten Zugang zur Bedeutung des Buchdrucks für die Reformation.

Der Buchdruck veränderte nicht nur die Herstellung und Verbreitung von Texten. Er beeinflusste, wie Wissen entsteht, wem es zugänglich wird und wer gesellschaftliche Wirklichkeit mitgestalten kann. Informationen konnten in immer höheren Auflagen reproduziert, über größere Entfernungen verbreitet und für neue Öffentlichkeiten zugänglich gemacht werden. Die Reformation war deshalb nicht allein ein religiöser und gesellschaftlicher Umbruch, sondern auch mit einem tiefgreifenden Medienwandel verbunden, der ihre Ausbreitung maßgeblich ermöglichte.

Heute verändern digitale Plattformen, algorithmische Systeme und generative KI erneut die Bedingungen, unter denen Informationen produziert, verbreitet und bewertet werden. Etablierte Zugänge, Hierarchien und Mechanismen der Wissensvermittlung verlieren ihre bisherige Ausschließlichkeit. Gleichzeitig entstehen neue, niedrigschwellige Möglichkeiten der digitalen Veröffentlichung, durch die nahezu jeder Mensch selbst Inhalte produzieren und verbreiten kann. Doch auch die neuen Plattformen, Algorithmen und technischen Infrastrukturen entscheiden darüber, was sichtbar wird und wen es erreicht.

Was haben diese beiden Medienumbrüche gemeinsam und was unterscheidet sie? Können wir gegenwärtige mediale Erzählweisen nutzen, um uns den Paradigmen vergangener und gegenwärtiger Medienumbrüche anzunähern und sie anderen Menschen zugänglich zu machen? Wie entstehen Glaubwürdigkeit und Wahrheit – damals wie heute? Wie verschiebt sich Autorität und wer bestimmt über die Verteilung von Inhalten? Welche Rolle übernehmen technische und soziale Infrastrukturen? Welche Parallelen bestehen zwischen den Umbrüchen von gestern und heute – und welche Chancen eröffnen sich für ein neues und positives Morgen?

Aufgabe

Ausgehend vom Hans-Lufft-Keller recherchieren, konzipieren und entwickeln wir prototypische Exponate, die zum Abschluss in einer kleinen Ausstellung zusammengeführt werden.

In einem dreiwöchigen Kurzprojekt entstehen auf Grundlage der historischen und wissenschaftlichen Recherche kleine mediale Interventionen, die historische Inhalte zugänglich und erfahrbar machen. Dies dient einerseits der Einarbeitung in die Themen der Vergangenheit; andererseits sollen die Interventionen Besuchende einer exemplarischen Ausstellung in das Thema einführen.

Darauf aufbauend werden im Hauptprojekt eigenständige künstlerisch-gestalterische Positionen erarbeitet, die in erzählerische und funktional erfahrbare Prototypen münden. Diese sollen das Thema des Medienumbruchs erfahrbar machen, indem sie gesellschaftliche, technologische und mediale Veränderungen der Vergangenheit mit Fragestellungen des gegenwärtigen Medien- und Gesellschaftsumbruchs in Beziehung setzen.

Die Wahl des konkreten inhaltlichen Gegenstands, der Zielgruppe und der medialen Form bleibt jedem selbst überlassen. Historische Objekte, Drucke, Daten, Orte, Akteur*innen und Netzwerke können ebenso zum Ausgangspunkt werden wie Fragen nach Zensur, Propaganda, Ausgrenzung, Teilhabe, Sprache oder technologischem Wandel.

Die Ergebnisse können analog, digital, räumlich, interaktiv, audiovisuell, immersiv oder hybrid angelegt sein. Möglich sind beispielsweise Installationen, Physical-Computing-Anwendungen, Projektionen, räumliche Interfaces, Games, AR- oder VR-Anwendungen, Datenvisualisierungen, audiovisuelle Erzählungen oder andere experimentelle Vermittlungsformate.

Bestehende Technologien können kombiniert, individualisiert und erweitert werden. Wo es für das jeweilige Konzept erforderlich ist, können eigene Interfaces oder technische Anwendungen entwickelt werden. Entscheidend ist nicht die Verwendung einer bestimmten Technologie, sondern ihr nachvollziehbarer Zusammenhang mit dem Inhalt, der Interaktion und der beabsichtigten Erfahrung für die Nutzenden.

Kooperation

Das Projekt entsteht in Kooperation mit der Lutherstadt Wittenberg und der SALEG. Für die historische und wissenschaftliche Recherche ist eine Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, dem Museum im Zeughaus und der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek Wittenberg vorgesehen.

Eine Exkursion am 7. und 8. Oktober nach Wittenberg soll Einblicke in die Fundstelle, die archäologischen Funde, historische Druckausgaben sowie die Stadt- und Reformationsgeschichte geben. Führungen, Vorträge und Gespräche mit Fachleuten der beteiligten Institutionen unterstützen den Einstieg in die Recherche und begleiten das Projekt auch im weiteren Verlauf.

Für die Entwicklung der Prototypen steht ein gut ausgestattetes Produktionsbudget zur Verfügung. Projektbezogene Produktionskosten können innerhalb des vereinbarten finanziellen Rahmens erstattet werden. Die Inanspruchnahme des Produktionsbudgets setzt voraus, dass die jeweilige Arbeit und ihre Dokumentation durch die Hochschule und die Projektpartner veröffentlicht werden dürfen. Umfang, Form und Urhebernennung werden vor der Veröffentlichung vereinbart.

Ergebnisse und Ausstellung

Zum Abschluss werden die Ergebnisse des Kurses im Projektraum an der BURG im Rahmen der internen MM|VR-Ausstellung präsentiert. Dazu gestaltet der Kurs einen Ausstellungsparcours mit allen entwickelten prototypischen Exponaten. Die Ausstellung wird den Kooperationspartnern im Rahmen einer Abschlusspräsentation vorgestellt und anschließend in der 16. NW filmisch und fotografisch dokumentiert.

Mit der Übergabe der Dokumentation am 31. März 2027 und der abschließenden Kostenerstattung endet das Kooperationsprojekt offiziell.

Nach dem Projektabschluss wird gemeinsam geprüft, welche Arbeiten sich für eine weitere Ausstellung – beispielsweise in der Lutherstadt Wittenberg – eignen. Eine gegebenenfalls im Nachgang stattfindende Weiterentwicklung einschließlich der Präsentation physischer Exponate wird mit den beteiligten Studierenden gesondert abgestimmt und finanziert. Die dafür erforderlichen Vereinbarungen werden ebenfalls gesondert getroffen.

 

Referenzen

Ergänzende medien- und kulturtheoretische Literatur

  • Vilém Flusser: „Die kodifizierte Welt“. In: Vilém Flusser: Medienkultur. Herausgegeben von Stefan Bollmann. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1997, S. 21–28.
  • Paul Gottlieb Kettner: Historische Nachricht von dem Raths-Collegio der Chur-Stadt Wittenberg. Johann Christoph Meißner, Wolfenbüttel 1734, darin der Abschnitt über Hans Lufft, S. 39–45. Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek.
  • Vilém Flusser: Medienkultur. Herausgegeben von Stefan Bollmann. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1997.
  • Marshall McLuhan: Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters. Addison-Wesley, Bonn u. a. 1995.
  • Felix Stalder: Kultur der Digitalität. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.

Weitere historische Literatur wird nach Bedarf von den beteiligten Fachinstitutionen bereitgestellt.

Abgaben

Demovideo, Anwendung, repräsentative Abbildungen, Kurzbeschreibung, Dokumentation

Bei einem Bachelor Abschlussprojekt sind die Präsentation und Dokumentation eigenständige Bestandteile, die gesondert bewertet werden.

Termine

  • 7. - 8. Oktober 2026:   Exkursion nach Wittenberg
  • 9. Oktober 2026:         Einrichtung des Projektraums, (ggf. Exkursion in Halle)
  • 30. Oktober 2026:       Präsentation des Kurzprojekt
  • 1. Dezember 2026:       Zwischenpräsentation (ggf. in Wittenberg)
  • 3. Februar 2027:            Abschlusspräsentation
  • 4. - 5. Februar 2027:     Ausstellung an der BURG

Das reguläre Projektseminar findet Dienstags ganztägig statt. Die 3. und 12. Semesterwoche sind als Kompaktwochen für das Projekt vorgesehen.

Ort: Neuwerk 7, Lehrklassengebäude, Projektraum Schumacher (210)

Anmeldung

_ Beginn der Einschreibung 07. September um 10 Uhr
_ Ende der Einschreibung 27. September um 18 Uhr

Einschreibung über https://www.burg-halle.de/einschreibung-mmvr-projekte
(Benutzernamen st-Nr. und Burg-Passwort)

Anmeldungen von neu immatrikulierten Masterstudierenden, die noch keine Zugangsdaten haben,  bitte per Mail (s. Kontakt) mit Angabe von Erst-, Zweit- und Drittwunsch.

Lern- und Qualifikationsziele

Im Fach „Komplexes Gestalten“ arbeiten BA- und MA-Studierende an denselben Aufgabenstellungen mit den folgenden Zielen:

Multimedia|VR-Design (B.A.)
Im Fach „Komplexes Gestalten“ werden die in den ersten beiden Jahren erlangten Kompetenzen zusammengeführt und beispielhaft an einer komplexen Aufgabenstellung angewendet. Ziel ist es, Lösungsstrategien zu entwickeln, die auf einem tragfähigen Konzept basieren und anhand von Prototypen sowie medientechnisch und gestalterisch eigenständigen Gestaltungsstudien erprobt werden.

Multimedia Design (M.A.)   
MA-Studierende bringen ihre fachspezifischen und erweiterten Kompetenzen (im Besonderem Quereinsteiger) in die Bearbeitung der komplexen Aufgabenstellungen ein und kontextualisieren diese in aktuellen Diskursen. Ziel ist es, im Rahmen der projektorientierten Auseinandersetzung eine individuelle fachliche Vertiefung und fundierte Lösungsstrategie zu entwickeln. Hierfür wird das künstlerisch-gestalterische Vorhaben mit forschungsbasierten Bearbeitungsfeldern weiterentwickelt. Es gilt, die eigene Arbeit unter Anwendung von Methoden künstlerischer Forschung zu einem eigenständigen künstlerisch-gestalterischen Lösungsansatz zu führen.