Lehrangebot

Sinnlichkeit als Praxis*

Sinnlichkeit als Praxis*

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts gewann die Mehrdeutigkeit des Wortes „Sinn“ – als Empfindung, Gefühl, Gedankeninhalt, Zweckbezug oder auch Wert – eine neue praxisphilosophische Schärfe. In den Künsten erweiterte sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Erschließung der sinnlichen Wahrnehmung über eine akademisch-tradierte Materialität und die menschliche Physiologie hinaus verstärkt auf wendige und transdisziplinäre Konstellationen und Installationen und stellte damit auch jeweils provokativ die Sinnfrage.

Vor etwa dreißig Jahren schlug Jean-Luc Nancy in Der Sinn der Welt vor, Sinn konsequent als Sinnlichkeit zu denken: Das Ende einer bestimmten Auffassung von Welt und von Sinn – etwas, das wir heute erleben, meinte er damals – öffne die Praxis des Sinns der Welt: den Sinn der Welt als die sinnliche Praxis, mit der wir uns aufeinander beziehen. Die Kunst, meinte er, „exponiert“, dass die Welt nicht einfach gegeben ist und auch nicht bloß erscheint, sondern gemacht wird. Schon vor Nancy arbeitete Maurice Merleau-Ponty die Körperlichkeit der Welt als Grundkategorie seiner Philosophie heraus und fand – ebenso wie nach ihm Édouard Glissant – im Sinnlichen den Widerstand gegen konsumistische und hegemoniale Aneignungen. Herbert Marcuse argumentierte in den 1960er und 1970er Jahren mit den Begriffen „neue“ beziehungsweise „radikale Sensibilität“, um in der spätkapitalistischen Industriegesellschaft mit all ihren Verführungsangeboten die Frage nach der Möglichkeit eines spezifisch nichtkonsumistischen Zugangs der Menschen zur Welt aufzuwerfen. Die Künste spielten hier eine besondere Rolle.

Lassen sich diese Ansätze in Zeiten des Hyperkapitalismus aus der Perspektive intersektional-feministischer, neumaterialistischer und weiterer Ansätze weiterdenken?

In abwechselnden Sitzungen zwischen Philosophie und Kunstgeschichte und in Bezugnahme auf Texte und Kunstwerke werden wir Sinn und Sinnlichkeit sowie alltägliches und künstlerisches Handeln ausloten. Wir werden Themen wie Berühren, Sympoiesis, Aktivität/Passivität, den Widerstand des Sinnlichen und die Verheißungen einer neuen Sensibilität aus der Perspektive der Gegenwart zur Diskussion stellen.

Künstlerische Positionen u.a. von Marcel Duchamp, Yves Klein, Teresa Margolles, Lygia Clark, Kushi Kurokawa, William Kentridge, Thomas Feuerstein, Lina Lapelyté nehmen wir in den Blick.

In Ergänzung zum Seminar laden wir Gäste ein und schauen exemplarische Ausstellungen an.

* „At one time, practice was considered an application to theory, a consequence; at other times, it had an opposite sense and it was thought to inspire theory (...) For us (...) the relationships between theory and practice are more partial and fragmentary (...) the relationship which holds in the application of theory is never one of resemblance (...) A theorizing intellectual for us, is no longer a subject, a representing or representative consciousness (...) representing no longer exists; there’s only action–theoretical action and practical action which serve as relays and form networks.“ (Michel Foucault, Gilles Deleuze: Intellectual and Power, in: Language, Counter-Memory and Practice. Hg.: Donald F. Bouchard, New York 1977, S. 205 f.)

 

Grundlegende Literatur (Auszüge aus):

  • Emmanuel Alloa: Resistance of the Sensible World: An Introduction to Merleau-Ponty, New York 2017
  • Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2007 [1960]
  • Simone de Beauvoir: The ethics of Ambiguity, New York 2006 [1949] https://www.marxists.org/reference/subject/ethics/de-beauvoir/ambiguity/index.htm
  • Antonia Birnbaum: Mut ohne Heldentum, Berlin 2025
  • Gilles Deleuze: Logik des Sinns, Berlin 1993/2026 [1969]
  • Édouard Glissant: Poetics of Relation, Michigan 1997/2017 [1990] https://monoskop.org/images/2/23/Glissant_Edouard_Poetics_of_Relation.pdf
  • Sophie Gosselin/David Bartoli: Le toucher du monde: techniques du naturer, Bellevaux 2019
  • William Kentridge: In Verteidigung der weniger guten Idee, Sigmund Freud Vorlesung, Wien/Berlin 2017
  • Herbert Marcuse: Versuch über die Befreiung, engl. 1969, Frankfurt/M 1969
  • Maurice Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare, München/Paderborn 1986/2004 [1964]
  • Jean-Luc Nancy: Der Sinn der Welt, Berlin/Zürich 2014 [1991]
  • Marcia Sá Cavalcante Schuback: The Fascism of Ambiguity, London 2022