Lehrangebot

Wut! Zorn, Empörung und Vergeltung in Philosophie, Politik und Kunst

„Singen den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus“, mit diesen Worten beginnt die Ilias. Das älteste überlieferte Epos Europas erzählte bereits vom menschlichen Zorn und seinen Folgen: Achill fühlt sich von Agamemnon gekränkt und zieht sich aus dem Trojanischen Krieg zurück; den Griechen droht deshalb die Niederlage. Auch Aristoteles versteht den Zorn (orgē) als eine Reaktion auf eine erlittene Kränkung (oligōria), gegen die man sich wehren muss und die Vergeltung (timōria) fordert. Kann Wut als politisches Gefühl zum Ausdruck eines berechtigten Widerstands gegen erlittenes Unrecht werden und eine Gemeinschaft zum sozialen Protest mobilisieren? Wo liegen dabei die Grenzen des Zorns?
Diese Fragen beschäftigten schon lange die Ethik und politische Philosophie und sie sind heute erneut hochaktuell: Martha Nussbaum plädierte in ihrem Buch Zorn und Vergebung (2017) für eine Form der „Übergangswut“ (transitional anger), die ohne Rache auskommt. Im Dialog mit Nussbaum entwickelte Céline Leboeuf eine Phänomenologie des Zorns und bezog sich dabei auch auf den dekolonialen Philosophen Frantz Fanon. Myisha V. Cherry untersuchte in ihrem Buch A Case for Rage (2021) den Zorn im Zusammenhang mit racial injustice. In Deutschland erreichte zuletzt Şeyda Kurts Buch Hass. Von der Macht eines widerständigen Gefühls (2023) – gerade auch außerhalb des Hochschulbereichs – viele Menschen.
Kann Zorn gerecht sein? Wie verhält sich Zorn zu Gewalt und Hass? Wie instrumentalisiert ihn das „Wutbürgertum“ in den sogenannten sozialen Netzwerken und auf den Straßen politisch, um nun gegen marginalisierte Gesellschaftsgruppen zu mobilisieren? Und wie lässt sich die eigene Wut transformieren und in künstlerischen Arbeiten produktiv machen? Dies wird uns während des Semesters in gemeinsamen Lektüren von ausgewählten philosophischen Texten, Gedichten und Romanauszügen sowie durch die Diskussion von zahlreichen Beispielen aus Film und Kunst beschäftigen.

  • Dr. Christopher Nixon ist Philosoph und Komparatist und wird im Wintersemester 2026/27 als Gastprofessor für Philosophie an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle unterrichten. Er forscht und lehrt seit 2013 an unterschiedlichen Universitäten und Hochschulen. Zuletzt war er als Senior Fellow an der Kolleg-Forschungsgruppe Zugang zu kulturellen Gütern im digitalen Wandel an der Universität Münster und am Forschungsschwerpunkt Ästhetik der Zürcher Hochschule der Künste tätig. In diesem Jahr co-kuratierte er eine Ausstellung zu dem Schwarzen Künstler Paul Mpagi Sepuya am Fotomuseum Winterthur.

Literatur (Auswahl):

  • Aristoteles. Nikomachische Ethik. 4., durchg. Aufl. Herausgegeben von Günther Bien. Übersetzt von Eugen Rolfes. Philosophische Bibliothek 5. Hamburg: Felix Meiner, 1985.
  • Cherry, Myisha. The Case for Rage: Why Anger Is Essential to Anti-Racist Struggle. Oxford: Oxford University Press, 2021.
  • Engelen, Eva-Maria. „Eine kurze Geschichte von ‚Zorn‘ und ‚Scham‘“. Archiv für Begriffsgeschichte 50 (2008): 41–73.
  • Fanon, Frantz. Schwarze Haut, weiße Masken. Übersetzt von Eva Moldenhauer. Berlin, Wien: Turia + Kant, 2015.
  • Jensen, Uffa. Zornpolitik. edition suhrkamp 2720. Berlin: Suhrkamp, 2017.
  • Kurt, Şeyda. HASS: Von der Macht eines widerständigen Gefühls. Hamburg: HarperCollins, 2023.
  • Leboeuf, Céline. „Anger as a Political Emotion: A Phenomenological Perspective“. In The Moral Psychology of Anger, herausgegeben von Myisha Cherry und Owen Flanagan, 15–30. Moral Psychology of the Emotions. Lanham: Rowman & Littlefield International, 2018.
  • Lorde, Audre. „The Use of Anger“. In „Looking Back, Moving Forward: 25 Years of Women’s Studies History“. Jubiläumssonderausgabe, Women’s Studies Quarterly 25, Nr. 1/2 (1997): 278–85. www.jstor.org.
  • Nussbaum, Martha Craven. „Transitional Anger“. Journal of the American Philosophical Association 1, Nr. 1 (2015): 41–56. doi.org.
  • —. Zorn und Vergebung: Plädoyer für eine Kultur der Gelassenheit. Übersetzt von Axel Walter. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2017.
  • Rawls, John. „The Sense of Justice“. The Philosophical Review 72, Nr. 3 (1963): 281–305. doi.org.
  • Sartre, Jean-Paul. „Skizze einer Theorie der Emotion“. In Die Transzendenz des Ego: Philosophische Essays, 1931–1939, Bd. 1, herausgegeben von Bernd Schuppener, 255–322. Gesammelte Werke in Einzelausgaben: Philosophische Schriften. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1997.
  • Seneca, Lucius Aeneus. De ira: Lateinisch/Deutsch. Herausgegeben von Julia Wildberger. Reclams Universal-Bibliothek 18456. Stuttgart: Reclam, 2014.
  • Walde, Christine und Helmut Hühn. „Wut“. In Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 12, W–Z, herausgegeben von Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel, 1382–90. Basel: Schwabe, 2004.

Verwendbarkeit

Kunst (Diplom): Wahlpflichtmodul Philosophie
MA Kunstwissenschaften: Modul Theorien und Diskurse
Kunst (Lehramt): Wahlpflichtmodul Kunstwissenschaften
Lehramt Kunst (M.Ed.): Modul Kunst- und Designwissenschaften