Lehrangebot

Amerikas Landschaft neu schreiben: Künstlerische Forschung und Widerstand

Das Seminar untersucht Praktiken künstlerischer Forschung mit besonderem Fokus auf Argentinien und, in einem erweiterten Rahmen, auf Lateinamerika insgesamt. Im Mittelpunkt steht die Analyse der Auswirkungen des neo-extraktivistischen Modells in den vergangenen Jahrzehnten. Als historischen Ausgangspunkt nimmt das Seminar die Eroberung der Amerikas, in der sich die Entstehung des Kontinents als Exporteur von Naturressourcen nachzeichnen lässt.

 

Künstlerische Forschung wird dabei als kritische Auseinandersetzung mit den Schnittstellen von Kunst, Umweltkonflikten, Kolonialismus und Extraktivismus verstanden. Ausgehend von historischen und zeitgenössischen künstlerischen Praktiken untersucht das Seminar, wie Künstler*innen auf die sozio-politischen Realitäten reagieren, die durch intensive Rohstoffausbeutung, ihre historischen Wurzeln sowie ihre langfristigen ökologischen und kulturellen Folgen in den Amerikas geprägt sind, und wie sie diese in Frage stellen.

 

Zudem analysiert das Seminar, wie Kunst als Form des Widerstands und der Erinnerungspraxis im Angesicht von Umweltgewalt und territorialer Verdrängung fungieren kann, sowie in welcher Weise künstlerische Praktiken zur Konstruktion und Imagination von Buen Vivir beitragen.*

 

Anhand zentraler Fallstudien und ausgewählter Künstler*innen aus Argentinien und Lateinamerika werden die eingesetzten künstlerischen und forschungsbezogenen Methoden vertieft untersucht, insbesondere im Hinblick auf ihren Umgang mit komplexen, häufig marginalisierten Geschichten von Land und Arbeit sowie den fortwirkenden Vermächtnissen kolonial-extraktivistischer Praktiken.

 

 

* Gutes Leben, im Quechua Sumak Kawsay, bezeichnet ein Ensemble südamerikanischer Perspektiven, das eine radikale Kritik am westlichen Entwicklungsparadigma sowie an der Kolonialität von Macht und Wissen formuliert und dabei die Verteidigung der Pachamama (Natur bzw. Mutter Erde) in den Mittelpunkt stellt. Als Sammelbegriff sucht dieses Konzept nach Alternativen zur westlichen Vorstellung von Entwicklung, indem es indigene Traditionen und Kosmovisionen mit kritischen Ansätzen innerhalb der westlichen Moderne selbst verbindet.

 

 

Ziele des Seminars:

 

  • Ein Verständnis des Neo-Extraktivismus zu entwickeln, einschließlich seiner Wurzeln in der Kolonialgeschichte, seiner Beziehung zum Globalen Norden sowie seiner anhaltenden Auswirkungen auf Lateinamerika aus der Perspektive der Kunst. Dies umfasst die Analyse der ökologischen, sozialen und politischen Folgen der Rohstoffausbeutung und ihrer Spiegelung in künstlerischen Praktiken.
  • Konkrete künstlerische Projekte, die sich mit diesen Themen befassen, kritisch zu analysieren und zu untersuchen, wie sie zur kollektiven Erinnerung, zu Widerstandsformen und zur Neuimagination alternativer Zukünfte beitragen.
  • Künstlerische Praktiken als Werkzeuge zur Auseinandersetzung mit territorialen Kämpfen, kultureller Resilienz und Politiken der Umweltgerechtigkeit zu verstehen und zu diskutieren.
  • Verschiedene Methoden zu untersuchen, die Künstler*innen einsetzen – wie Gehen, Kartieren, Archivieren, Zeichnen und kollaborative Praktiken –, um die Verbindungen zwischen Erinnerung, Geschichte und Ökologie zu erforschen.
  • Zu analysieren, wie künstlerische Praktiken bestehende Lebens-, Arbeits- und Beziehungsweisen zu Land und Ressourcen reflektieren oder alternative Formen vorschlagen und wie sie Zukunftsentwürfe entwickeln, die ökologisches Gleichgewicht, gemeinschaftliche Fürsorge und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellen.

 

 

Ausgewählte Literatur:

 

  • Gudynas, Eduardo, Buen Vivir. Das Gute Leben jenseits von Entwicklung und Wachstum, Berlin: Rosa-Luxemburg-Stiftung – Analysen, 2012.
  • Galeano, Eduardo, Die offenen Adern Lateinamerikas. Die Geschichte eines Kontinents, Wuppertal: Peter Hammer Verlag, 2021 (spanische Erstausgabe 1971).
  • Svampa, Maristella, Die Grenzen der Rohstoffausbeutung, Bielefeld: University Press, 2020.
  • Das Potosí-Prinzip: Wie können wir das Lied des Herrn im fremden Land singen?

Köln: Verlag der Buchhandlung Walter König, 2010.

 

  • Bridget Crone, Sam Nightingale, Polly Stanton, Fieldwork for Future Ecologies. Radical Practice for Art and Art-based Research, Eindhoven: Onomatopee Projects, 2024.
  • Molinari, Eduardo, Walking Archives: The Soy Children, Wivenhoe, New York, Port Watson: Minor Compositions, 2012.
  • Moraga, Marcela, Neither species nor species, Chronicle of Patagonia, Amsterdam: Ediciones Popelet, 2019.

 

 

Kurzbiographie:

 

Julia Mensch (Buenos Aires, 1980) ist eine schweizerisch-argentinische bildende

Künstlerin und Forscherin, die in Berlin wohnt. Sie studierte an der Universidad Nacional de las Artes in Buenos Aires sowie in der Klasse von Hito Steyerl an der UdK Berlin. Sie war künstlerische Doktorandin im vom SNSF geförderten Projekt Plants_Intelligence. Learning Like a Plant (2022–2025) am Institute Art Gender Nature der FHNW Basel und schließt derzeit ihre Promotion an der Bauhaus-Universität Weimar ab. Ihr praxisorientiertes Promotionsprojekt mit dem Titel „Amaranth als politischer Akteur“ befasst sich mit der Intelligenz und der politischen Handlungsfähigkeit von Amaranth, einer in Amerika heimischen Pflanze. Ihre Samen wurden von indigenen Völkern trotz des Verbots durch die spanischen Kolonisatoren bewahrt, und heute ist sie das am weitesten verbreitete glyphosatresistente Unkraut, das auf gentechnisch veränderten Monokulturfeldern wächst. Mensch nahm an internationalen Ausstellungen teil, unter anderem bei SAVVY Contemporary und NGBK (Berlin), dem Museo Nacional de Grabado (Buenos Aires), Shedhalle (Zürich), Kunsthalle Appenzell, Sesc_Videobrasil Biennale (São Paulo) und BienalSur. Sie wurde von Pro Helvetia, dem DAAD, dem Berliner Senat für Kultur, der Robert Bosch Stiftung und dem Fondo Nacional de las Artes (Argentinien) u. a. gefördert. Ihre Arbeit verbindet Text, Zeichnung, Installation, Video und Lecture-Performance und konzentriert sich auf die Geschichte des Sozialismus und Kommunismus sowie auf umweltbezogene soziopolitische Konflikte in Lateinamerika, wobei sie die ausbeuterischen Bedingungen von Land und Lebewesen seit der Kolonialisierung und im Zuge des Neo-Extraktivismus thematisiert.