Lehrangebot

An die Substanz des bauhauses. Gibt es Fragen?

Und wieder feiern wir ein Bauhausjubiläum! Vor ziemlich genau 100 Jahren verließ „das bauhaus“ mit vielen Lehrenden und Schüler*innen Weimar und bezog im Dezember 1926 das von Walter Gropius entworfene und seit 1925 in Bau befindliche Bauhausgebäude in Dessau. Jubiläen geben Anlass zu Ausstellungen, gebündelt werden sie in diesem Jahr unter dem gemeinsamen Titel „An die Substanz. Bauhaus Dessau 100“. „An die Substanz“ meint in diesem Fall recht buchstäblich „die Substanz“ der Gebäude. Im Falle der Ausstellung in den historischen Bauten des Dessauer Bauhauses bzw. in dessen gläsernem Werkstattflügel, sind dies die titelgebenden Materialien „Glas / Beton / Metall“. Anliegen der Ausstellungsmacherinnen ist dabei ein doppeltes: Einerseits gilt der analytische Blick der engen Verflechtung des Bauhauses mit der Industriegeschichte des 20. Jahrhunderts. Dies bedeutet, dass der genaue Blick auf die verwendeten Materialien zugleich ein Nachdenken über deren wirtschaftliche und technologischen Grundlagen mit einschließt. Andererseits öffnet sich so der Wahrnehmungshorizont auch auf die „schmutzige Kehrseite“ des neuen Materialgebrauchs: Rohstoff- und Energieknappheit, Ressourcenverschwendung, Klimakrise und drohende Handelskriege. Das tangiert uns direkt, hört sich vertraut an und gehört selbstverständlich kritisch reflektiert.

Ergänzt wird dieser Ausstellungsteil durch eine weitere Ausstellung im ehemaligen Kaufhaus Zeeck. Die thematisierten Substanzen „Algen / Schutt / CO2“ sind Materialien, die für die Gestaltung möglicher Zukünfte bedeutsam sind. Einblick wird hier in alternative Arten des Bauens gegeben: mit Lehm, Myzelien, Algen und lehm-, basalt-, flachs- und reststoffbasierten Geopolymerbeton. Beiden Ausstellungen gemeinsam ist die bereits seit mehreren Jahren angemahnte „kritische Auseinandersetzung“ mit dem Bauhaus und seiner durchaus auch ambivalenten Geschichte. Verwiesen sei hier lediglich auf Ansätze aus der feministischen Geschlechterforschung, die nicht nur Biografien und Leistungen von Lehrerinnen und Schülerinnen bekannt, sondern zugleich auch die systematische Diskriminierung von Frauen am Bauhaus sichtbar gemacht haben. Oder auf jüngste Forschungen, die insbesondere anhand der Biografien ehemaliger Lehrer*innen und Schüler*innen die „Nachgeschichte“ des Bauhauses nicht nur im Exil, sondern gerade auch im Nationalsozialismus thematisieren. In den diesjährigen Jubiläumsausstellungen steht nun eine kritische Revision der Materialgeschichte in der Moderne im Fokus.

An die Substanz des Bauhauses im übertragenen Sinn des Wortes gehen in jüngster Zeit eingebrachte Beschlussanträge und gehaltene Reden im Landtag von Sachsen-Anhalt. Der Erkenntnisgewinn aus diesen Eingaben ist in erster Linie rhetorischer bzw. ideologischer Natur. Der Sprachgebrauch „Irrweg der Moderne“ lässt sich unmittelbar auf Denkansätze Paul Schultze Naumburgs zurückführen und somit auf einen Architekten, der seine theoretischen Überlegungen mit rassistischen Ideologemen verband. Unreflektierte Verallgemeinerungen wie „Bauhaus-Stil“ oder polemisierend vorgetragene ästhetische Urteile wie „Verschandelung“ oder „Einheitsbrei“ lassen Rückschlüsse zu auf mangelhafte kunst- design- und architekturhistorische Kenntnisse, auf die entkontextualisierte Vermischung historisch zu differenzierender Diskurse (wie beispielsweise der Funktionalismuskritik Adornos oder der Formalismusdebatte in der DDR) und auf große Arroganz und somit Ignoranz gegenüber mannigfaltigen Lösungsansätzen im sozialen Massen- und Mietwohnungsbau wie beispielsweise im Plattenbau der DDR.

Im Wissen darum, selber in einer spezifischen historischen Situation zu leben, die u.a. durch politische Polemik geprägt ist, wollen wir uns in dieser Woche die Zeit nehmen, uns in Texte einzulesen, uns die Bauhausgebäude in Dessau und die Jubiläumsausstellungen anzuschauen und uns gemeinsam hinzusetzen und über Gelesenes, Gesehenes und Erfahrenes auszutauschen. Je nachdem sollten am Schluss kleine Reden zum Thema entstehen: „An die Substanz des bauhauses. Gibt es Fragen?“