NEULAND
– Exploring future potentials and risks of plant sciences for environmental regeneration –
Unsere Gegenwart ist geprägt von tiefgreifenden ökologischen und gesellschaftlichen Umbrüchen. Sieben von neun planetaren Belastungsgrenzen gelten als überschritten(1), während gewohnte gesellschaftliche und demokratische Strukturen rissig werden. In diesem Spannungsfeld nimmt die Landwirtschaft eine ambivalente Rolle ein: Sie ist Grundlage menschlicher Existenz, Hoffnungsträgerin für nachwachsende Rohstoffe und trägt zugleich wesentlich zu Umweltbelastungen u.a. durch Landnutzung, Versauerung und Biodiversitätsverlust bei.
Gleichzeitig eröffnen aktuelle Entwicklungen in den Pflanzenwissenschaften – insbesondere neue biotechnologische Verfahren im Bereich der Gentechnik – weitreichende Möglichkeiten für die Gestaltung zukünftiger Lebensräume und Lebewesen. Genome Editing und Synthetische Biologie verändern durch Technologien wie CRISPR Züchtungsprozesse, indem pflanzliche Eigenschaften gezielt und dadurch in enorm gesteigerter Geschwindigkeit genetisch verändert werden können. Pflanzen können so – schneller und einfacher als durch konventionelle Züchtungsmethoden – nicht nur klimaangepasster, trockenheitsresilienter oder ertragreicher werden, sondern auch neuartige Eigenschaften erhalten. Zusätzlich katapultiert KI die Möglichkeiten von Genome Editing nochmals in andere Dimensionen.
Diese Entwicklungen in den Pflanzenwissenschaften gehen mit politischen und regulatorischen Neuordnungen einher: Ende 2025 beschloss die EU eine Reform des Gentechnikrechts, die bestimmte mit CRISPR gezüchtete Pflanzen konventionellen Züchtungen gleichstellt und die Kennzeichnungspflicht für daraus hergestellte Lebensmittel aufhebt, während Saatgut weiterhin gekennzeichnet wird. Das neue Regelwerk soll ab 2026 in Kraft treten und verdeutlicht, dass biotechnologische Innovationen zunehmend als Bestandteil zukünftiger Agrar- und Nachhaltigkeitsstrategien verstanden werden.
Genau in diesem Moment, in dem Genome Editing von Pflanzen durch neue Gesetze und KI einen Aufwind erfahren, und die planetaren Umstände kaum alarmierender sein könnten, stellt sich die Frage, welche Wirkungen und Auswirkungen diese Technologien tatsächlich haben können und wer an der Entwicklung mitwirkt.
Wie können die Potenziale voll ausgeschöpft werden, um eine Versorgung mit regionalen, pflanzlichen, nachhaltigen Lebensmitteln zu gewährleisten und um wichtige alternative Rohstoffe zu erschließen, ohne bestehende Probleme zu reproduzieren? Wertschöpfungsketten und Materialströme müssen neu gestaltet werden, um Ökosysteme zu regenerieren und um lebenswerte und nachhaltige Zukünfte zu entwerfen.
Im Zentrum dieses Projekts stehen daher nicht allein Effizienzsteigerung, Ertragsoptimierung oder Klimaresilienz, sondern Fragen nach Biodiversität, alternativen landwirtschaftlichen Praktiken und der Gestaltung komplexer ökologischer Systeme im interdisziplinären Austausch. Welche neuen Handlungsspielräume entstehen, wenn pflanzenbiotechnologische Innovationen als Teil kultureller, sozialer und ökonomischer Zusammenhänge gedacht werden?
Diesen Fragen gehen wir im Projekt NEULAND gemeinsam mit unserem Kooperationspartner Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) nach. Das IPK ist ein führendes Institut im Bereich der Pflanzengentechnik und Züchtungsforschung und liefert die analytische und technologische Grundlage für das Projekt.
Ziel des Semesterprojektes ist die Entwicklung von Anwendungsszenarien für vielfältige mögliche Zukünfte, basierend auf den Möglichkeiten der Pflanzenforschung. Diese sollen sowohl veränderte pflanzliche Eigenschaften als auch neue Vorstellungen von Natur und Kultur, Produktion und Konsum, Wirtschaft und Gesellschaft miteinander verknüpfen.
Über die Produkt- und Anwendungsszenarien hinaus liegt ein zweiter Schwerpunkt des Projektes im Diskurs. In Form einer Ausstellung sollen die Anwendungsszenarien in ihrer Vielschichtigkeit visuell, haptisch oder interaktiv erfahrbar werden. Ein Diskursforum soll Raum für Offenheit und Kontroversen mit der Öffentlichkeit schaffen.
Schlussendlich laden wir dazu ein, jenseits vereinfachter Schwarz-Weiß-Narrative neue Perspektiven auf pflanzenbasierte Innovationen und wünschenswerte Anwendungsszenarien zu entwickeln.
Das Projekt ist untergliedert in drei Untersuchungfelder, die als Startpunkt fungieren und aus denen dann verschiedene Anwendungsszenarien entstehen:
Feld 1 Power Plants
Pflanzen wachsen zu funktionalen Produkten, lebenden Strukturen und adaptiven Lebensräumen. Sie eröffnen völlig neue Möglichkeiten für Ökosysteme und menschliche Nutzung.
Das erste Untersuchungsfeld beschäftigt sich mit den Möglichkeiten, die Eigenschaften von Pflanzen gezielt zu verändern und Pflanzen sogar nicht-pflanzliche Eigenschaften zu geben.
Was wäre, wenn Architekten die DNA von Samen programmieren könnten und Pflanzen zu Wohnräumen wachsen könnten, die nur lokale Ressourcen für ihr Wachstum verwenden und sich selbst reparieren und anpassen? Was wäre, wenn Pflanzen Drohnen rufen könnten? Was wäre, wenn Pflanzen mobil wären? Was wäre, wenn Pflanzenteile zu fertigen Produkten heranwachsen würden?
Wo können wir die besonderen Eigenschaften von Pflanzen nutzen, verstärken oder verändern? Oder sind Pflanzen schon super smart und müssen überhaupt nicht mehr verbessert werden?
In diesem Untersuchungsfeld entwerfen wir konkrete Szenarien und konkrete Pflanzen, die uns Menschen helfen, Klimaprobleme, Rohstoffabhängigkeiten, Biodiversitätsverluste etc. langfristig zu reparieren und DNA als zukunftsweisendes Gestaltungsmittel zu begreifen.
Feld 2 Mutual Bloom
Natur und Kultur verschränken sich. Menschen, Pflanzen, Mikroorganismen und Technologie interagieren in vernetzten Systemen. Ökosysteme werden als dynamische, kooperative Lebenswelten gestaltet, in denen alle Akteure gemeinsam agieren.
Das zweite Untersuchungsfeld widmet sich dem Verhältnis von Natur und Kultur sowie den daraus entstehenden Möglichkeiten und Grenzen der Pflanzenwissenschaften.
Auch wenn die Veränderung von Genen als auch der Austausch von Genen über Artengrenzen hinweg etwas grundlegend Natürliches ist (siehe Viren, Agrobakterien, Evolution…) stellen die neuesten Entwicklungen im Bereich des Genome Editing (CRISPR) durch ihre Gezieltheit eine neue Dimension dar, da die Gestaltungsmöglichkeiten von weit größerem Ausmaß scheinen als zuvor. Welches Selbstverständnis haben und entwickeln wir daraus? Verstehen wir uns als Gestalter der Pflanzenwelt und Schöpfer neuen Lebens? Oder sind wir Sklaven des Weizens? (2)
Was wäre, wenn wir Pflanzen in Entscheidungsprozesse “einbeziehen”, Wachstum und Produktion als vernetztes System verstehen oder KI in die Gestaltung von Ökosystemen eingreift?
Im Zentrum steht die Frage, welche Formen mutualistischer Zusammenarbeit zwischen Mensch, Pflanze, Mikroorganismen und technischen Systemen denkbar sind und wie Kultivierungssysteme aussehen könnten, in denen andere Organismen als Kooperationspartner*innen verstanden werden.
Vor diesem Hintergrund fragen wir uns beispielsweise, unter welchen Bedingungen gentechnisch veränderte oder kultivierte Pflanzen in der freien Natur wachsen sollen und welchen Mehrwert sie für Ökosysteme und Gesellschaft entfalten können. Zugleich untersuchen wir, wo kontrollierte Anbausysteme wie Gewächshäuser, Aquaponik oder Bioreaktoren sinnvoll sind – und wo sie durch Energieverbrauch, Ressourcenbindung oder die Entkopplung natürlicher Kreisläufe neue Probleme erzeugen.
Feld 3 Regional Futures
Regionale Chancen entfalten und gestalten. Aus ökologischen und wirtschaftlichen Potenzialen wachsen regenerative Landschaften, nachhaltige Produktionssysteme und zukunftsfähige Perspektiven für Sachsen-Anhalt.
Als Ausgangspunkt richtet das dritte Themenfeld den Fokus auf regionsspezifische Zusammenhänge. Wir fragen uns, wie unsere Umgebung zu einem Gestaltungsraum werden kann, in dem ökologische Verantwortung, technologische Innovation und wirtschaftliche Entwicklung zusammen gedacht und praktisch erprobt werden.
Wie sieht die Pflanzenlandschaft Sachsen-Anhalts der Zukunft aus? An welcher Stelle helfen uns die Möglichkeiten der Pflanzenbiotechnologie dabei, mit regionaler Flora und Fauna regenerativ zu wirtschaften? Wie können Arbeitsplätze und langfristige Perspektiven für Menschen geschaffen werden, welche in nicht mehr existenten oder sich stark wandelnden Industrien beschäftigt sind? Wie können neue Geschäftsmodelle in der Landwirtschaft und Ressourcengewinnung lokal gedacht und partizipativ entwickelt werden sowie identitätsstiftend wirken?
Vor diesem Hintergrund lenken wir unseren Blick auf regionale pflanzenkultivierungsrelevante und ökologische Gegebenheiten, wie beispielsweise die einzigartigen Bodentypen Sachsen-Anhalts, und ebenso auf gesellschaftliche Herausforderungen der Region wie z.B. die Unzufriedenheit mit der politischen Effektivität und eine Schwächung des demokratischen Rückhalts (3) sowie Kommunen, die von Abwanderung und Alterung betroffen sind. (4) Gleichzeitig bestehen in der Region bereits einzigartige Infrastrukturen für zukunftsweisende Entwicklungen in der Bioökonomie. Dazu gehören unter anderem traditionelle Infrastrukturen in den Bereichen Chemie und Lebensmittelproduktion, fruchtbare Agrarräume, der Ausbau erneuerbarer Energien, sowie eine starke Forschungslandschaft. Damit verfügt die Region über besondere Voraussetzungen, den wirtschaftlichen Strukturwandel, aber auch gesellschaftliche und ökologische Transformationen voranzutreiben.
Aufgabe – zusammengefasst –
Die Aufgabe besteht darin, in interdisziplinären Teams die aktuellen und zukünftigen Potenziale der Pflanzenforschung in konkrete, visionäre, realistische und kritische Anwendungsszenarien zu übersetzen. In den Szenarien sollen pflanzenbasierte Produkte, Materialien und Prozesse eine gleichermaßen zentrale Rolle spielen wie die Einbeziehung sozialer, technologischer, ökologischer, ethischer und ökonomischer Aspekte. Die Szenarien sollen nicht abstrakt bleiben, sondern in Form eines Prototyps sichtbar und erfahrbar werden. Die Prototypen dienen als Ausstellungsobjekte und bilden eine haptische und visuelle Grundlage, um am öffentlichen Diskurs mitzuwirken. Wichtig ist eine reflektierte, kritische Einordnung der eigenen Entwürfe und eine verantwortungsvolle Gestaltung technologischer Entwicklungen. Die Realisierung dieser übergreifenden, diskursorientierten Ausstellung ist Teil des Projektes.
Highlights der Vorgehensweise:
- Eingebettet in das laufende Forschungs- und Diskursprojekt NEULAND gefördert durch das BMFTR
- In dem Projekt wird naturwissenschaftliche (IPK) und gestalterische (BURG) Expertise kombiniert. Die Anwendungsszenarien werden in interdisziplinären Teams bestehend aus BURG-Studierenden und PhDlern/Post-Docs des IPK gemeinsam entwickelt.
- Teambildung und Ideenfindung erfolgen nach einer gemeinsamen Input-Phase, die auch Formate zum gegenseitigen Kennenlernen und zum thematischen Einstieg in die biotechnologischen Forschungsfelder des IPK beinhaltet.
- Im Rahmen eines Symposium wird die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Gestaltung im Kontext biotechnologischer Potenziale und Risiken diskutiert.
- Durch externe Expertisen werden ethische Perspektiven beleuchtet.
- Die Umsetzung der Prototypen und Ausstellungsobjekte erfolgt in den Werkstätten/Labs der BURG; begleitende Versuchsreihen können ggf. in den Laboren des IPK stattfinden.
- Die entstehenden Arbeiten sind Teil einer umfassenden Ausstellung (evtl. im Rahmen der re:publica oder des Futurium), die es ermöglicht, die komplexen Fragestellungen zu diesen Pflanzenbiotechnologien und deren gesellschaftlichen Auswirkungen für die Öffentlichkeit diskussionsfähig zu machen.
Besondere Kompetenzen, die vermittelt werden:
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit
- Kritischer und zukunftsweisender Umgang mit neuen Technologien
- Einblick in komplexe Themen wie Genome Editing oder Synthetischer Biologie – nicht nur analytisch, sondern auch kritisch, gestalterisch und gesellschaftlich reflektiert
- Das IPK dient dabei als Ansprechpartner für wissenschaftliche und technologische Grundlagen. Niemand muss im Rahmen des Projekts zum Biotechnologen oder zur Biotechnologin werden – vielmehr entsteht der Mehrwert gerade aus der engen Kooperation zwischen den Forschungspartnern.
- Mitwirkung in multiperspektivischen, partizipativen Prozessen
- Entfaltung der eigenen Rolle als Gestalter*in und Kommunikation dieser
Termine & Anforderungen:
- Exkursion (23.03-26.03) / Workshopwochenende beim IPK (27.-29.03.2026)
- Teilnahme am Modul ACGT* von Falko Matthes
- die Kommunikation mit dem IPK wird weitestgehend in Englisch erfolgen
- Jahresausstellung (18./19.07.2025)
- Ausstellung Frühjahr/ Sommer 2027, z.B. im Rahmen der „re:publica” oder im „Futurium”
- Zustimmung, dass die Ergebnisse Open Access unter einer geeigneten Lizenz bspw. CC-Lizenz verfügbar gemacht werden und so kostenfrei von Dritten genutzt werden können. (Vertrag vorab)
__________________________________________________________________________________
"Im Fach „Komplexes Gestalten“ arbeiten BA- und MA-Studierende an denselben Aufgabenstellungen mit den folgenden Lern- und Qualifikationszielen:
Bachelor:
Im Bachelor werden in dem Modul Komplexes Gestalten die verschiedenen in den ersten beiden Jahren erlangten Kompetenzen zusammengeführt und an einer komplexen Aufgabenstellung angewendet. Ziel ist es, Entwurfsstrategien zu entwickeln, die auf fundierten Konzepten basieren und einen experimentellen, konstruktiven und gestalterisch durchdachten Beitrag im Industriedesign leisten.
Master:
Im Master Komplexes Gestalten findet im Rahmen einer projektorientierten Auseinandersetzung eine individuelle Vertiefung statt. Hierfür werden künstlerisch-gestalterische Vorhaben mit forschungsbasierter Recherche weiterentwickelt. Der Output im Master ist umfangreich, komplex, stark durchdrungen in der Recherche und präzise in Kritik und Relevanz eines zeitgemäßen Beitrags zum Industriedesign.
__________________________________________________________________________________
(1) Planetaren Grenzen nach www.stockholmresilience.org
(2) Yuval Noah Harari, David Vandermeulen, Daniel Casanave „Sapiens. Die Falle“C.H.Beck, München 2021
(3) lpb.sachsen-anhalt.de
(4) Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Raumordnungsprognose 2045




















