Lehrangebot

"Critical Futuring" – Wie wir leben wollen

Wer bestimmt die Technologieentwicklung und wer kämpft um die Deutungshoheit? Wie denken, sprechen und gestalten wir unsere technologische Zukunft? Wer schreibt vor, wofür Technologie entwickelt wird und wie schreiben sich politische Ideologien in Technologien ein? 

Das Seminar widmet sich kritisch gegenwärtigen Zukunftsentwürfen. Am Beispiel von KI-Technologien fragen wir, wie unterschiedliche Interessengruppen diese Technologien konzipieren, implementieren und damit Politik, Governance und Alltagspraktiken prägen – und wie sich diese Imaginationen kritisch befragen und womöglich produktiv verändern lassen.

Ausgehend von den Critical Future Studies (Godhe & Goode 2017) untersuchen wir nicht die eine Zukunft im Singular, sondern die Vielzahl möglicher Zukünfte – und die gesellschaftlichen Diskurse, Vorstellungen und Praktiken, die sie hervorbringen. Zentral ist dabei das Konzept der „soziotechnischen Imaginationen" (Jasanoff & Kim 2015): kollektiv geteilte, institutionell stabilisierte Vorstellungen einer wünschenswerten Zukunft, die eng mit gesellschaftlichen Werten, Normen und Institutionen verwoben sind. Ohne der Falle des Chronozentrismus zu erliegen – der Annahme, die eigene Zeit sei stets außergewöhnlich –, nehmen wir die Dringlichkeit der gegenwärtigen Lage ernst: Klimawandel, ökologischer Kollaps, politische Polarisierung sowie anhaltende Kriege und humanitäre Krisen erfordern eine aktive Auseinandersetzung mit Zukunftsgestaltung. KI-Technologien sind an diesen Entwicklungen als ressourcenintensive, machtvolle und potenziell überwachungsfördernde Technologien maßgeblich beteiligt, werden aber zugleich als Werkzeuge gehandelt, die positiv zum sozialen Wandel beitragen können. Eine fundierte Kritik an technologischem Solutionismus soll uns dabei nicht blind machen für diese Möglichkeiten, aber wir wollen diese Narrative auch kritisch hinterfragen.

Dabei geht es nicht um die bloße Analyse des Status quo. Im Sinne eines „Design Turns" – der Bewegung der Geisteswissenschaften von der Analyse von Ideen zur Analyse und schließlich Gestaltung kultureller Praktiken – wollen wir aktives World-Building betreiben: Gegen die Alternativlosigkeit, die uns der „kapitalistische Realismus“ (Fisher 2009) suggeriert, und gegen das Gefühl der „digitalen Resignation“ (Draper & Turow 2019), die uns angesichts autoritärer Technologieaneignung an unserer eigenen Gestaltungsmacht zweifeln lässt. Stattdessen wollen wir gemeinsam Zukunftsvisionen entwerfen, befragen und gestalterisch bearbeiten. Ziel ist es, alternative Vorstellungswelten zu entwickeln, die auf aktuelle Überwachungsregime und autoritäre Tendenzen der Technologieentwicklung reagieren und Beiträge zu einer gerechteren, gleichberechtigteren und transparenteren Gesellschaft entwickeln.

Das Seminar richtet sich an Studierende mit Interesse an Zukunftstheorie, Techniksoziologie und Designtheorie, die Lust haben, gestalterisch-spekulativ zu denken, Zukunftsentwürfe kritisch zu hinterfragen und die bereit sind, sich mit anspruchsvollen theoretischen Texten vornehmlich in englischer Sprache auseinanderzusetzen.