Lehrangebot

Moderne Formgebung, „fremde Artefakte“?

Was haben ethnografische Sammlungen mit Gestaltung zu tun? Die meisten Designer*innen und sicherlich auch einige Designwissenschaftler*innen würden möglicherweise sagen „fast nichts bis nichts“. Vielleicht würden sie noch Anmerkungen zu kultureller Aneignung hinterher schieben. Dass „außereuropäische Kulturgüter“ (Iselin 2012), die wir heute hauptsächlich in ethnografischen Sammlungen zu finden glauben, ganz im Gegenteil sehr viel mit moderner Formgebung zu tun haben, ist weniger bekannt. Selbst post- und dekoloniale Ansätze arbeiten die grundsätzlichen Verflechtungen zwischen beiden kaum heraus. Kritisches Design erlaubt sich selten eine Perspektive der longue durée, die durch historische Ansätze ermöglicht werden könnte. Tatsächlich gab es in der Designwissenschaft noch kein reckoning mit dem „Primitivismus“, wie es in der Kunstwissenschaft die kontroverse Ausstellung Primitivism in 20th Century Art: Affinity of the Tribal and the Modern im Museum of Modern Art 1985 für ein breiteres Publikum eingeläutet hat. Somit wird auch verkannt, wie tief die gemeinsamen Wurzeln reichen und dass es moderne Formgebung schlicht ohne eine in den Kolonisierungen fußende, gestalterische Auseinandersetzung mit diesen „fremden Artefakten“ schlicht nicht geben würde. Dass viele Objekte, die wir heute in Völkerkundemuseen und dergleichen sehen, als Beispiele für Mustersammlungen für die Industrie und das Kunstgewerbe nach Europa kamen und eben nicht primär für ethnografische Wissensproduktion, ist in Vergessenheit geraten und findet trotz Regula Iselins ausführlichem Werk (2012) zu diesem Thema immer noch wenig Beachtung. So ist es sehr selten Teil gelehrter und veröffentlichter Designgeschichte und so kann es auch sein, dass nicht weit von der BURG Giebichenstein ein Museum steht, dass beides unter einem Dach vereint und doch diese Gemeinsamkeit kaum reflektiert: Das GRASSI-Museum. Es beherbergt sowohl ein Museum für Völkerkunde, als auch für Angewandte Kunst.

 

In diesem Seminar werden wir uns mit diesem Ort auseinandersetzen und so einen wichtigen, verdrängten und doch so offensichtlichen Strang der modernen Formgebung hinterher spüren. Dabei stellen wir uns auch die Frage, inwiefern kritische Gestaltungsansätze in diesen Raum eingreifen könnten, um diese Verbindungen darzustellen. Da dieses Seminar mit dem Symposium Ruptures and Reckonings: A Decade of Critical Design (15.–16. Mai 2026) im Dialog steht und sich zu einigen Beiträgen direkte Verbindungen ergeben, ist die Teilnahme an diesem Symposium für mindestens einen Tag Pflicht.

 

Iselin, Regula. 2012. Die Gestaltung der Dinge: Aussereuropäische Kulturgüter und Designgeschichte. Berlin: Reimer.

 

Lern- und Qualifikationsziele BA und MA: Um die Lern- und Qualifikationsziele zu erreichen, werden vorzugsweise Gruppenpräsentationen in Referatsform (oder vergleichbar) erwartet. Eine zusätzliche schriftliche Hausarbeit kann nach Absprache erarbeitet werden. Sie umfasst in der Regel ein Volumen von bis zu 10 Seiten.

Lern- und Qualifikationsziele MA Design Studies: Um die Lern- und Qualifikationsziele zu erreichen werden neben der verpflichtenden Präsentation in Referatsform (oder vergleichbar) eine zusätzliche, schriftliche Hausarbeit erwartet. Sie umfasst in der Regel ein Volumen von bis zu 20 Seiten.