Freitag, 06. November 2026, 10 – 18 Uhr
Panel 1 Kollaborative Perspektiven
Auftakt
- Fredericke Winkler, Berlin—Das Werk als Prozess: Autorschaft zwischen Nutzung und Weitergabe
Was passiert, wenn nicht das Original, sondern die gemeinsame Nutzung, Weiterentwicklung und Weitergabe eines Werks im Mittelpunkt steht? Die Keynote beleuchtet ein verändertes Verhältnis zwischen Autor und Werk, in dem Autorschaft weniger als individuelles Eigentum und mehr als Verantwortung für kollektive Gestaltungsprozesse verstanden wird. Am Beispiel textiler Praktiken fragt sie, wie regionale Netzwerke nachhaltige Formen des Gestaltens, Produzierens und Nutzens schaffen können, die auf gemeinschaftlichem Wissen, geteilter Verantwortung und alltäglicher Praxis beruhen.
Fredericke Winkler ist Mode- und Textildesignerin, Journalistin und Wissenschaftlerin. Bis 2025 war sie Studiendekanin des Masterstudiengangs „Sustainability in Fashion and Creative Industries“ an der AMD Akademie Mode & Design in Berlin. Seit September 2025 ist sie Head of Brand bei der Einrichtungstextilmarke Villa Nova, die zur Romo Group in Großbritannien gehört. Ihre aktuelle Doktorarbeit an der Universität der Künste in Berlin befasst sich mit kollektiver Autorschaft am Beispiel textiler Gestaltung. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Einblicke in regionale Netzwerke
- Textilport - Mona Reich und Franka Skrabak, Halle Saale—Gemeinsam mehr bewegen - ein Netzwerk für textile Kompetenzen
Die Mitgründerinnen des Netzwerkes textilport geben einen Einblick in die Entstehungsgeschichte und bisherige Arbeit des Netzwerkes. Textilport ist ein von der Europäischen Union gefördertes Netzwerk für Sichtbarkeit, Vermittlung und Bündelung textiler Kompetenzen. Gemeinsam werden im Netzwerk Projekte realisiert, Produkte entwickelt, Ausstellungen und Kurse umgesetzt, sowie Made-to-measure Aufträge bearbeitet. Dadurch entsteht eine Verbindung aus textilem Know-how und wirtschaftlicher Zusammenarbeit.
Franka Skrabak ist für die Projektverwaltung im Netzwerk Textilport zuständig. Sie ist Modedesignerin und Inhaberin des Labels Skrabak- exclusive green fashion.
Mona Reich ist Projektmanagerin im Netzwerk Textilport und Gründungsmitglied von atelier savvy. Als Freischaffende Textildesignerin ist auf Gewebeentwicklung spezialisiert.
- Nicole Kiersz, Hamburg—Mit wenig viel - Vom KleinWERKzeug zum starken NetzWERK
Wie entsteht lebendige textile Vermittlung, wenn Räume nur aus Tischen und Stühlen bestehen? Der Beitrag zeigt anhand eines VHS-Kurses und des Projekts MischMaschen auf der Veddel, wie flexibles Kleinwerkzeug und regionale Wolle Barrieren abbauen. Ohne schwere Maschinen entstehen so flexible Handlungsräume, die Menschen unterschiedlicher Biographien im gemeinsamen Schaffen ins Gespräch und in den Austausch bringen und warum es dafür gute Netzwerkarbeit im Hintergrund braucht.
Nicole Kiersz ist Textildesignerin und Vermittlerin aus Hamburg. In ihrer Arbeit bewegt sie sich in einem bewussten Spannungsfeld. Während sie sich mit komplexen Webtechniken als Trainerin im Auftrag für Digital Weaving Norway oder am eigenen Webstuhl intensiv abarbeitet, übersetzt sie diese Expertise in ihrer Vermittlungsarbeit in niederschwellige Formate. Mit mobilem Kleinwerkzeug und regionaler Wolle macht sie textile Techniken ortsunabhängig sowie verbindend zugänglich, von Kursen an der Volkshochschule bis hin zu soziokulturellen Projekträumen.
- Textil aus Halle: Kaur Hensel, Halle Saale—Wie aus Einzelkämpfer*innen ein Netzwerk für lokale Textilproduktion wird
Als Mitinitiatoren des Netzwerks Textil aus Halle erzählt Kaur Hensel, wie aus dem Wunsch nach regionaler Produktion ein Zusammenschluss lokaler Textilunternehmen entstand und was das Netzwerk heute leistet.
Sven Hildebrand und Kaur Hensel sind Gründer von haemd – Modedesign aus Halle, einem lokal produzierenden Modelabel für individuelle Corporate Fashion sowie für Privatkund*innen.
Vertiefung
- Lara Wernert, München—Rethinking Resources – 13RUGS: von der Webkante zum Teppichunikat
Ausgehend von diesem Ansatz konzentriert sich der Vortrag auf die gestalterische Möglichkeiten von Textilresten in der Industrie. Er lädt ein über gemeinsame Perspektiven von DesignerInnen, Instituten und Industrie nachzudenken. Seit über eine Dekade verarbeitet 13RUGS in kunstvoller Handarbeit Webkanten aus der Stoffproduktion von rohi zu Teppichunikaten. So entstehen in einem mehrstufigen Filzverfahren aus hochwertigen Produktionsüberschüssen textile Kunstwerke für Boden und Wand. Die Wollteppiche faszinieren durch ihre individuelle Ästhetik und schmeichelnde Haptik, ihre Farbverläufe und ausgefallenen Strukturen.
Die Teppichmanufaktur 13RUGS wurde 2015 von der Wollweberei rohi, und der Mode- und Textildesignerin Lara Wernert ins Leben gerufen. Über das Material Wolle ist die Teppichmanufaktur 13RUGS im Textil Unternehmen rohi verankert. Vor über 90 Jahren gegründet, ist rohi heute eines der weltweit führenden Unternehmen für Sitzbezugsstoffe aus Wolle. Diese Wollqualitäten entsprechen den hohen Anforderungen in den drei Geschäftsbereichen AIR, LIVING und CONTRACT. 13RUGS ist der vierte Geschäftsbereich. Mit der Teppichmanufaktur 13RUGS leistet die Weberei rohi stoffe GmbH einen konkreten Beitrag zu einem ressourcenschonenden Produktionskreislauf.
Lara Sohreh Wernert, 1986 in Berlin geboren, ist Designerin mit unternehmerischen Visionen für nachhaltige Textilkreisläufe. Nach ihrem Modedesign Studium in Berlin und Madrid sowie einem Master in conceptual textile design an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle rief sie 2015 gemeinsam mit der Weberei rohi Stoffe GmbH die Teppichmanufaktur 13RUGS ins Leben. Sie ist dort in der Leitung und für Design, Produktion und Vertrieb verantwortlich. Seit 2023 führt sie als Co-Gründerin das deutsch-griechische Slow Fashion Label Sohreh. Dieses ist in München ansässig und fokussiert sich auf nachhaltige Produktion mit zeitloses Design. Seit über einem Jahrzehnt gibt Lara Wernert textile Workshops und hält Vorträge an Universitäten und Instituten, um Einblicke in textile Produktionswege zu vermitteln und für diese zu sensibilisieren.
- Vivien Tauchmann, Istanbul und Leipzig—Verflechtungen & Verhältnisse - Über Körper, Entfremdung und Beziehungsarbeit für eine sozial und ökologisch gerechte Textilproduktion
Ausgehend von ihren künstlerisch-performativen Arbeiten fragt Vivien Tauchmann, wie textile Arbeit entwertet und von Menschen entfremdet wurde. Mit choreographischen und partizipativen Formaten macht sie Verhältnisse in der globalen Textilproduktion erfahrbar – die Geschichten und Kämpfe von Textilarbeiter*innen ebenso wie unsere eigenen Verstrickungen darin. Künstlerische Forschung, Empathie und politisch transformative Bildung versteht sie dabei als Beziehungsarbeit; als Weg, Verbindungen neu zu knüpfen und gemeinsam Raum für eine sozial und ökologisch gerechte Textilproduktion zu schaffen.
Vivien Tauchmann ist freie Designerin, Bewegungskünstlerin und Bildungsarbeiterin. Sie arbeitet, lehrt und forscht an der Schnittstelle von Design, performativen Künsten und politischer, soziokultureller Pädagogik. Ihre Arbeiten erforschen gesellschaftspolitische Beziehungen durch verkörpernde und somatische Ansätze. Seit 2016 ist sie im Netzwerk der Kampagne für Saubere Kleidung e.V. (Clean Clothes Campaign) sowohl lokal als auch international aktiv. Freischaffend tätig, arbeitet sie sowohl mit zivilgesellschaftlichen Initiativen als auch kulturellen Institutionen, sowie Hochschulen zusammen. Ihre Arbeiten waren Teil einer Vielzahl von Ausstellungen, Veranstaltungen und Workshop-Reihen. Neben ihren Projekten und Kooperationen ist sie Gastdozentin unter anderem am Royal Conservatoire Antwerp (BE) und im Master Program Social Ecological Design, IED Torino (IT). Sie studierte Modedesign an der Angewandten Kunst in Schneeberg und absolvierte den M.A. Social Design an der Design Academy Eindhoven (NL). Derzeit lebt sie zwischen Leipzig, Berlin und Istanbul.
Panel 2 Umweltethische Perspektiven
Auftakt
- Friederike Pfeffer (Re:Spin), Berlin—Re.Spin - Das Konzept der Microfactory und Digitalisierung von Recycling als Chancen für nachhaltige, lokale Produktion
Die SHIFT Microfactory in Berlin erprobt neue Ansätze der textilen Wertschöpfungskette, indem sie moderne Stricktechnologien, digitale Prozesse und Kreislaufwirtschaft kombiniert. Ebenso bietet ein Einblick in das Innovationsprojekt Re.Spin eine Perspektive für nachhaltige Produktion. Es erforscht, wie mittels digitaler Technologien die Textilproduktion wirklich zirkulär werden kann. Ziel ist es, bestehende Recycling- und Produktionstechnologien zu einem durchgängigen digitalen Prozess zu verbinden – von der Sammlung und Sortierung gebrauchter Kleidung bis zur Herstellung neuer Produkte aus faser-zu-faser recyceltem Garn.
Friederike Pfeffer ist Designerin und Gründerin des Fashion-Tech-Start-ups „ito ito“, einer Plattformlösung für die automatisierte Strickwarenproduktion. Als Lead bei SHIFT Microfactory hat sie sich auf die Digitalisierung und nachhaltige Transformation der Mode- und Textilindustrie sowie auf die Entwicklung von Softwarelösungen für die Kreislaufwirtschaft spezialisiert.
Einblicke in Forschung und Produktion
- Silkwool – Anna Gronemeyer, Lilian Malich, Halle Saale—SilkWool – Interdisziplinäre Materialforschung zur Verseidung regionaler Wolle
Europäische Schafwolle wird aufgrund ihrer groben Faserstruktur und fehlender industrieller Verarbeitungsinfrastrukturen nur eingeschränkt für hochwertige textile Anwendungen genutzt. Gleichzeitig fallen bei der Herstellung und Verarbeitung von Seide große Mengen an Reststoffen an. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt verbindet Design und Materialwissenschaft und untersucht, wie sich die Oberflächenbeschaffenheit regionaler Wolle mithilfe biochemisch verflüssigter Recyclingseide verbessern lässt.
- Spinnerei Lengenfeld, Katja Müller, Stangengrün—Vom Schaf zum Faden, vom Land, von Hand.
Der Verein Alte Spinnerei und Tuchfabrik Lengenfeld e.V. hat als Ziel, traditionelle textile Prozesse für die Zukunft nutzbar zu machen. Dafür kombinieren sie historische Maschinen mit moderner Forschung und schaffen ein Vorbild für Kreislaufproduktion im ländlichen Raum.
Katja Müller ist Gründungsmitglied des Vereins und lebt in der Nähe von Lengenfeld in Stangengrün, dem Dorf der Schafe, die die Wolle liefern.
Vertiefung
- Juliane Schmidt, Leipzig—Gekommen, um zu bleiben - Gebrauch als Strategie emotionaler Langlebigkeit
Gebrauchsspuren widersprechen der Erwartung an ein makelloses Produkt. Sie machen die Zeit sichtbar, die wir mit Textilien verbringen – und doch werden sie als Zeichen von Abnutzung häufig als Wertverlust gelesen. Ausgehend von diesem Widerspruch fragt Juliane Schmidt, welches Potenzial eine veränderte Wahrnehmung von Gebrauchsspuren für die emotionale Langlebigkeit von Textilien eröffnet. Sie gibt Einblick in ihre aktuelle Forschung als künstlerische Mitarbeiterin im Textildesign an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle: In ihrer Designpraxis, in empirischen Untersuchungen und in Lehrformaten untersucht sie die Beziehung zwischen Menschen und Textilien im Gebrauch. Dabei geht sie der Frage nach, inwiefern Gebrauch als Co-Kreator im Gestaltungsprozess verstanden werden und zur Stärkung dieser Beziehung beitragen kann.
Juliane Schmidt ist Textil- und Produktdesignerin und als künstlerische Mitarbeiterin im Textildesign an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle tätig. An der Schnittstelle von gestalterischer Forschung, Vermittlung und textiler Praxis verbindet sie materialbezogene Experimente mit designanthropologischen Fragen nach Gebrauch, Wertzuschreibung und der Beziehung zwischen Menschen und Dingen.
- Ishraq Zraikat, New York—Archaic Revival and Material Intimacy
Returning to ancient crafts and our relationship with nature-not as literal reconstruction of the past, but as a creative reimagining for the present and future. In an era of disposability and novelty-driven industries, What happens when designers and artists restore intimacy with material sources and traditional technologies? What if we dissolve the conventional divide between the conceptual and the manual, between the ‘creative director’ and the ‘maker.’ This unity restores meaning to the act of making not as an externalized process but as a lived, embodied craft. Ishraq shares her journey towards material intimacy with wool through learning and mastering Bedouin Weaving.
Ishraq Zraikat is a Jordanian fiber artist, weaver, and wool researcher. She holds a degree in Architecture from Virginia Tech and a Master’s degree in Textile and Material Design from NABA, Milan. Her interdisciplinary practice weaves together architecture, fashion, and textile design, rooted in critical reflections on process, materiality, and technology. Specializing in felting and Bedouin weaving, Ishraq employs sustainable, sheep-to-cloth methods of wool processing. She lives and works between New York and Amman. In 2018, she became a certified wool grader with the American Sheep Industry. Her work was exhibited at Design Doha Biennale, Diriyah Islamic Art Biennale, Amman Design Week, Dubai Design Week, Osaka World Expo 2025, The Escher Museum, as well as in galleries in New York - USA.
Samstag, 07. November 2026, 10.00 – 17.30 Uhr
Panel 3 globale Perspektiven
Auftakt
- Odessa Legemah, Lissabon—Wie textile Praktiken Wissen tragen, teilen und transformieren
Textilien sind mehr als Material. In ihnen steckt Wissen: in Techniken, handwerklichem Können und den Erfahrungen der Menschen, die mit ihnen arbeiten. Doch wie entsteht dieses Wissen, wie wird es weitergegeben und was verändert sich, wenn textile Praktiken in neue Zusammenhänge gelangen?
Ausgehend von der Arbeit von Assemblage untersucht der Vortrag, wie Wissen durch praktisches Arbeiten, Austausch und Zusammenarbeit entsteht und sich weiterentwickelt. Dabei geht es darum, wessen Wissen sichtbar wird, welche Perspektiven Anerkennung finden und wie kulturelle Kontexte und Machtverhältnisse den Austausch prägen. Zugleich zeigt der Vortrag, welche Möglichkeiten entstehen, wenn unterschiedliche Erfahrungen und Wissensformen aufeinandertreffen und gemeinsam Neues hervorbringen.
Odessa Legemah ist eine deutsch-nigerianische Modeforscherin und Autorin. Als Gründerin von Assemblage entwickelt und kuratiert sie Publikationsformate, Symposien und Workshops, die Forschung, Bildung und textile Praxis in Europa und Westafrika zusammenbringen. Ihre Arbeit verbindet Materialkultur und Designbildung mit einer kritischen Auseinandersetzung mit eurozentrischen Perspektiven auf Mode und Design.
Einblicke in interkulturelle Projekte
- Laura Linsig, Halle Saale—Reviving Uzbekistan’s and Tajikistan’s Sustainable Ikat and Silk Production Interkulturelle Zusammenarbeit und Wissenstransfer
Einblick in die Ergebnisse des mehrjährigen Forschungsprojektes RUTSIS zur qualitätsorientierten, sozial und ökologisch nachhaltigen Weiterentwicklung der Seiden- und Ikatproduktion in Zentralasien. In einem darin eingebetteten Semesterprojekt entwickelten interdisziplinäre Teams aus Usbekistan, Tadschikistan und Deutschland eine Modekollektion, die das Potenzial von Ikat für zeitgenössische Mode zeigt und kulturellen Austausch mit nachhaltigem Design verbindet.
Laura Linsig ist Textildesignerin und Mitbegründerin des Designkollektivs atelier savvy. In der Entwicklungszusammenarbeit arbeitete sie insbesondere in Multi-Akteurs-Partnerschaften, mit einem Schwerpunkt auf der nachhaltigen Entwicklung handwerklicher Produktionsprozesse sowie dem ressourcenschonenden Einsatz von Naturfasern in der Textilindustrie. Für einen Medien- und Kunstverein in Halle tätig, begleitet sie Künstler*innenresidenzen und die Neuproduktion künstlerischer Arbeiten.
- Nanyi Li, Berlin und Halle—Patterns behind Patterns– Kulturelle Bedeutungen und die visuelle Organisation von Textilmustern
Ausgehend von Nanyi Lis Designpraxis und Lehre zeigt der Vortrag, wie Rapportdesign die Wahrnehmung kulturell geprägter Textilmuster beeinflusst. Das wiederkehrende Gefühl, dass sich bestimmte Musteranordnungen „nicht richtig“ anfühlen, wirft Fragen nach den Beziehungen zwischen kultureller Bedeutung, visueller Organisation und Gestaltungsprozess auf. Der Vortrag gibt Einblick in Nanyi Lis Qualifizierungsprozess an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und eröffnet eine neue Forschungsperspektive auf Textilmuster in kulturellen Kontexten.
Nanyi Li ist eine konzeptuelle Modedesignerin und künstlerische Mitarbeiterin im Modedesign an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Mode, Materialexperimenten und kultureller Auseinandersetzung. Neben ihrer eigenen gestalterischen Arbeit beschäftigt sie sich in Lehre und Forschung mit der Frage, wie Materialien und textile Muster kulturelle Bedeutungen tragen, verändern und vermitteln.
- Bianca Kóczán, Berlin—Institutionelle Gefüge solidarisch gestalten. : Zuhörende, teilnehmende, ermöglichende, wertschätzende, dezentrierende, aushaltende Gesten und Materialisierungen als relationale und situierte design Praxen
Aufbauend auf reparativen, gemeinschaftlichen und fürsorgetragenden Praxen der Mode, des Style, des Dress, des Textilen und der transformativ orientierten Designforschungen und Designwissenschaften prototypt Bianca Kóczán Positionalities als relationale und situierte Designpraxis. Der Beitrag folgt Erkenntnissen und Projekten zwischen Braunschweig, Wien, Kairo, Bandung und Berlin. Wie möchten Kulturen und Naturen, und damit Ökologien und Gefüge, sowohl horizontal, in diesem Sinne geografisch, und vertikal entlang sozialer Klassen als auch zeitlich entlang performativer Zugehörigkeiten von Identitäten Raum und Zeit einnehmen? Wie möchten wir als Kolleg*innen, vulnerabel, marginalisiert, opak, in Gemeinschaften einer design Education safer um braver spaces erweitern?
Bianca Kóczán gestaltet in Berlin, forscht promovierend an der AkBild Wien und lehrt als Gastprofessorin für Innenarchitektur und mobile Einrichtungen an der Burg Halle. Ihre transdisziplinäre Praxis verbindet Research through design, design Educations und Designgeschichten mit situierten Zugängen zu Fragen Sozialer Gerechtigkeiten und Zugänglichkeiten. Postmigrantisch, ostdeutsch sozialisiert und Erststudierende in ihrer Familie, versteht sie diese gelebten Erfahrungen als epistemische Ressourcen. Mit mehr als zehn Jahren Lehre, Forschung und Praxis an und fern von Institutionen setzt sie sich dafür ein, dass intersektionale Perspektiven gestalterische Gefüge in Bildung, Theorie und Praxis strukturell, langfristig und verantwortungsvoll bewohnen. Ihre forschende Praxis umfasst kritische Untersuchungen zu Solidaritäten und Nachbarschaften in design Szenen und digitalen Medien; verortet Designgeschichten und ermöglicht Gegenarchive; und erarbeitet Demonstratoren als Boundary Objects sowie anders gedachte Grundlagen für eine öko-soziale und transformative design Education.
Vertiefung
- Mara Recklies, Berlin—Machtverhältnisse sichtbar machen. Von Dialogen über Textilien.
Wem gehören Textilien? Gibt es Muster oder Webtechniken, die nicht verändert werden dürfen? Wann können Textilien anderer Kulturräume umgestaltet werden oder im Mittelpunkt eigener Studienprojekte stehen? Und, last but not least, was geschieht, wenn wir in den Austausch mit Textilen und den Menschen treten, die sie hervorbringen? In den letzten Jahren wurden im Textildesign an der Burg Giebichenstein intensiv solche Fragen diskutiert. Dabei galt es nicht nur sich an der Diskussion um Urheberschaft und Ursprung textiler Praktiken und Erzeugnisse zu beteiligen, sondern auch Dialogräume zu eröffnen. Der Vortrag gibt Einblick in einige Dialoge, Projekte und Lehrformate, die in den letzten Semestern an stattfanden, und ordnet sie in die Forschungslandschaft ein.
Mara Recklies ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Im Fokus ihrer Forschung steht die Designphilosophie und Designkritik des 20. Jahrhunderts sowie die politische Epistemologie des Designs. Sie hat an verschiedenen Hochschulen gelehrt, darunter der HfK Bremen, der Kunsthochschule Kassel, der KISD und die HTW Berlin. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HFBK Hamburg und studierte Philosophie in Kiel.
- Andrei Fernandez, Salta, Argentinien—Union as Method - Crossing Boundaries Between Craft, Heritage, and Contemporary Art.
This presentation shares the experience of founding and working with the weavers’ groups Silät and Unión Textiles Semillas. Drawing on these organisational processes, we will look at experiments in crossing the historically established boundaries between craft and art, heritage and art, and folklore and art.
Andrei Fernández (Cutral-Có, Argentina, 1983) is an independent curator and researcher based in northern Argentina. Her practice brings together contemporary art, situated research, and the social economy, with a focus on textile epistemologies, collective authorship, and communal forms of management and care. She trained in Fine Arts at the Universidad Nacional de Tucumán (UNT) and in Social and Political Anthropology at FLACSO. Since 2011, she has curated numerous exhibitions in museums and independent spaces in South America and Europe. She is a co-founder of Unión Textiles Semillas and works alongside the Silät collective on artistic and pedagogical research projects, the dissemination of ancestral knowledge, and political education.
Block 4 queerfeministische Perspektiven
Auftakt
- Sarah Held, Wien—Fashion Politics - Gewaltverhältnisse und feministische Dekonstruktion
Der Vortrag zeigt wie das Textile in Form von Mode als rechtsextreme Werkzeuge genutzt werden, um Gewaltverhältnisse zu stabilisieren und Ideologie zu materialisieren. Zudem wird analysiert, wie durch modebasierte Interventionen Widerstandsräume geschaffen werden, die rechtsextreme Gewaltstrukturen sichtbar machen und unterlaufen.
Sarah Held lebt als Kulturwissenschaftlerin in Wien und vertritt aktuell die Universitätsprofessur für die Kulturanthropologie des Textilen an der TU Dortmund. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der intersektional-feministischen Kultur- und Designforschung im Spiegel von (vergeschlechtlichten) Gewaltverhältnissen. Weiters ist sie stellv. Projektleitung des FWF-Forschungsprojekts „Fashion and the Far-Right. The New Complexity in Style“ an der Akademie der bildenden Künste, Wien.
Einblick in ein Studierendenprojekt
- Therese Mieth, Berlin—XOXO – Über Gossip, Geschichten und textile Handarbeit
Gossip ist eine Form kollektiven Geschichtenerzählens, wird heute jedoch oft mit Oberflächlichkeit assoziiert. Mit Beginn des Frühkapitalismus wurden Frauen zunehmend in den häuslichen Bereich verwiesen. Über Jahrhunderte boten textile Handarbeiten zugleich Räume für Austausch und Vernetzung. Die Arbeit greift diese Verflechtung auf und betrachtet Gossip als Beziehungsgeflecht, kollektive Praxis und widerständige Strategie gegen Machtmissbrauch.
Vertiefung
- Fran Eichhorn, Leipzig—Inter–Weaving - Praktiken des (queer-) feministischen Worldings
Fran Eichhorn gibt exemplarisch Einblick in eine künstlerische Praxis an der Schnittstelle von Avatar-Gestaltung, digitalem Textil, KI und analoger textiler Fertigung sowie in das Prinzip des Worldings im (queer-) feministischen Kontext
Fran Eichhorn arbeitet als Künstler*in an der Schnittstelle von Medienkunst und digitalen und analogen textilen Objekten. An der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle arbeitet Fran in den Projekten „Learning by Worlding“ und „Enthinderung in der Lehre“ im Studiengang Mode- und Textildesign.
- Ramona Schacht, Leipzig—Schöne Bilder, schwere Arbeit - Über weibliche Arbeit, inszenierte Körper und die Macht der Fotografie
Warum erscheinen uns bestimmte Gesten, Körperhaltungen und Bilder weiblicher Arbeit so vertraut? Ausgehend von ihrem Projekt PICTURES AS A PROMISE führt Ramona Schacht durch fotografische Archive in Leipzig, Kyiv und Taschkent und untersucht in Sektionen wie Sanfte Hände und Körper und Produkt, wie Arbeiterinnen an Maschinen oder mit den von ihnen hergestellten Erzeugnissen ins Bild gesetzt werden – und welche Vorstellungen von Arbeit, Weiblichkeit und gesellschaftlicher Teilhabe die Fotografie dabei mit hervorbringt. Kittelschürzen ehemaliger Arbeiterinnen eröffnen eine weitere Perspektive auf die Geschichte dieser Arbeit und werfen die Frage auf, was die sorgfältig komponierten Fotografien zeigen und welche Erfahrungen darin keinen Platz finden.
Ramona Schacht ist Künstlerin und lebt in Leipzig. In ihrer künstlerischen Forschung arbeitet sie mit historischen Fotografien, insbesondere aus der Textil- und Bekleidungsindustrie, und untersucht, wie Bilder gesellschaftliche Vorstellungen von Arbeit und Geschlecht prägen und sich diese in Gesten und Körperhaltungen widerspiegeln. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Museum Folkwang Essen, im MINSK Kunsthaus in Potsdam und in der Alfred Ehrhardt Stiftung Berlin gezeigt. Sie studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und schloss dort 2025 ihr Meisterschüler*innenstudium ab.
- Melanie Haller, Hamburg—Die Omnipräsenz des Unsichtbaren - zu einer Soziologie des Textilen
Das Textile ist überall und wird doch nicht gesehen, da seine kulturelle Bedeutung im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte einen massiven Bedeutungsverlust erlitten hat. Es ist der Anspruch des Vortrages die komplexen Zusammenhänge dieses Bedeutungsverlust zu skizzieren und gleichzeitig deutlich zu machen, wie eine Positionierung mit dem Textilen zeitgenössisch möglich wird.
Melanie Haller ist gelernte Damenschneiderin und promovierte Kultursoziologin und hat in Hamburg die Professur für Geschichte und Theorie der Mode, des Designs und der Ästhetik an der Akademie Mode und Design der Hochschule Fresenius inne. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Mode-, Körper- und Bewegungssoziologie, Visuelle Kulturen, Gender Studies, populäre Tanzkulturen und qualitative Methoden.





























