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HAND OVER TIME

HAND OVER TIME
Lernen durch Machen, Lernen von der Urgeschichte

Sollten Kunstwerke bereits vor ihrer Entstehung vollständig im Kopf konzipiert werden?
Die Vorstellung, ein Kunstwerk müsse bereits vor dem eigentlichen Schaffensprozess als klare mentale Vorlage existieren, scheint zunehmend verbreitet zu sein. Möglicherweise hängt diese Entwicklung mit der wachsenden Nutzung von KI bei der Suche nach Antworten zusammen: Wir gewöhnen uns daran, unsere Wünsche in präzise formulierte Anweisungen zu übersetzen. Gleichzeitig droht dabei eine andere Fähigkeit in den Hintergrund zu treten – die Fähigkeit, Prozesse offen zu imaginieren, zu experimentieren, zu spielen und mit Materialien in der physischen Welt in einen dialogischen Austausch zu treten. Gerade dieser tastende, zeitintensive Prozess ist jedoch oft ein zentraler Bestandteil künstlerischer Praxis.

In „The Craftsman“ (2008) beschreibt der Philosoph Richard Sennett das Bestreben, eine Arbeit „um ihrer selbst willen gut zu machen“, als einen fundamentalen menschlichen Impuls. Dies gilt weit über Bereiche mit qualifizierter manueller Arbeit hinaus, darunter Programmierer*innen, Ärzt*innen, Künstler*innen, Eltern und Bürger*innen. Aus dieser Perspektive bewegt sich der Handwerker in einem Kreislauf von Üben und Denken: Das Machen fördert das Denken – und das Denken wiederum verfeinert das Machen.

Da sich handwerkliches Wissen durch Praxis, Reflexion und Wiederholung verinnerlicht, werden neue Entdeckungen tiefer erfasst. Sennett argumentiert zudem, dass der Prozess des Herstellens konkreter Dinge uns etwas über uns selbst offenbart – über unsere religiösen, sozialen und politischen Werte.

 

Mit HAND OVER TIME initiiert die SCHMUCK HALLE Schmuckklasse an der BURG ein transdisziplinäres Forschungsnetzwerk, das sich diesen Fragen mit folgenden Zielen widmet:

  • Untersuchen, wie das Machen selbst uns helfen kann, unsere sozialen, politischen, ökologischen und ökonomischen Bedingungen sowie unsere Werte und Überzeugungen besser zu verstehen – und wie sich solche zirkulären Untersuchungsprozesse entfalten und zu neuen Erkenntnissen führen können.
     
  • Erforschen, wie Praktiken des Schmuckmachens nachhaltiger gestaltet werden können, um Wiederverwendung zu fördern und Belastungen für Ökosysteme und menschliche Gesundheit zu reduzieren.
     
  • Traditionelle handwerkliche Fähigkeiten an jüngere Generationen weitergeben und zugleich untersuchen, wie diese Praktiken langfristig erhalten und weiterentwickelt werden können.
     

Lernen durch Machen, Lernen von der Urgeschichte

Das erste Projekt im Rahmen von HAND OVER TIME ist ein gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt veranstalteter Workshop.
Wir richten den Fokus auf die Himmelsscheibe von Nebra, eine der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen Europas. Dank der engagierten Bemühungen von Prof. Dr. Harald Meller befindet sich diese älteste konkrete Darstellung kosmischer Phänomene im halleschen Landesmuseum für Vorgeschichte.

Die Himmelsscheibe von Nebra entstand vermutlich vor etwa 3.600 Jahren in der frühen Bronzezeit (16.–15. Jahrhundert v. Chr.) in Mitteldeutschland. Die Scheibe zeigt die Sonne, einen Vollmond, eine Mondsichel und 32 Sterne sowie zwei Horizontbögen und eine Himmelsbarke – alles aus Gold gefertigt. Das Objekt zeugt nicht nur von fortgeschrittenem astronomischem Wissen, etwa vom Verständnis eines lunisolaren Kalenders und der Sonnenwenden, sondern spiegelt auch den Wunsch wider, dieses Wissen in wertvollen Materialien festzuhalten.

Auch die Materialien selbst – Bronze und Gold – verweisen auf weitreichende Austauschnetzwerke: Das Gold stammt vermutlich aus Cornwall, während bestimmte Goldschmiedetechniken wahrscheinlich aus der Ägäis im Mittelmeerraum übernommen wurden. Zudem deuten Bearbeitungsspuren auf der Oberfläche darauf hin, dass die Scheibe möglicherweise im Rahmen eines kollektiven rituellen Prozesses geformt wurde.

Der Workshop „Lernen durch Machen, Lernen von der Urgeschichte“ wird von Akis Goumas geleitet, einem griechischen zeitgenössischen Schmuckkünstler und Forscher, der sich auf antike ägäische Goldschmiedetechniken spezialisiert hat. Im Workshop wird er seine Forschungen zu historischen Werkzeugen und Metallbearbeitungstechniken vorstellen und zeigen, wie sich durch das praktische Arbeiten Erkenntnisse über Werte und Lebensbedingungen vergangener Gesellschaften gewinnen lassen.

Der Kupferschmied Herbert Bauer wird Einblicke in seine Untersuchungen zu den Metallbearbeitungstechniken der Himmelsscheibe von Nebra geben.

Der Workshop richtet sich an transdisziplinär arbeitende Studierende der BURG, Forschende des Landesmuseums, und Grundschüler*innen aus KGS Wilhelm von Humboldt Halle.
 

Akis Goumas (geb. 1952, Griechenland) hat seine Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen in ganz Europa präsentiert. Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften ließ er sich in Goldschmiedekunst, Silberschmiedekunst, Gemmologie und Siegelgravur ausbilden. Seit 2000 unterrichtet er Schmuckgestaltung in Florenz und Athen. Goumas erhielt Stipendien von der Harvard University sowie von Homo Faber. Als technischer Berater und Schmuckkünstler wirkte er kürzlich an der Ausstellung „Art in Gold“ im Benaki Museum in Athen mit.
 

Termine

Workshopdauer: 4. bis 8. Mai

Teilnahme

Bewerbungsschluss: 15. April 2026
Studierende aus Kunst und Design können sich für die Teilnahme am Workshop bewerben. Bitte geben Sie dabei kurz Ihre Beweggründe an;
per E-Mail an Prof. Dr. Yuka Oyama (oyama@burg-halle.de)

Teilnehmerzahl begrenzt