Lehrangebot

Schönheit

Schönheit

„Schönheit“ begegnet uns überall. Sie zeigt sich in Gesichtern und Landschaften, in alltäglichen Dingen, in Gesten, Klängen, Materialien, Oberflächen, Momenten, Erinnerungen und Objekten etc.; manchmal nur flüchtig, widersprüchlich und versteckt. Kaum versuchen wir, sie zu fassen, entgleitet sie wieder, verändert sich, zeigt ein anderes Gesicht. Vielleicht gehört Schönheit deshalb zu den ältesten und zugleich unruhigsten Begriffen der Gestaltung: ein vertrautes Wort, das sich jeder endgültigen Fassung widersetzt und immer wieder neu verhandelt werden will.

Seit der Antike suchen Menschen nach ihr als Form von Ordnung. Sie dachten das Schöne als überzeitliche Idee, ein Ideal, dass in der Welt unabhängig vom Menschen existiert. Sie fanden es im Verhältnis der Teile zum Ganzen, in Proportionen, Harmonien und Symmetrien, die sowohl in der Natur, wie auch in der Musik zu entdecken sind. Die Tempelarchitekturen und Statuen jener Zeit zeugen davon, dass Schönheit messbar und formulierbar ist. 

Spätestens, in der Aufklärung, kehrt sich der Blick von Außen nach Innen. Schönheit wird immer mehr zu einer individuellen Wahrnehmung, zu einer Frage des Geschmacks. Kant beschrieb Schönheit als „interesseloses Wohlgefallen“, als eine Art Erleben, das losgelöst von Nutzen aufscheint und in dem Verstand und Einbildungskraft in einem freien Spiel miteinander schwingen. Die Moderne hinterfragte den Begriff des Schönen noch radikaler, wodurch Raum für Widersprüche entsteht; das Schöne wird zum Ort des Bruchs, des Unvollkommenen, des Widerständigen. In der Malerei werden bewusst Proportionen verzerrt, in Architektur und Design eröffnen Asymmetrie, Fragment und sichtbare Imperfektion neue Ausdrucksräume. Schönheit zeigt sich nicht mehr nur als geordnetes Maß, sondern als Erfahrung im Spannungsfeld von Material, Wahrnehmung und Kontext.

Andere Kulturen entwickeln je eigene Auffassungen von Schönheit. In Japan liegt Schönheit im Einfachen, im Vergänglichen, in der stillen Resonanz zwischen Raum und Ding; in China ist sie Sinnbild für den Fluss der Dinge; in Indien offenbart sie sich als rasa, als unmittelbar erlebte Ergriffenheit; in der islamischen Tradition erscheint Schönheit als Hinweis auf göttliche Ordnung, sichtbar in Geometrie und Rhythmus; und in vielen afrikanischen Kulturen entsteht Schönheit relational, sie zeigt sich dort, wo Dinge lebendig in Beziehung treten, so ist ein Artefakt erst im Ritual, im sozialen Gefüge, im Zusammenspiel von Menschen, Raum und Material als schön zu erkennen.

Und hier und heute? In einer Zeit globaler Vernetzung, ökologischer Fragilität und technischer Beschleunigung gewinnt der erweiterte und ausdifferenzierte Blick neue Bedeutung. Vielleicht suchen wir Schönheit weniger in einer singulären Form als in der Beziehungen dazu, in Resonanz, in Momenten, in denen etwas stimmig ist. Schönheit wird so auch zu einer Frage der Verbundenheit und Gestaltung zur Suche nach Formen, die mit ihrer sozialen Umwelt „schwingen“, zur Praxis des Stimmens zwischen Objekt und Subjekt.

In diesem Semester wollen wir also auf die Suche nach Schönheit gehen, wir wollen ihr begegnen. Wir wollen sehen, hören, fühlen und denken, beobachten, irritieren, kombinieren, zerstören und wieder zusammensetzen. Nicht um Schönheit zu kanonisieren, sondern um zu erleben, wie sie sich zeigt. Wir untersuchen Formen, Materialien, Oberflächen, Geräusche und Gesten, um zu erfahren, wo und wie Schönheit geschieht. Vielleicht im Übergang, in Spannung, im Zufall, und vielleicht doch auch wieder in einer konkreten Proportion. Wir erforschen Schönheit als Maß und als Erfahrung: als das, was sich ereignet, wenn Form, Wahrnehmung und Empfindung für einen Augenblick in Einklang stehen.

Wir fragen dabei: Was ändert sich, wenn wir Schönheit nicht als festes Ideal, sondern als Haltung begreifen, als eine Art, Welt wahrzunehmen und mit ihr in Beziehung zu treten? Wo die von uns gestalteten Artefakte, Gesten, Rituale oder Momente, die Mittel sind, um Schönheit zu evozieren. Und wenn uns das gelingt, könnte Schönheit dann sogar die Welt retten?

 

Wie lässt sich Schönheit heute denken – jenseits von Stil und Geschmack?             

Welche Gesten, Materialien oder Prozesse tragen ein „Bewusstsein“ des Schönen in sich?

Kann Gestaltung Schönes hervorbringen oder ist sie selbst ein Erkenntnisprozess?

Was entsteht, wenn wir das Schöne nicht als Ideal, sondern als Beziehung, als Spannung oder als Resonanz verstehen?

Wie kann eine Gestaltung aussehen, die nicht nur schön erscheint, sondern im umfassenderen Sinn stimmig ist , ethisch, ästhetisch und existenziell?

Gibt es universelle Kriterien für Schönheit  oder nur kulturelle Konventionen?

Inwiefern ist Schönheit eine Form der Erkenntnis?

Kann Gestaltung schön und wahr und gut sein, oder widersprechen sich diese Ansprüche?

Wie verändert Technik (z. B. KI, Parametrik, Simulation) unser Verständnis des Schönen?

Ist das Hässliche eine notwendige Bedingung für das Schöne?

Welche Formen von Schönheit entstehen aus Prozessen des Alterns, des Gebrauchs, der Unvollkommenheit?

Wie kann man Schönheit gestalten, wenn sie zugleich subjektiv, relational und kontextabhängig ist?

Was empfinden Sie selbst als schön oder nicht schön und warum?

 

Geplante schöne Inputvorträge:

  • Prof. Dr. Ulrich Raulff über sein Buch "Wie es euch gefällt, Eine Geschichte des Geschmacks“
  • Prof. Jan Teunen über sein Buch "Schönheit rettet die Welt“
  • Prof. Dieter Hofmann über sein damaliges Semesterprojekt “Mystery of Beauty”
  • Bert Sander, Vortrag über die Geschichte der Ästhetik (angefragt)
  • Dr. Christine A. Knoop über die kognitiven und affektiven Implikationen von Schönheit und Eleganz (wird angefragt)

Geplante schöne Exkursion nach Hamburg:

  • Kunst und Gewerbe Museum, „Schönheitsführung“ zu einigen Artefakten dort von der Direktorin Tulga Beyerle www.mkg-hamburg.de
  • Warburg-Haus: Führung und „Schönheitsvortrag" zu Aby Warburg von Dr. Karen Michels www.warburg-haus.de
  • Galerie Vera Munro, Führung durch die aktuelle Ausstellung durch Vera Munro veramunro.com
  • St. Paulis Grüner Bunker (Besichtigung) www.bunker-stpauli.de
  • Schöne abendliche Kneipentour auf der Reeperbahn
  • Schöne Hafenrundfahrt mit anschließender Besichtigung des Chilehauses, der Speicherstadt und der Elbphilharmonie
  • Schöne Alster- und Elbwanderung
  • Jenisch-Haus, Führung durch die Ausstellung „Parkomania“ von Dr. Karen Michels www.shmh.de

Literaturliste:

  • Ulrich Raulff “Wie es euch gefällt - ein Geschichte des Geschmacks”
  • Christoph Quarch, Jan Teunen “Schönheit rettet die Welt”
  • Winfried Menninghaus “Das Versprechen der Schönheit”
  • Sagmeister&Walsch “Beauty” (Ausstellungskatalog)
     

Anmerkung:

Im Fach „Komplexes Gestalten“ arbeiten BA- und MA-Studierende an denselben Aufgabenstellungen mit den folgenden Lern- und Qualifikationszielen:

Bachelor:

Im Entwurfsmodul werden die verschiedenen in den ersten beiden Jahren erlangten Kompetenzen zusammengeführt und an einer komplexen Aufgabenstellung angewendet. Ziel ist es, Entwurfsstrategien zu entwickeln, die auf fundierten Konzepten basieren und einen experimentellen, konstruktiven und gestalterisch durchdachten Beitrag im Industriedesign leisten.

Master:

Im Master-Entwurfsmodul findet im Rahmen einer projektorientierten Auseinandersetzung eine individuelle Vertiefung statt. Hierfür werden künstlerisch-gestalterische Vorhaben mit forschungsbasierter Recherche weiterentwickelt. Der Output im Master ist deutlich umfangreicher, komplexer, stärker durchdrungen in der Recherche und präzise in Kritik und Relevanz eines zeitgemäßen Beitrags zum Industriedesign.