Lehrangebot

Die Künste und das Gemeinsame der Welt

Die Künste und das Gemeinsame der Welt

Der Kurs bringt die Entstehung, die Abenteuer und die Auflösung des philosophischen Kunstbegriffs mit den historischen Transformationen des Einstehens für ein Gemeinsames in Verbindung.

Der Ansatz, das Gemeinsame jenseits der Gemeinschaft zu denken – nicht als ein auf festem Grund gestiftetes Zusammensein, sondern als ein Offenes –, stellte die Philosophie vor Widersprüche, die sich in der gesellschaftlichen Realität widerspiegeln: Soziale und geschlechtliche Hierarchien, koloniale und rassistische Ausschlüsse sowie hegemoniale – und neuerdings algorithmische, oligarchische und autoritäre – Aneignungen verschließen das Gemeinsame der Welt.

Die Künste bewegen sich innerhalb dieses widersprüchlichen Weltgeflechts: mitunter hegemonisch vereinnahmt, und instrumentalisiert. Zugleich aber hören sie nicht auf, diese Geschichte zu durchbrechen: ein anderes Gemeinsames zu artikulieren, beharrlich auf einem Teilen zu bestehen – auf dem Teilen ihrer sinnlichen Ausstellung und Exponierung. Die Entstehung und die Transformationen des Kunstbegriffs sind aufs Engste mit der Geschichte des Gemeinsamen verbunden. Wir werden Momente der Kunstphilosophie – beginnend mit ihrer Herausbildung bei Kant und Hegel – mit Momenten der politischen Philosophie bis heute in Verbindung setzen: Universalität, Dialektik, Kommunismus, Anarchie, kommende Gemeinschaft, Ökotechnik, Chor, Commons, Undercommons, Relation, Vielheit, Menge.

Was bleibt von den historischen Denkformen heute? Durch die Verbindung von Kunstauffassungen mit den Transformationen des Gemeinsamen sollen einerseits Aspekte der Entwicklung der Künste beleuchtet, andererseits am Ende der Standpunkt der Gegenwart zur Diskussion gestellt werden: Was besteht vom alten Kunstbegriff und von der alten Auffassung des Gemeinsamen heute fort? Und wenn sie nicht mehr tragen: Wie ist dann zu verstehen, was uns heute dazu antreibt, Kunst und Philosophie zu machen?

Die Veranstaltung findet in einem alternierenden Modus statt: Sitzungen im Vorlesungsformat wechseln mit Übungssitzungen, in denen Studierende die Themen aufgreifen. Zudem werden Ateliers bzw. Werkstätten besucht und offene diskursive Formate einbezogen. Alle zwei Sitzungen (Vorlesungsformat und Übung) wird eine Literaturauswahl als Kartographie möglicher Vertiefungen bereitgestellt.

Wegen des Übungscharakters ist die Teilnehmer:innenzahl auf 20 begrenzt.

Literatur (Auswahl):

  • Giorgio Agamben, Die kommende Gemeinschaft, Berlin 2003
  • Emmanuel Alloa, The Share of Perspective, London 2024
  • Catherine Malabou, Stop Thief! Anarchism and Philosophy, Cambridge 2023
  • Fred Moten and Stefano Harney, Eine Poetik des Undercommons, Berlin 2019
  • Sh. Niederberger/C. Sollfrank/F. Stadler (Hsg.), Ästhetics of the Commons, Zürich/Berlin 2021
  • Jean-Luc Nancy, Von einer Gemeinschaft, die sich nicht verwirklicht, Wien/Berlin 2018
  • Birgit Sandkaulen (Hg.): G. W. F. Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik, Berlin 2018
  • Martin Seel, Ästhetik des Erscheinens, Frankfurt/Main 2000
  • J. Siegmund/A. Eusterschulte/M. Tatari (Hrsg)., Hannah Arendt und die Weltlichkeit der Künste, Stuttgart 2025