Lehrangebot

Kunst und Wahnsinn

Das Seminar fokussiert sich auf die kreativen Produktionen, die als „Kunst“, „Irrenkunst“ oder präziser ausgedrückt als „poetische Ausdrucksformen“ bezeichnet werden können. Diese stammen von Menschen, die unter Bedingungen leiden, die von medizinischen Institutionen als geistige Erkrankungen identifiziert wurden. Wir werden die Entwicklung und die Grenzen der Diskurse untersuchen, die im Laufe des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa entstanden sind, um diese Produktionen zu definieren.

 

Zu Beginn erläutern wir das Aufeinanderprallen zweier unterschiedlicher Paradigmen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts miteinander konkurrierten, um die Beziehung zwischen Kunst und Wahnsinn zu beleuchten. Auf der einen Seite steht die Romantisierung des Wahnsinns, vertreten insbesondere durch den Surrealismus und Expressionismus. Hier gelten die von den „Verrückten“ geschaffenen Kunstwerke als Manifestationen reiner, roher und authentischer Erfindungen, die den romantischen Mythos des wahnsinnigen, genialen Schöpfers verkörpern. Demgegenüber steht das Paradigma, das eine Korrelation des Wahnsinns mit Diskursen über die menschliche Degeneration betont. Nach diesem Verständnis werden diese Produktionen als Beweis für Pathologie und menschlichen Verfall betrachtet, wie von Hans Prinzhorn entwickelt. Diese Beweise setzen einen natürlichen Unterschied zwischen dem Normalen und dem Pathologischen voraus, was den „Wahnsinnigen“ entmenschlicht.

 

Im zweiten Schritt beschäftigen wir uns mit der Rückkehr des Mythos der authentischen und spontanen Schöpfung, der sich in der Nachkriegszeit unter Begriffen wie „art brut“ oder „outside art“, geprägt von Jean Dubuffet, manifestierte.

 

Im dritten und letzten Teil des Seminars untersuchen wir kritische Alternativen zu den Art-Brut-Diskursen, insbesondere die Vorschläge von Mário Pedrosa. Er entwickelte in seinem Dialog mit der Psychiaterin Nise da Silveira ein erneuertes Konzept des „Ausdrucks“.

 

Literaturauswahl:

 

  • Lacan, Jacques. 1988. “The Problem of Style and the Psychiatric Conception of Paranoiac Forms of Experience”. Critical Texts. V:3, 1-6
  • Oury, Jean. 2008. “Auguste For…”. Essai sur la création esthétique. L’imaginaire esthétique comme facteur d’intégration biopsychologique [Essay on aesthetic creation. The aesthetic imagination as a factor in biopsychological integration]. Paris: Hermann
  • Pedrosa, Mário. 2015. “The Vital Need for Art”. Primary Documents. New York: Moma, 103-112.
  • Prinzhorn, Hans. 2016. Bildnerei der Geisteskranken. Hamburg: Severus Verlag [Auszüge]

 

 

Marlon Miguel ist Co-PI des Projekts „Madness, Media, Milieus. Reconfiguring the Humanities in Postwar Europe” an der Bauhaus-Universität Weimar. Er hat einen Doppel-Doktortitel in Bildender Kunst (Université Paris 8 Vincennes-Saint-Denis) und Philosophie (Bundesuniversität Rio de Janeiro). Seine aktuelle Forschung konzentriert sich auf die Schnittstelle zwischen zeitgenössischer Philosophie, Kunst, Anthropologie und Psychiatrie. Außerdem praktiziert er zeitgenössischen Zirkus und betreibt praktische Bewegungsforschung.