Diplom Plastik, Studienrichtung Keramik, 2025

Diplom Plastik, Studienrichtung Keramik, 2025
“Vor Ort. Halle Neustadt”
eine Vorbemerkung zum Schluss - wie wollen wir leben
Vor der Vorbemerkung
Manchmal braucht es doch Provokation, um diese lähmende Mauer aus immer wiederkehrenden Analysen, Darstellungen, Medienberichten, Vorbehalten und Populismus aufzubrechen.
Vorbemerkung
Wie wollen wir leben? Was können wir uns leisten? Was ist ökologisch und politisch am vertretbarsten? Wie können wir leben, dass unsere Kinder auch noch etwas davon haben?
Es scheint sehr einfach, eine Kategorie für die Zukunft zu finden: dystopisch bis apokalyptisch.
Viel Kirschenessen wird da nicht erwähnt.
Der Klimawandel, Völkerwanderungen und Fluchtbewegungen, rechte menschenfeindliche Regierungen, Krieg. Die Repteloide und Außerirdische lasse ich mal außen vor. Was aber sicherlich noch mit reingewählt werden muss, sind Krankheiten und Epidemien.
Die Prepper versuchen sich auf den Tag X vorzubereiten. Sie bunkern alles, was sie zum Überleben brauchen könnten, wenn die Welt zusammenbricht. Dann ziehen sie sich in ihre Bunker zurück und essen dort ihre Pumpernickel aus Dosen. Sie legen sich Waffen zu, um sich und ihren Vorrat verteidigen zu können. Ich glaube nicht an die egoistische, individuelle Lösung, sondern an eine kollektive. Bildet Banden, seit vernetzt und dann kann gemeinsam überlebt werden. Egal wie gut vorbereitet, wird das Überleben allein schwieriger.
Der Trend zum Besserwohnen hat auch eine starke Vereinzelung der Gesellschaft mit sich gebracht. Die Menschen sitzen in ihren Häusern und heizen für sich, essen für sich und schlafen getrennt. Sie haben und brauchen viel Platz und Energie. Immer öfter zwei Autos für einen Menschen. Sie alle kennen die Vorwürfe der Klimabewegung und die meisten wissen, wie es sich anfühlt, nicht unwissend zu sein.
Nicht nur die gut bürgerliche Mitte hat sich vereinzelt. Der Kapitalismus legt es darauf an: wo müssen sie noch zwingend mit anderen reden, wirklich etwas verhandeln, oder teilen? Wann gehen wir Kompromisse ein und sehen sie als Chance, nicht als Verlust.
Ja - wann teilen wir etwas? Wann geben wir etwas ab? Für Kinder ein hoch brisantes Thema. Mal geht es gut, mal geht es gar nicht, aber sie müssen miteinander in Kontakt treten, um es zu verhandeln, direkt und vis-à-vis.
Das Gegenteil der Vereinzelung ist wohl der Plattenbau. Dicht an dicht wohnt hier Mensch neben Mensch. Die Begegnungen finden im Treppenhaus, im Fahrstuhl, bei den Mülltonnen oder in der Straßenbahn statt. Tür zu und du kannst allein sein, unter sich sein, mit der Familie. Aber sobald diese Tür aufgeht, sind es andere: Nachbarn, Bekannte, Fremde wie Freunde. Eine kritische Masse ist hier schnell hergestellt. Es ist etwas anderes, wenn sich fünf Einfamilienhäuser zusammenschließen, als wenn ein Block das tut.
Wer in Halle Neustadt wohnt, braucht für den täglichen Bedarf kein Auto. Alles ist, wenn nicht fußläufig, so doch mit der Straßenbahn gut erreichbar. Einkaufsmöglichkeiten, ärztliche Versorgung, Schule und Kindergarten, Parks, Freizeitangebote. Ein großer Pluspunkt, wenn es um die Klimaneutralität geht. Die Grünanlagen zwischen den Häusern, die Bäume und die Fluchten, die den Wind durchlassen, machen die Stadt auch im Sommer luftig. Die Wohnungen selber sind meines Wissens nach zwar sehr aufgeheizt, aber auch dafür ließe sich bestimmt eine Lösung finden. Auf die Dächer könnten großflächig Solarkollektoren kommen und die Fernwärme ist wohl auch die Beste in der Zukunft. Viele Menschen können unterkommen und sind trotzdem zentral verpflegt und versorgt.
Halle Neustadt ist der Stadtteil von Halle (Saale), wo die meisten Menschen mit Migrationsbiografie leben. Das hat unterschiedliche Gründe, die hier nicht relevant sind. Wichtig ist, wenn es wirklich, und es sieht global sehr danach aus, mehr Flucht geben wird, dann werden auch noch mehr Menschen nach Deutschland kommen. Die Akzeptanz des Fremden, die Möglichkeit sich an andere Menschen, Bräuche und Sitten zu gewöhnen, birgt Konfliktpotential: aber es braucht vor allem Zeit und Ausdauer. Wie sagt man: der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
Diversität braucht Zeit, um akzeptiert zu werden. Wir alle werden früher oder später merken, dass die Unterschiede da sind, aber nicht zwischen uns stehen müssen, wenn es eine Zwischenmenschlichkeit gibt. Die Gewöhnung aneinander, der Respekt dem anderem gegenüber, kann nur durch Begegnung geschaffen werden. Dies findet vor allem in Großraumsiedlungen statt.
Es gibt diese Beschreibung des apokalyptischen Szenarios, in dem ein paar Superreiche auf kleinen Inseln leben und die anderen sich in den Großraumsiedlungen kloppen. Ich glaube jedoch, wie anfangs ausgeführt, dass die Menschen, die jetzt schon in diesen Siedlungen leben, einen großen Vorteil haben. Sie sind vernetzt. Sie wohnen in einer Stadt, die sehr effizient, kostengünstig, sowie schadstoffarm ist. Sie wissen, wie ein Leben in einer sehr heterogenen, multiethnischen Gesellschaft möglich ist. Diese Menschen wappnen sich gerade besser als Menschen in Einfamilienhäusern. Wer nicht in die Platte zieht, wird sich früher oder später umschauen. Wer heute bereits in Halle Neustadt lebt oder eine Beziehung zum Stadtteil aufbaut, hat bereits den Fuß in der Tür.










