Meine Bilder sind Erinnerungen, nicht mehr Trennbares: tatsächlich Gesehenes und Gedachtes. Erinnerungen überlagern sich mit anderen Erinnerungen und verändern sich dabei. Dinge tauchen wieder auf, verschieben sich, lösen sich voneinander und treten an anderer Stelle erneut hervor.Oft bin ich mir nicht sicher, ob ich mich an eine Situation erinnere oder an ein Bild dieser Situation.In meiner Familie wurde immer viel fotografiert. Mein Vater hat über viele Jahre unser Familienleben dokumentiert. Die Fotografien wurden gesammelt, sortiert und in Alben archiviert. Diese Alben waren immer präsent. Wir haben sie gemeinsam angeschaut, immer wieder. Manche Erinnerungen scheinen deshalb fast untrennbar mit Fotografien verbunden zu sein. Vielleicht erinnere ich mich manchmal weniger an einen tatsächlichen Moment als an dessen Bild.Mich interessiert dieser Zustand, in dem Erinnerung bereits durch Bilder gegangen ist.Vielleicht entstehen meine Arbeiten auch deshalb oft aus anderen Bildern heraus. Ich sammle Fotografien aus Büchern und Zeitschriften, Landschaftsaufnahmen, Tierabbildungen, eigene Fotos und Zeichnungen. Manche Bilder begleiten mich lange, ohne dass ich genau weiß warum. Erst später beginnen sie sich miteinander zu verbinden.Die Arbeiten entstehen selten direkt. Meist gehen sie durch mehrere Zustände hindurch. Aus Fotografien werden Zeichnungen, aus Zeichnungen manchmal Malereien, und aus diesen wiederum entwickeln sich Holzschnitte. Mit jeder neuen Arbeitsschicht verändert sich das Bild erneut.Mich interessiert dabei weniger die möglichst genaue Wiedergabe eines Motivs als die Entstehung eines Bildraums. Realistisches Zeichnen interessiert mich dabei weniger als Zwischentöne, Verzeichnungen und der sichtbare Prozess einer Zeichnung. Die Art, wie sich durch Linien, Flächen und Unschärfen langsam eine Atmosphäre bildet.Viele meiner Bilder gehen zurück auf Erinnerungen an meine Kindheit. Sommer und Urlaube an der Mecklenburgischen Seenplatte. Das Waten durch den Schlamm am Ufer. Das Licht auf Wasserflächen. Das Beobachten von Tieren. Schilf. Fische in Reusen. Der Geruch von Wasserpflanzen, feuchtem Holz und warmer Erde.Ich erinnere mich daran, wie sich Wahrnehmung verändern konnte, wenn ich lange genug beobachtete oder spielte. Wenn ich mich im Schilf versteckte oder lange im Gras lag, begannen sich Dinge ineinander aufzulösen. Vordergrund und Hintergrund wurden undeutlich. Die Halme vor meinem Gesicht wurden zu Bäumen. Das gegenüberliegende Ufer verschwand beinahe im Licht auf dem Wasser.Es gab viele Arten des Abtauchens.Vielleicht entstehen meine Bilder aus dem Versuch, mich an diese Form des Sehens zu erinnern. Dabei geht es nicht um Nostalgie oder darum, Kindheit abzubilden. Mich interessiert vielmehr, wie sich diese Zustände verändern und wie bestimmte Formen des Spielens und Vorstellens mit dem Älterwerden verschwinden oder verwandeln.Als Kind konnte ich vollständig in solche Bildräume hineingehen. Durch Lesen, Beobachten oder Spielen entstanden eigene Welten. Räume verschoben sich. Dinge wurden größer, undeutlicher oder fremd. Vielleicht versuche ich beim Arbeiten nicht konkrete Situationen festzuhalten, sondern eine Erinnerung an diese Wahrnehmung.In meinen Bildern tauchen oft ähnliche Dinge auf: Seen, Wälder, Häuser oder Hütten, Fenster, Tiere, der Mond oder die Sonne.Ich glaube, diese Dinge geben dem Bild Halt. Der Mond zum Beispiel: eine helle Form im oberen Teil des Bildes, etwas, an dem sich der Blick festhalten kann, bevor er weiterwandert. Auch Tiere spielen oft eine wichtige Rolle. Es fällt mir schwer, Bilder ohne Bewohner zu denken. Nicht unbedingt Menschen, aber etwas Lebendiges muss oft im Raum sein.Die Häuser oder Hütten empfinde ich dabei nicht als Orte, die betreten werden wollen. Sie stehen eher im Bildraum wie Bäume, Horizonte oder Berge. Sie sind präsent, aber entfernt.Überhaupt empfinde ich meine Bilder meist als still. Vielleicht können Betrachter Lautstärke in ihnen wahrnehmen, aber für mich wirken sie eher wie eingefrorene Zustände. Stillstehende Bewegung. Lautstärke, die nicht mehr laut ist.Mich interessiert dieser Moment, in dem Dinge beginnen, sich dem eindeutigen Benennen zu entziehen.Der Holzschnitt ist dabei für mich keine Technik, die einfach ein fertiges Bild umsetzt. Viele Entscheidungen entstehen erst während des Druckens.Ich arbeite mit der Technik der verlorenen Form. Am Anfang gibt es meist nur eine grobe Vorzeichnung auf der Platte. Nach jedem Druck wird die Platte abgewaschen. Die Farbe zieht langsam in das Holz ein. Die Zeichnung beginnt zu verschwinden. Irgendwann kann ich nur noch erahnen, was ursprünglich eingezeichnet war.Ab diesem Punkt arbeite ich weniger nach einer Zeichnung als nach einer Erinnerung an die Zeichnung.Mit jedem Schnitt verschwindet etwas unwiderruflich. Möglichkeiten gehen verloren. Vielleicht arbeite ich deshalb so gerne mit dem Holzschnitt. In der Malerei kann ich immer wieder zurückgehen, im Holzschnitt irgendwann nicht mehr.Das Bild beginnt sich langsam meiner Kontrolle zu entziehen.Farben werden übereinander gedruckt. Flächen lösen sich auf oder beginnen plötzlich Raum zu bilden. Maserungen treten hervor. Dinge tauchen auf und verschwinden wieder. Manche Entscheidungen entstehen bewusst, andere durch Material, Zufall oder Druck.Ich arbeite meist im Handabrieb. Die Menge der Farbe, die Stärke des Drucks oder die Struktur des Holzes verändern das Bild immer wieder. Beim Abziehen des Druckstocks entsteht jedes Mal ein Moment von Spannung. Man sieht die neue Schicht zum ersten Mal im Bild liegen.Mit der Zeit entwickelt sich aus Flächen ein Raum. Manchmal kippt ein Bild dabei. Etwas wird zu viel oder zu wenig. Es ist wichtig, den richtigen Augenblick nicht zu verpassen. Oft verstehe ich erst einen Tag später, wie ein Bild weitergehen muss.Farben spielen dabei eine große Rolle. Ich mische sie meist intuitiv. Oft weiß ich nur ungefähr, in welche Richtung ich will. Erst im Druck zeigt sich, ob ein Ton wirklich funktioniert, wie er neben anderen Farben liegt und ob er etwas hervorholt oder verschwinden lässt.Bestimmte Farben kehren immer wieder zurück: Blau, Grün, mit Weiß gemischte Gelbtöne, tiefes Rot. Mich interessiert dabei weniger eine naturalistische Farbigkeit als eine Form von Intensität.Vielleicht entstehen die Bilder insgesamt aus dem Versuch, Räume zu schaffen, in denen Dinge nicht vollständig voneinander getrennt sind: Erinnerung und Gegenwart, Beobachtung und Vorstellung, Wirklichkeit und Spiel.Das Arbeiten an diesen Bildern ist für mich vielleicht auch ein Versuch, etwas festzuhalten, das sich verändert oder langsam verloren geht. Nicht un- bedingt konkrete Erinnerungen, sondern die Fähigkeit, vollständig in eigene Bildwelten einzutauchen.Bis jetzt habe ich die Freude am Bauen dieser Bildwelten noch nicht verloren.Vielleicht mache ich deshalb weiter Bilder.