Lehrangebot

Andere Widerstände

Die Rede vom „Widerstand“ prägt einen der wichtigsten und ausdauerndsten Ausdrücke des 20. Jahrhunderts. In der Philosophie des 20. Jahrhunderts gab es dementsprechend immer wieder ein vorsichtiges Vorhaben einer Beschreibung der Summe von Ereignissen, Haltungen, Gesten und Symbolen, die sich hinter diesem Ausdruck sammeln.  Mittlerweile ist der Begriff des Widerstandes gleichsam theoretisch verschwommen wie im öffentlichen Diskurs zugespitzt. Der Glaube an das heldenhaft aufbegehrende, souverän handelnde Subjekt ist erschüttert, Theorie und Praxis benachbarter Ideen und Ideale wie jenen der Politik, des Humanismus, des Ungehorsams, sind in der Krise. Dennoch scheint uns auch im gegenwärtigen historischen Moment ein Begehren nach Widerstand zu begleiten –doch was meinen wir eigentlich, was können oder wollen wir heute meinen, wenn wir von „Widerstand“ sprechen? In wessen Namen gilt es heute wem zu widerstehen? Wer trägt die Verantwortung, zu widerstehen, und welchen Verantwortungen soll widerstanden werden? 

In diesem Seminar wollen wir versuchen, Widerstand jenseits kanonischer Vorstellungen (wie etwa als offene Rebellion, Heldentat des Individuums oder ziviler Ungehorsam) zu denken. Auf Grundlage philosophischer Texte gilt es nach einer Idee des Widerstandes zu suchen, die auch passive, fröhliche, melancholische, spielerische, unvollständige, verträumte oder nicht-zielgerichtete Formen umfasst – Widerstände, die sich nicht klar artikulieren lassen, die verneinen, sich entziehen, beharren oder etwas offenhalten. Statt um heroische Gegenmacht soll es um alternative, migratorische und transformative Ausdrucksformen gehen, die jenseits hegemonialer Ordnung neue Sinnfelder eröffnen und auf einen Bruch oder eine Leerstelle des Denkens und Handelns verweisen. Es soll uns auch um die Frage gehen, welche Aufgabe (wenn überhaupt) Kunst in diesem Zusammenhang zukommt. Bei Hélène Cixous heißt es „Es gibt keine Kunst, die nicht ein sublimierter Akt des Widerstandes wäre.“ Inwiefern kann, darf, soll Kunst widerstehen? Und inwiefern eröffnet sich uns ein anderes Verständnis von Widerstand und widerständigem Handeln über, durch, dank der Kunst? 

Studierende sind gerne eingeladen, eigene Arbeiten in diesem Kontext vorzustellen und zu diskutieren. Das Seminar wird voraussichtlich in drei Blocksitzungen stattfinden. 

Nach einer einführenden Sitzung zu Semesterbeginn findet das Seminar in Form von drei jeweils zweitägigen Blockterminen statt. Jeder Block besteht aus zwei je vierstündigen Teilen an aufeinanderfolgenden Tagen, die wiederum, und je nach Bedarf, aus einem Lektüre- und Diskussionsteil, einer Pause und einem Beispielteil bestehen.

Clara Berlich hat ein Masterstudium der Philosophie an der Freien Universität abgeschlossen und war seitdem u.A. als freie Autorin, Lektorin, und in einer Berliner Notunterkunft tätig. Ihr Dissertationsprojekt widmet sich Phänomen und Begriff des Widerstandes durch eine Analyse der Rezeptionsgeschichte und verschiedener künstlerischer Bearbeitungen der Sophokleischen Antigone. Im Zentrum steht die Frage, wie Widerstand jenseits eines autonomen Subjektbegriffs als sinnoffen und -öffnend beschrieben werden kann. Allgemeinere Arbeitsinteressen umfassen die An/Abwesenheit des Körpers als Ganzes, Einzelnes oder Brüchiges in Philosophie und Philosophiegeschichte; sowie sich daraus ergebende Formen, Figuren und Spielarten von Widerspenstigkeit und Erlösung (in) der Neuzeit.