Lehrangebot

(Ver-)Lernort Schule. Machtkritik und Care im Kunstunterricht

Stühle kippen, lehnen fragil aneinander. Darauf sitzen oder liegen junge Menschen, balancieren das empfindliche Gleichgewicht, indem sie sich aneinander lehnen, ihr Gewicht verlagern, sich gegenseitig stützen. Die Übung “Collectively Rocking Chairs” untersucht das Verhältnis von Körpern und Schulmöbeln in Gruppengesprächen und schlägt eine Alternative zu räumlichen Routinen und funktionalen Abläufen vor. In ihrem Projekt “Hidden Curriculum” nimmt die Künstlerin Annette Krauss zusammen mit Schüler*innen unsichtbare Strukturen im schulischen Alltag in den Blick, die Lernsituationen unbewusst organisieren, aber auch aktiv verändert werden können (vgl. Krauss 2014).

Die Schule ist eine Bildungsinstitution, die stark durch die Architektur des Schulgebäudes, die Möblierung von Klassenzimmern, die Bereitstellung von Unterrichtsmaterial sowie zeitliche, normative und soziale Vorgaben hierarchisch strukturiert wird. Das Setting, in dem Lernen stattfindet, beeinflusst damit auch die Selbst-, Fremd- und Weltwahrnehmung sowie die empfundene Handlungsfähigkeit von Schüler*innen über den schulischen Raum hinaus. Wie bell hooks in Die Welt verändern lernen. Bildung als Praxis der Freiheit betont, kann Bildung niemals neutral sein, da sich Macht beispielsweise in der Auswahl dessen manifestiert, was als relevantes Wissen gilt und welche Perspektiven Raum erhalten (vgl. hooks 2023). Dass Schule kein neutraler Raum ist, zeigt sich auch in aktuellen bildungspolitischen Programmatiken und Diskursen, in denen autoritäre Vorstellungen von Unterricht und eine Abwertung demokratischer, partizipativer Schulgestaltung offen vertreten werden.

Eine aufmerksame, kritische Reflexion des Bildungssystems scheint daher angebracht. (Macht)Kritik wird im Seminar nicht als distanzierende Analyse verstanden, sondern als Ausgangspunkt dafür, die Schule als Bildungsinstitution demokratisch, fürsorglich und kreativ mitzugestalten. Das Thema Sorge (Care) begreifen wir dabei als zentrale Dimension von Kritik, denn “[w]ie ein Hinterfragen, ein Zerlegen und Dissoziieren mit einem Zuwenden, sich Kümmern und dem sich Sorgen verknüpft werden kann, bleibt nicht nur für wissenschaftliche Zugangsweisen eine Aufgabe [...], sondern – vielleicht noch deutlicher – im Feld der Kunst und der Kunstvermittlung.“ (Laner 2025, 20)

Im Zentrum des Seminars steht die Frage, welche spezifischen Potenziale die Kunstpädagogik besitzt, um auf Machtverhältnisse sowie normative Setzungen im schulischen Kontext zu reagieren und alternative, emanzipatorische Gegenentwürfe zu entwickeln. Wie können angehende Lehrpersonen verantwortungsvoll mit ihrer eigenen machtvollen Position umgehen? Wie lassen sich narrative, bildnerische, performative oder kollaborative Formate im Kunstunterricht einsetzen, um Schüler*innen aktiv in demokratische Lern- und Mitgestaltungsprozesse einzubinden? Aufbauend auf einer theoretischen Fundierung werden im Seminar gemeinschaftlich kunstpädagogische Vermittlungssituationen entwickelt, praktisch erprobt und kritisch reflektiert. Ziel ist es, Lernmomente zu schaffen, in denen Schüler*innen ihre Stimmen und Erfahrungen im Kontext ihrer eigenen Bildung als wirkmächtig erkennen, hegemoniale Narrative hinterfragen und gemeinsam neue Möglichkeiten des Denkens und Handelns entwickeln. Auf diese Weise wird Kunstunterricht zu einem Ort, an dem kritisches Bewusstsein und gegenseitige Verantwortung praktisch erlebbar werden.

Bitte melden Sie sich unter Angabe des Studiengangs für das Seminar an:
ed.ellah-grub@rennerb und ed.ellah-grub@resiaks

Name der Lehrenden – Name of Teacher

Kat Brenner & Sarah Kaiser

Lernziel / Qualifikationsziele – Objectives / Learning Outcome

Kenntnis grundlegender historischer und aktueller fachdidaktischer Positionen sowie kunstpädagogischer Vermittlungsmodelle und -formate

Entwicklung grundlegender Fähigkeiten zur kooperativen Entwicklung, Planung, Erprobung und Reflexion von Vermittlungssituationen unter Berücksichtigung der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen und von schulstufen- und schulformspezifischen Besonderheiten

Entwicklung vertiefter fachdidaktischer Fähigkeiten unter Bezug auf bereits in der Praxis gewonnene Erfahrungen

Bildung einer kritisch-reflexiven Grundhaltung gegenüber wissenschaftlichen Thesen und fachspezifischen Theorien

Fähigkeit, das kulturelle, gesellschaftliche und politische Diskursfeld, in dem sich die Inhalte bewegen, zu reflektieren

Veranstaltungsart und –methodik – Teaching and working methods

Seminar

Beurteilung – Assessment

Studierende Kunst (Lehramt) (WK-FD3): Teilmodulleistung (unbenotete Präsentation) oder / und Modulprüfung (unbenotete Präsentation + benotete mündliche Prüfung).

Studierende M.A. Lehramt Kunst (Fachdidaktik 3): Teilmodul B, Teilnahmeschein (unbenotete Präsentation)

Studierende des MA Kunstwissenschaften bei Modul 2: Teilmodulleistung (unbenotete Präsentation), Studierende des MA Kunstwissenschaften bei Modul 3: Teilmodulleistung (unbenotete Präsentation)

Literatur und Vorbereitungsempfehlung

Freire, Paulo (1973): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Hamburg: Rowohlt Verlag.

hooks, bell (2024): Die Welt verändern lernen. Bildung als Praxis der Freiheit. 2. Auflage. Münster: Unrast.

Krauss, Annette (2014): Tables and Chairs to Live With. p|art|icipate. KULTUR AKTIV GESTALTEN. Online: www.p-art-icipate.net, zuletzt geprüft am 1. März 2026.

Ladson-Billings, Gloria (1995): But That’s Just Good Teaching! The Case for Culturally Relevant Pedagogy. THEORY INTO PRACTICE 34 (3).

Laner, Iris (2025): Kritik (in) der Kunstpädagogik. Ihre Formen, Relationen und Potenziale denken. Zeitschrift Kunst Medien Bildung | zkmb. Online: zkmb.de, zuletzt geprüft am 1. März 2026.

Mahlknecht, Barbara (2025): Ein neuer Turn? Kritik, Kunst, Vermittlung und Sorge: In: Laner, Iris (Hg.): Kritik (in) der Kunstpädagogik. Ihre Formen, Relationen und Potenziale denken. Zeitschrift Kunst Medien Bildung | zkmb. Online: https://zkmb.de/ein-neuer-turn-kritik-kunst-vermittlung-und-sorge/, zuletzt geprüft am 1. März 2026.

Oberprantacher, Andreas/Laner, Iris (Hg.) (2026): Politische Bildung als ästhetische Bildung – Ästhetische Bildung als politische Bildung?! Erfahrungsorientierte Bildungsforschung. Weinheim: Beltz Verlagsgruppe.

Rogoff, Irit (2007): “Schmuggeln”. Eine verkörperte Kritikalität. what’s next? Online: whtsnxt.net, zuletzt geprüft am 1. März 2026.

Shor, Ira (1997): When Students Have Power. Negotiating Authority in a Critical Pedagogy. 2. Auflage. Chicago: University of Chicago Press.

Sternfeld, Nora (2014): Verlernen vermitteln: Kunstpädagogische Positionen. Köln: Universität zu Köln, Institut für Kunst & Kunsttheorie. Online: https://kunst.uni-koeln.de/kpp/wp-content/uploads/sites/5/2023/04/KPP30_Sternfeld.pdf, zuletzt geprüft am 1. März 2026.

Winkler, Antje/Brenne, Andreas (Hg.) (2026): »Sharing is Caring« - Perspektiven und Praktiken einer diskriminierungs- und machtkritischen Kunstpädagogik: Pädagogik: Bielefeld: transcript. Online: https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/96/3d/ba/oa9783839400609b3jGosHAVjM36.pdf, zuletzt geprüft am 1. März 2026.

Die Literaturauswahl wird gemeinsam im Seminar besprochen und ggf. ergänzt. BURG Box und Semesterapparat folgen.

Verwendbarkeit

Kunst (Lehramt): Fachdidaktik 3 (WK-FD 3)

M.A. Lehramt Kunst: Fachdidaktik 3

M.A. Kunstwissenschaften: Modul 2 oder Modul 3

Zugangsvoraussetzung - Prerequisites

Kunst (Lehramt) und MA Lehramt Kunst: Zum Ablegen der Modulprüfung Fachdidaktik 3 muss das Modul Fachdidaktik 1 abgeschlossen sein (Hausarbeit).

Umfang in SWS

2

Max. Teilnehmer*innen

25

Häufigkeit, Dauer und Termine / Ort des Angebots

Montag, 14.15 – 15.45 Uhr
Hermes, Seminarraum, 1. OG

Beginn

13.04.2026