Lehrangebot

Gebrechlichkeit

Das autonome Subjekt gerät heute gewaltsam ins Wanken. Während sich Tech-Milliardäre im Zusammenspiel von Kapital und Technologie ein Übermaß an Autonomie – ja sogar Unsterblichkeit – versprechen, wird die Welt zugleich immer gebrechlicher: Gewalt, Kriege, Klimakatastrophen.

Anstatt Auswege aus dieser Gebrechlichkeit zu entwerfen, suchen wir in diesem Seminar in der Gebrechlichkeit selbst nach einem anderen Denken als dem des autonomen, souveränen Subjekts – einem Denken der Gebrechlichkeit und Verwundbarkeit.

Im ersten Teil des Seminars widmen wir uns einer gemeinsamen philosophischen Lektüre: dem dritten Kapitel von Emmanuel Levinas’ Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht – mit besonderem Augenmerk auf die Passagen zu Sensibilität, Ausgesetztheit, Genießen, Verwundbarkeit, Nähe und Raum, An-archie.

Diese Perspektive erweitern wir anschließend um zeitgenössische feministische und postkoloniale Ansätze – etwa bei Judith Butler, Tina Campt, Christina Sharpe – mit Blick auf die Kunst als Horizont des Seminars. 

Levinas hat die westliche Philosophie mit der radikalen Forderung konfrontiert, das Selbst nicht als autonome Einheit zu denken, sondern als von einer Verantwortung für den Anderen her angerufen und in Anspruch genommen. In diesem Verständnis bricht das autonome Subjekt auf – es wird durchlässig für eine Beziehung, die ihm vorausgeht und es verpflichtet. Butler, Campt und Sharpe führen dieses Aufbrechen weiter, indem sie es in den Körper, in materielle und historische Bedingungen zurückholen: in die Prekarität, die ungleich verteilt ist (Butler), in die leisen Spuren und Gesten, die im Verborgenen Widerstand leisten (Campt), und in die fortwirkenden Verletzungen kolonialer Geschichte (Sharpe). In diesem körperlichen, materiellen Denken des Fragilen erkunden wir die Räume, die sich in den Rissen des autonomen Subjekts für die Künste öffnen: durchlässige, relationale, transitive Körper.