Kanon und Kanonen - beide Wörter haben einen gemeinsamen Ursprung: das griechische kánna – Schilfrohr. Doch während sich das eine zu kanṓn als Verzeichnis des Maßgeblichen engwickelte, wurde das andere zu cannone, zum Geschütz als Waffe. Kanon und Kanone – zwei Werkzeuge der Macht. Wir zielen mit dem einen auf das andere.
Das Masterseminar „Kanon und Kanonen“ ist als Lektüreseminar konzipiert. Es geht um die Frage, was wir lesen wollen und darum, den designwissenschaftlichen Kanon kritisch zu hinterfragen. In einem ersten Schritt möchten wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Geschichtsschreibung Narrativen folgt, die alles andere als objektiv sind. Geschichte ist „gemacht“. Das gilt auch für die Ideengeschichte des Designs. Diese ist verwoben mit dem Narrativ der Moderne, das den Glauben an einen teleologisch ausgerichteten Fortschritt und die Überlegenheit des Westens miteinschließt. Wohin uns das geführt hat können wir mittlerweile ziemlich gut erkennen ...
Um die Genese dieser großen Fortschrittserzählung besser zu verstehen, wollen wir uns zunächst in der Zeit weit zurückbewegen. Sehr, sehr weit. Unsere Überlegungen zum Design, seinen Theorien und Geschichten wollen wir nicht wie gewohnt mit Industrialisierung und Moderne beginnen lassen, sondern bei den Anfängen der Menschheit. Das klingt paradoxer, als es möglicherweise ist, denn bereits in der Geschichtsschreibung der Aufklärung tritt der Mensch als (weißer, männlicher) Beherrscher der Natur auf den Plan. Hier beginnt die Erzählung der Fortschrittsgeschichte von Jäger*innen und Sammler*innen über landwirtschaftliche Revolution zur Städtegründung und Staatenbildung und der Erfindung immer effizienterer und komplexerer Werkzeuge, Technologien und Institutionen.
Unsere Motivation ist es, solche dominanten und oft wiederholten Narrative des modernen, westlichen Denkens zu hinterfragen und nach Alternativen zu suchen. Hierzu erschließen wir uns historische und gegenwärtige Positionen des Designs, die sich – in ihrem jeweiligen gesellschaftspolitischen Kontext – dezidiert kritisch mit der hegemonialen Wissensordnung auseinandersetzen.
Die Veranstaltung ist eine Gemeinschaftsproduktion von Designtheorie (Prof. Dr. Pablo Abend) und Designanthropologie (Prof. Dr. Andrew Gilbert).














