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Finden/Erschaffen vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs

Meisterklassen zwischen Kunsthochschulen.
Eine Kooperation der BURG Giebichenstein Kunsthochschule Halle mit der Haute école des arts du Rhin (HEAR), Strasbourg.

Das Seminar verbindet künstlerische Praxis mit theoretischer Reflexion und bewegt sich damit im Feld künstlerischer Forschung. In gemeinsamen Sitzungen, Werkstattpräsentationen und einem Schreibatelier arbeiten Studierende beider Hochschulen entlang der Texte von Donald Winnicott, Anna Tsing und Fernand Deligny an der Frage, wie Kunst heute Weisen des Reparierens erfindet. Sprachen des Seminars sind sowohl Französisch als auch Deutsch.
Gefördert durch das Büro für Hochschulkooperation der Französischen Botschaft in Deutschland und das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) im Rahmen der Stärkung von Kooperationen zwischen deutschen und französischen Hochschulen.

Der Zusammenbruch ist zur (brüchigen) Kulisse unserer Existenz geworden – ein Zusammenbruch, der untrennbar ökologisch, sozial und psychisch ist. Zusammenbruch lässt sich als Einsturz (collapse) verstehen: Es hält nicht mehr. Was da war, ist nun zerstört, ohne dass man weiß, ob es sich noch wiederaufbauen lässt. Zusammenbruch lässt sich aber auch als Ausfall, als Panne (breakdown) verstehen: Die Art und Weise, wie es bisher funktionierte, trägt nicht mehr, scheitert, steht still. In dieser Version des Zusammenbruchs weiß man nicht mehr, wie man reparieren soll. Dieses Seminar geht von der Hypothese aus, dass die Diagnose eines allgemeinen Zusammenbruchs eher als breakdown denn als collapse zu begreifen ist – und dass Reparieren sich womöglich als angemessener erweist als Wiederaufbauen.

Wenn Kunst Erfindung ist (in dem Sinne, dass Finden und Erschaffen darin ununterscheidbar werden), dann wären es Weisen des Reparierens, die die Kunst gegenwärtig erfindet – ohne immer zu wissen, ob das, was sie tut, aus dem hervorgeht, was sie unter dem findet, was es schon nicht mehr gibt, oder aus dem, was sie aus dem erschafft, was es noch gibt. Um eine solche Fragestellung zu entfalten, stützen wir uns hauptsächlich auf drei Autor:innen: Donald Winnicott, Anna Tsing und Fernand Deligny. Nicht nur wegen der Bereiche, mit denen jede:r von ihnen jeweils verbunden ist – das Psychische, das Ökologische und das Soziale –, sondern vor allem wegen ihrer je eigenen Art, Künste des Reparierens auszuarbeiten, indem sie den Zusammenbruch, verstanden als Panne (breakdown), zur Arbeit bringen.

Autor*innen:

Donald Winnicott ist ein englischer Psychoanalytiker, der dafür bekannt ist, die von ihm sogenannten „Übergangsphänomene“ herausgearbeitet zu haben, die durch eine Existenzweise definiert sind, welche den Gegensatz zwischen objektiv (gefunden) und subjektiv (erschaffen) unterläuft. Dieser Autor wird uns aber vor allem deshalb interessieren, weil er gezeigt hat, dass der Zusammenbruch (breakdown) auf ein Versagen der Reparatur folgt. Es muss zuerst repariert werden, damit die Psyche nicht zusammenbricht. Während die Übergangsphänomene ausdrücklich mit der Frage der Kunst – und allgemeiner mit den schöpferischen Tätigkeiten – verknüpft sind, wird es darum gehen, das Verhältnis zu erkunden, das Winnicott ebenfalls zwischen Kunst und Zusammenbruch herstellt.

Anna Tsing ist eine US-amerikanische Anthropologin, die uns interessieren wird, weil sie eine „Arbeit des Scheiterns“ entwickelt hat, eine Kunst der Reibung (in dem Sinne, dass es die schlecht eingepassten Zahnräder sind, die die Maschine am Laufen halten). Bei ihr liefern die Ausfälle ein Potenzial für neue Formen der Reparatur. Tsing nutzt insbesondere den aus dem Design stammenden Begriff der Skalierbarkeit (der einen Typ von Objekt bezeichnet, dessen Wesen sich beim Wechsel des Maßstabs nicht verändert), zugeschnitten auf die expansive Logik des Kapitalismus, um die Suche nach einer „Theorie der Nicht-Skalierbarkeit“ anzustoßen. Es wird darum gehen, das Anwendungsfeld dieser Forschung auf Fragen zu öffnen, die mit künstlerischen Praktiken zusammenhängen.

Fernand Deligny ist ein französischer anarchistischer Pädagoge und Schriftsteller. Bei ihm befällt die Panne die Sprache und das Handeln. Sein Schreiben ist eine Art, „das Ausgedrückte zu bestreiken“, so wie seine Versuche im Feld ebenso viele Zusammenbrüche des „Machens“ sind. Wenn diese Panne (breakdown) einen Einsturz (collapse) der Beweggründe und Vorhaben des Machens voraussetzt, dann um zu ermöglichen, dass sich daran das „Agieren“ anschließt. Das Agieren hat nichts von „einer Art Verkümmerung des Machens“ (einem Machen ohne Mittel, ohne Ziel und ohne Wirksamkeit), sondern eröffnet ein Denken und eine Praxis der erfinderischen Reparatur. Weit entfernt von einem faden und konsensfähigen Lob des Scheiterns oder der Prekarität ist Delignys Werk vielmehr eine Kunst des Feldes und eine Theorie der Kunst des „Gefundenen/Erschaffenen“ und wird in dieser Eigenschaft herangezogen, um die Einsätze der heutigen Kunst zu befragen.

Literatur (Auswahl):

  • Deligny, Fernand: Das Arachneische. Aus dem Französischen von Ronald Voullié. Ostheim/Rhön: Verlag Peter Engstler 2017
  • Tsing, Anna Lowenhaupt: Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus. Aus dem Englischen von Dirk Höfer. Berlin: Matthes & Seitz (2018)
  • Tsing, Anna Lowenhaupt: Friktionen. Eine Ethnografie globaler Verflechtungen. Berlin: Matthes & Seitz (2025)
  • Winnicott, Donald W.: Vom Spiel zur Kreativität. Aus dem Englischen von Michael Ermann. Stuttgart: Klett-Cotta 1974
  • Winnicott, Donald W.: Die Angst vor dem Zusammenbruch. In: Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse 45 (1991), H. 12, S. 1116–1126. [Orig.: Fear of Breakdown. In: International Review of Psycho-Analysis 1 (1974), S. 103–107.]